Recherchen der ermordeten Journalistin führten in die Schweiz

Daphne Caruana Galizia schrieb über eine Bank mit Wurzeln in Genf und Zürich. Gegen diese laufen nun Ermittlungen. Der Bankchef sitzt in Haft.

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Die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia wurde am 16. Oktober 2017 durch eine Autobombe getötet. Eine Gruppe von 18 internationalen Medien, darunter der «Tages-Anzeiger», hat sich im Anschluss zum «Daphne-Projekt» zusammengetan, um ihre Recherchen fortzusetzen. Ein Teil dieser Recherchen führt jetzt auch in die Schweiz.

Caruana Galizia legte sich auf Malta mehrfach mit der Pilatus-Bank an, einem Privatinstitut mit nur etwa 130 Kunden. Daten aus den Panama Papers hatten gezeigt, dass der Stabschef des maltesischen Premierministers bei Pilatus Konten führte. Und zwar für dubiose Geschäfte, in denen nun ermittelt wird. Der Stabschef und die Bank versichern, es sei alles mit rechten Dingen zugegangen. Die Bank hatte die Journalistin sogar verklagt.

Video: Bombenanschlag am 16. Oktober 2017

Vor einem halben Jahr wurde Maltas bekannteste Journalistin Daphne Caruana Galizia ermordet. (Video: Tamedia/Storyful)

Doch vor wenigen Wochen zeigte sich, dass Caruana Galizia nicht ohne Grund recherchierte. Der Pilatus-Gründer, ein Iraner namens Ali Sadr, wurde in den USA verhaftet. Der Verdacht: Geldwäsche und Sanktionsbruch. Sadr sitzt bis heute in Untersuchungshaft. Er beteuert seine Unschuld, nimmt aber nicht konkret Stellung, mit Verweis auf das Verfahren. Die Behörden in London und Malta führen inzwischen ausgedehnte Ermittlungen gegen die Bank. Alle Gelder der Pilatus sind eingefroren.

Schweizer Wurzeln

Die Journalisten im «Daphne-Projekt» nahmen nun die Spur von Daphne Caruana Galizia auf. Dabei zeigte sich zweierlei. Erstens: Die Bank hat Schweizer Wurzeln. Zweitens: Zu ihren Kunden gehört auch die Herrscher-Elite des autoritär geführten Staates Aserbeidschan.

Auf einer internen Powerpoint-Folie erklärt die Bank, ihr Name sei abgeleitet vom Berg Pilatus, «einem 2128 Meter hohen Gipfel mit Aussicht auf die Stadt Luzern». Gemäss dieser Folie ist die Pilatus-Bank direkt aus einer Schweizer Vermögensverwaltungsfirma entstanden. Dabei handelt es sich um die Perse Swiss Finance & Asset Management SA, die der inhaftierte Bankchef Ali Sadr im Jahr 2011 in der Schweiz gegründet hatte. Geholfen hatte ihm ein Innerschweizer Anwalt.

Auch wenn die Perse inzwischen liquidiert ist, steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Pilatus-Bank noch heute, dass sie dazu berechtigt ist, alle Kundendaten an die Perse in der Schweiz zu übermitteln.

Weitere Firmen in der Schweiz

Ali Sadr hatte noch mindestens zwei weitere Firmen in der Schweiz. Über die eine lief der grösste Teil der 115 Millionen Dollar aus Venezuela, für die Ali Sadr nun in den USA verfolgt wird.

Ein Jahr vor der Gründung der Pilatus-Bank hatte Ali Sadr das Aktienkapital seiner Schweizer Firmen um knapp fünf Millionen Franken reduziert, wohl um damit das Gründungskapital für die Pilatus zu stellen. Eine mit Ali Sadrs Geschäften in der Schweiz vertraute Person sagt, Sadr habe von Anfang an das Ziel gehabt, im Westen eine Bank zu gründen.

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma äussert sich nicht zur Frage, ob Sadr sich in der Schweiz um eine Bankenlizenz bemüht hatte, bevor er in Malta Fuss fasste. Jedenfalls entsteht der Eindruck, dass die Schweiz Glück gehabt hat, dass die Bank in Malta und nicht hierzulande gegründet wurde. Insbesondere wenn man deren Kunden betrachtet.

Verborgene Investments

So bestätigt inzwischen die Familie eines Ministers aus Aserbeidschan, dass ihre Firmen Konten führen bei Pilatus. Es gehe hier ausschliesslich um legitime Geschäftsvorgänge, versichert sie auf Anfrage. Laut Aussagen aus Ermittlerkreisen tauchen gar Familienmitglieder des aserbeidschanischen Präsidenten Ilham Alijew in den Pilatus-Akten auf. Die Alijews reagierten nicht auf Anfragen.

Firmen mit Konten bei Pilatus stecken jedenfalls hinter einer ganzen Reihe von verborgenen Investments in Europa. Sie besitzen zwei Häuser in London im Wert von rund 18,4 Millionen Euro und eine 3,9 Millionen Euro teure Villa im spanischen Badeort Marbella an der Costa del Sol.

Der aserbeidschanischen Führung werden seit Jahren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Wahlfälschung vorgeworfen, was Alijew und Co. vehement abstreiten. Sollte sich bestätigen, dass die Entourage der Staatsführung hinter diesen Firmen steckt, kann das schnell zum Politikum werden.

«Es scheint, dass die Pilatus-Bank nachlässig in der Umsetzung der Massnahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung ist.»Abschlussbericht der maltesischen Anti-Korruptions-Einheit

Fest steht: Die maltesische Anti-Korruptions-Einheit hatte sich im März 2016 die Pilatus-Bank bereits einmal vorgenommen. Mit vernichtendem Ergebnis: «Es scheint, dass die Bank nachlässig in der Umsetzung der Massnahmen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung ist», heisst es im Abschlussbericht. Anscheinend habe es eine «eklatante, möglicherweise absichtliche Missachtung der massgeblichen gesetzlichen Bestimmungen gegeben».

Die Inspektoren bemängeln unter anderem, dass die Bank politisch exponierte Personen als Kunden akzeptierte, aber die Herkunft ihres Vermögens und der Gelder, die über die Bankkonten transferiert werden sollten, mitunter gar nicht oder nur unzureichend dokumentierte. Die Kunden stammen aus Aserbeidschan. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2018, 17:49 Uhr

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