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Retter! Erlöser! Messias!

Deutschland schreibt den Wahlerfolg der FDP in Nordrhein-Westfalen einzig und allein Christian Lindner zu. Bereits wird er als Nachfolger des ungeliebten Parteipräsidenten Philipp Rösler gehandelt.

Will die FDP zurück in den Bundestag führen: Christian Lindner spricht am Parteitag in Berlin. (7. Dezember 2013)
Will die FDP zurück in den Bundestag führen: Christian Lindner spricht am Parteitag in Berlin. (7. Dezember 2013)
Keystone
Galt schon früh als Nachfolger auf Philipp Röslers Posten: Christian Lindner neben dem amtierenden FDP-Chef. (13. Mai 2012)
Galt schon früh als Nachfolger auf Philipp Röslers Posten: Christian Lindner neben dem amtierenden FDP-Chef. (13. Mai 2012)
Reuters
Sein Politstil wird als personenbezogen und volksnah bezeichnet: Christian Lindner.
Sein Politstil wird als personenbezogen und volksnah bezeichnet: Christian Lindner.
Keystone
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Die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen sorgten gleich für mehrere Überraschungen: Nebst dem Wahlverlust der Regierungspartei CDU ist vor allem das gute Abschneiden der FDP augenfällig: Der Zuwachs von 6,7 auf 8,6 Prozent scheint zwar marginal. Dennoch darf das Resultat aufgrund der desaströsen Ergebnisse der letzten Monate als Auferstehung der einstigen 15-Prozent-Partei gewertet werden.

Parteichef Philipp Rösler machte im Gespräch bei Günther Jauch am Sonntag dennoch einen etwas zerknitterten Eindruck. Rösler – den gemäss einer ARD-Umfrage mittlerweile 74 Prozent aller Deutschen für den falschen FDP-Präsidenten halten – spürte wohl, dass dieser Sieg nicht «sein Sieg» ist. In Deutschland ist der Tenor klar: Dieser Erfolg ist das Werk von Christian Lindner. «Lindner hat mal kurz die FDP gerettet», titelt «Spiegel online» und steigt somit in den Kanon lobender Kommentare für den erst 33-jährigen Wuppertaler mit ein.

«Lindner kann über Wasser laufen»

Retter! Erlöser! Messias! Mit solchen Bezeichnungen sei der FDP-Spitzenpolitiker in den Medien in den letzten Wochen bedacht worden, schreibt der «Stern». Eigentlich hätten die deutschen Journalisten schon alle Superlative verbraucht, alle Metaphern ausgereizt. Das Wahlresultat bestätigt nur noch, was das deutsche Magazin heute in seiner «fabelhaften Lindner-Story» beschreibt: «Der politische Gottesbeweis scheint erbracht: 8,6 Prozent! FDP gerettet! Christian Lindner kann über Wasser laufen, zumindest an Rhein und Ruhr.»

Lindners Erfolg ist wohl das Resultat seines personenbezogenen und betont volksnahen Politstils. Damit schafft er es, eine neue Generation zu mobilisieren: Auffallend viele Junge stimmten an der gestrigen Wahlparty in den Chor mit ein: «Oh, wie ist das schön. Oh, wie ist das schön.» Bezeichnend auch die Aussage eines Jugendlichen in der Hamburger U-Bahn: «Der Lindner ist cool, doch der Rösler muss weg.» Seine Kollegen – allesamt in Poloshirts gekleidet – nickten anerkennend, wie der Redaktion Tamedia-Autor vor zwei Wochen in der Hansestadt beobachtet hatte.

Bald im Vizepräsidium?

Lindner top – Rösler floppt: Nach dem Wahlerfolg mehren sich die Stimmen, die in Lindner einen Nachfolger des unpopulären Parteipräsidenten sehen. Geht es nach führenden FDP-Politikern soll Lindner jedenfalls möglichst bald FDP-Vizevorsitzender werden, wie die «Bild»-Zeitung berichtet (Artikel online nicht verfügbar). Spätestens in einem Jahr jedenfalls soll Lindner zu einem der drei FDP-Vizes gewählt werden. Es könne nicht sein, dass Lindner nach dem Wahlerfolg nicht im Präsidium sitze, heisst es im Bericht.

Auch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) empfiehlt Lindner für höhere Aufgaben. «Sein Triumph ist ein Erfolgsmodell für die FDP», sagte die Vizeparteivorsitzende gegenüber der Tageszeitung «Die Welt». «Klare Haltung, nicht umfallen, mit diesem Stil gewinnt die FDP.»

«Da müssen konkrete Inhalte her»

Lindners Politik bringt ihm aber auch Kritik ein. Ausgerechnet Pirat Joachim Paul, dessen Partei bei den Wahlen in Nordrhein-Westfalen zum vierten Mal in Folge den Einzug in einen Landtag schaffte, scheint Lindner den Erfolg nicht zu gönnen. «Ich denke, die Zukunft wird zeigen, wie lange eine personenbasierte Politik trägt. Ich glaube, dass sie nicht sehr weit trägt», sagte Paul der Nachrichtenagentur DAPD zu dem überraschenden Wahlergebnis. «Da müssen konkrete Inhalte her. Herr Lindner ist zwar eine nette Person, aber da reicht nicht allein die Person», fügte der 54-jährige promovierte Biophysiker hinzu.

Lindner selbst gab sich an der Wahlparty bescheiden, wie das «Hamburger Abendblatt» schreibt: Das Ergebnis sei kein Dank für Geleistetes, sondern «ein Auftrag», sagte er. Unklar ist momentan noch, wo dieser Auftrag hinführen soll. Falls die CDU weiterhin an Wähleranteilen verliert, könnte dies auch die Koalition gefährden. «Schwarz-Gelb ist tot», sagt ein Liberaler an diesem Wahlabend. Mehr denn je wird nun über eine künftige Zusammenarbeit der FDP mit der wiedererstarkenden SPD und den Grünen spekuliert. Dazu wollte sich Lindner aber noch nicht äussern.

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