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Roma-Mörder verliessen während Urteilsbegründung den Saal

Die Mörder zeigen keine Reue, zum Tathergang sind noch Fragen offen: Nach der Verurteilung zu lebenslanger Haft bleibt die grausame Mordserie an Roma in Ungarn weiter ein Thema – auch für die Politik.

sam/bru

Mit versteinerter Miene sassen die Mörder da, während Richter Laszlo Miszori im übervollen Saal das Urteil verlas: lebenslange Haft für drei Haupttäter, 13 Jahre Gefängnis für einen Komplizen. Die vier Rechtsradikalen sind laut Urteil verantwortlich für die Mordserie an sechs Roma in den Jahren 2008 und 2009, die Ungarn erschüttert hatte. Neun Anschläge waren es, 78 Gewehrschüsse und 11 Molotowcocktails. Fünf dieser Attentate waren tödlich.

Ganz besonders verstörte der Fall in Tatarszentgyörgy bei Budapest: Mitten in der Nacht zum 23. Februar 2009 hatten die uniformierten Täter dort das Haus einer jungen Roma-Familie mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt und dann auf die verzweifelten Menschen geschossen, die vor den Flammen flohen. Ein fünfjähriger Junge kam dabei ums Leben, zusammen mit seinem 27-jährigen Vater, der ihn trug.

Vor Gericht haben zwei Hauptangeklagte einen Wunsch: Sie wollen die Urteilsbegründung nicht zu Ende anhören. Daraufhin werden die beiden kahlgeschorenen Männer in Handschellen wieder in ihre Gefängniszellen geführt. Von Reue keine Spur. Vermutlich messen sie dem Geschehen im Gerichtssaal auch keine Bedeutung bei, weil es nur ein Urteil in erster Instanz ist. Ihre Rechtsanwälte sehen wohl wegen angeblicher Mängel bei den Ermittlungen Potenzial für weitere Prozesse.

Spurensicherung in der Kritik

Ungarns Medien berichteten zum Beispiel, die Ermittlungen in Tatarszentgyörgy hätten erst 12 Stunden nach der Tat begonnen. Dies mache die Ergebnisse der Spurensicherung fragwürdig. Zudem hätten die ersten am Tatort angerückten Polizisten die Schussverletzungen der Leichen als Prellungen durch herabgestürzte Holzbalken gedeutet. Ein Verbrechen hätten sie ausgeschlossen und einen rassistischen Hintergrund erst recht.

Zudem zeichnet sich eine politische Debatte um einen mysteriösen weiteren Täter ab, von dem auch die Staatsanwaltschaft ausgeht. Dass dieser Unbekannte noch nicht ermittelt worden sei, schreibt Ungarns rechtsnationale Regierungspartei FIDESZ den Chefs der Geheimdienste zu, die während der linksliberalen Vorgängerregierungen im Amt waren.

Diese Geheimdienstchefs seien «zentrale Figuren der Mafia-Linken» gewesen und hätten die umfassende Aufklärung der Roma-Morde «nicht nur nicht gefördert, sondern geradezu verhindert», erklärte der FIDESZ-Sprecher Robert Zsigo am Dienstag. FIDESZ regiert seit 2010.

Riesiger Andrang

Der Andrang im Budapester Gericht war überwältigend, zwei Säle reichten nicht aus, um die Menge der Interessierten zu fassen. Vereinzelt waren offensichtlich Rassisten dabei. Sie sagten, das Urteil sei «anti-ungarisch».

Die überwiegende Mehrheit im Publikum waren aber Roma. Viele vermissten ein ihnen wichtiges Element in der Urteilsbegründung: dass das Tatmotiv der Rassismus war. Richter Miszori hatte nur «niedrige Beweggründe» als Motiv genannt.

Dabei hatten zwei der Hauptangeklagten ausdrücklich gestanden, dass sie mit ihren Angriffen den Roma Angst einjagen wollten – wenngleich sie die Mordabsicht und auch die Morde leugneten. Rechtsradikalismus wurde nach bisherigen Informationen im Gerichtsurteil nur als Teil im Lebenslauf der Täter genannt.

(SDA)

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