Rosenkränze und Vergewal­tigung

Marek Lisinski ist 13 Jahre alt, als er das erste Mal vom Dorfpfarrer missbraucht wird. Seine Mutter nennt ihn einen Lügner. Heute kämpft er für die Missbrauchsopfer der Kirche.

Wut auf die Kirche: Im Februar stürzten Aktivisten in Danzig das Denkmal des lange verehrten Priesters Henryk Jankowski. Er gilt heute als Täter. Foto: Bartek Sabela (Reuters)

Wut auf die Kirche: Im Februar stürzten Aktivisten in Danzig das Denkmal des lange verehrten Priesters Henryk Jankowski. Er gilt heute als Täter. Foto: Bartek Sabela (Reuters)

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Für Marek Lisinski war es ein Moment, auf den er fast vier Jahrzehnte gewartet hatte. Mitte Februar flog der Gründer der Warschauer Bürgergruppe «Fürchtet euch nicht» («Nie Lekajcie Sie») nach Rom, um den Vatikan auf sexuellen Missbrauch durch katholische Priester in Polen aufmerksam zu machen. Lisinski und einige Mitstreiter waren für eine Generalaudienz beim Papst angemeldet. Zu der kommen jeden Mittwoch Abertausende Katholiken aus aller Welt für eine Stunde in die fussballplatzgrosse Aula Paolo VI. des Vatikan. Nach der Audienz am 20. Februar kam der Papst zu den Aktivisten aus Polen. Nach vielen Skandalen hat Franziskus die Bekämpfung sexuellen Missbrauchs endlich zur Chefsache gemacht.

Eine Mitstreiterin Lisinskis, die Abgeordnete Joanna Scheuring-Wielgus, überreichte dem Papst einen Bericht über Missbrauch – und erzählte, Lisinski sei selbst durch einen Priester missbraucht worden. Franziskus kam zu ihm, schwieg mitfühlend – und küsste Lisinskis Hand. «Es war ein aussergewöhnlicher Moment», sagt Lisinski, «ein Zeichen der Achtung nicht nur für mich, sondern für alle, die in Polen von Geistlichen missbraucht worden sind – und bis heute auf Gerechtigkeit warten.»

Lisinski wartete 38 Jahre lang. Er ist heute ein kräftiger Mann von 50 Jahren, mit kurzen weissen Haaren, besitzt eine Fensterbaufirma. Aber 1981 ist er ein Bub von 13 Jahren im Dorf Poniatowo, 130 Kilometer nordwestlich von Warschau. Moderne Sexualaufklärung gibt es damals hier nicht, der Pfarrer ist in dem Dorf mit kaum 200 Häusern als Stellvertreter Gottes unangefochtene Autorität. So ist das in vielen polnischen Dörfern noch heute. Mareks Vater hatte die Familie drei Jahre zuvor verlassen. Marek sieht Pfarrer Zdzislaw als Vaterersatz und fühlt sich geehrt, als der ihn zum Messdiener macht. Auch die Mutter ist überglücklich und hat keine Einwände, als der Geistliche fragt, ob Marek ihm abends beim Anfertigen von Rosenkränzen helfen und bei ihm übernachten kann.

Als er 14 ist, beginnt er zu trinken

In jener Nacht missbraucht und vergewaltigt der Geistliche den Jungen. Es bleibt nicht das einzige Mal. «Erst nach einem Dreivierteljahr habe ich den Mut gefunden, es meiner Mutter und meinem Grossvater zu sagen», erzählt Lisinski. Die Antwort von Mutter und Grossvater: «Du lügst – verschwinde!» Am selben Tag verlässt Marek Lisinski das Dorf und wächst in einem Internat auf. Als er 14 ist, beginnt er zu trinken. Noch heute sieht er sein Leben bestimmt vom Missbrauch und der «nie verblassenden Erinnerung»: «Ich habe nie mehr jemandem vertraut. Ich habe geheiratet und zwei Söhne bekommen. Doch ich habe meinen Söhnen damals nicht die Liebe gegeben, die sie verdienten. Auch die Ehe ist gescheitert.»

Erst zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Missbrauch beginnt er mit Therapien und arbeitet das Geschehene auf. Er erfährt, dass sein Vergewaltiger immer noch Priester ist. Strafrechtlich sind die Taten verjährt, doch Lisinski zeigt den Priester 2010 beim zuständigen Bischof in Plock an. Die Verhandlung vor dem Bischofsgericht hat Lisinski als inquisitorischen «Albtraum» in Erinnerung. Erst der Vatikan suspendiert den Priester und verbietet ihm jeden Kontakt zu Minderjährigen. Für drei Jahre. Heute sei der Geistliche, sagt Lisinski, wieder im Amt. Seit Jahren läuft ein Verfahren auf Entschädigung und Entschuldigung.

Nur ein Viertel der Sexualverbrecher musste das Priesteramt verlassen.

In der Schweiz, in Deutschland, den USA, in Irland oder Australien haben Untersuchungskommissionen Jahrzehnte zurückreichenden Missbrauch Abertausender Kinder und Jugendlicher dokumentiert. Das streng katholische Polen liegt bei der Aufarbeitung weit zurück. 2013 gründete Lisinski die Selbsthilfegruppe «Fürchtet euch nicht» und forderte die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche. «Damit rannte ich lange gegen eine Wand an. In mehr als fünf Jahren hat sich trotz etlicher Bitten kein Kirchenführer mit uns getroffen. Auch Parlamentarier wollten mit dem Thema nichts zu tun haben – aus Angst vor der Kirche und verlorenen Wählerstimmen», sagt er.

Offiziell müssen auch Polens Bischöfe seit 2001 sexuellen Missbrauch durch Geistliche dem Vatikan melden. Doch der Papst Franziskus überreichte Bericht der Bürgerrechtler führt Fälle auf, in denen 24 polnische Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle sexuellen Missbrauch offenbar vertuschten, die Aufarbeitung verschleppten oder Sexualverbrecher einfach in die nächste Gemeinde versetzten – und oft weiteren Missbrauch ermöglichten.

In Polen kam Lisinskis Geschichte Ende September 2018 leicht verfremdet in die Kinos als Spielfilm «Klerus». Lisinski beriet Regisseur Wojtjek Smarzowski, korrigierte das Drehbuch. Weit mehr als fünf Millionen Polen sahen den Film über drei katholische Priester. Sexueller Missbrauch wurde zum nationalen Thema. Die Bischöfe versprachen umfassende Aufklärung über Taten in ihren Reihen.

382 Missbrauchsfälle seit 1990

Doch anders als in anderen Ländern beauftragte man keine unabhängigen Experten, befragte keine Zeugen, nutzte keine staatlichen Ressourcen. Die Nachkriegszeit bis Ende des Kommunismus blieb ausgespart. Mitte März legten die Bischöfe eine sieben Seiten kurze Auswertung von Fragebögen an die Diözesen vor: Von 1990 bis Herbst 2018 seien der Kirche 382 Missbrauchsfälle an Minderjährigen bekannt geworden. Weniger als die Hälfte wurde der Justiz gemeldet. Nur ein Viertel der für schuldig befundenen Sexualverbrecher musste das Priesteramt verlassen.

Die Parlamentarierin Joanna Scheuring-Wielgus hält den Bericht der Bischöfe für «eine pure Feigenblattaktion, die gegenüber Rom Aktion vortäuschen sollte und nur die Spitze des Eisbergs zeigt», sagt sie in einem Café in Warschaus Zentrum. «Wir reden mit Sicherheit nicht über einige Hundert Missbrauchsfälle, sondern einige Tausend.» Lisinski sieht in ihr das einzige Parlamentsmitglied, das politisch an das Thema Missbrauch herangeht. Seit zwei Jahren gehört sie zum Vorstand von «Fürchtet euch nicht». «Ich hätte früher nie gedacht, dass Missbrauch in der Kirche so verbreitet ist», sagt die Mutter dreier Söhne. «Es kommen immer wieder Leute auf mich zu, die selbst Missbrauch erlebt, doch ihn nie gemeldet haben», sagt Scheuring-Wielgus. Später tritt eine Frau von etwa 50 an den Tisch und sagt: «Machen Sie weiter. Ich bin selbst als Kind von einem Priester missbraucht worden – alles wurde vertuscht.»

Katholiken, die auf Demut der Bischöfe hoffen, sehen sich getäuscht. Den Film «Klerus» verglich Erzbischof Stanislaw Gadecki, der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, ohne ihn gesehen zu haben, mit dem Nazi-Propagandafilm «Jud Süss». Und bei der Präsentation der Umfrage Mitte März spielten die Bischöfe Missbrauch durch Priester herunter: Gadecki sagte, Pädophilie sei ein globales Problem, der Begriff «Pädophile in der Kirche» sei ein «rein ideologisches Konstrukt», es solle «die Autorität der Kirche untergraben und das Vertrauen in sie vermindern».

Sein Leben ist bis heute vom Missbrauch bestimmt: Marek Lisinski. Foto: Youtube

Die Sexualerziehung in Schulen bezeichnete der Chef der Bischofskonferenz als «Programm der Sexualisierung der Kinder ..., um möglichst viel an Verhütungsmitteln zu verdienen». Sein Stellvertreter, Krakaus Erzbischof Marek Jedraszewski, nannte die Losung «Null Toleranz» für Kinderschänder eine «totalitäre Formulierung», die auch Nazis gegenüber Juden oder Bolschewiken bei politischen Feinden verwendet hätten.

Lisinski betreibt seit Jahresanfang im Norden Warschaus ein Betreuungszentrum für Missbrauchsopfer, finanziert aus Spendengeldern. Nach der Konferenz der Bischöfe stand sein Telefon nicht mehr still. «Viele Anrufer sagten mir, sie fühlten sich, als ob sie erneut vergewaltigt worden seien. Der älteste war 90 Jahre alt. Er wurde 1941 von einem Priester vergewaltigt – und hat mir erzählt, er erinnere sich an den Tag, als wäre es gestern gewesen.»

Unterschriften für Untersuchungskommission

Das Auftreten der Bischöfe löste bei vielen Katholiken «Schock und Empörung» aus, so das katholische Wochenmagazin «Tygodnik Powszechny». «Statt sich um das Wohl der Opfer zu sorgen, denken Polens Bischöfe vor allem an das Image der Institution» und bagatellisierten das Missbrauchsproblem weiter. Das Auftreten Erzbischof Gadeckis sei «beschämend». Zum Ende des Kommunismus hätten fast 90 Prozent der Polen der katholischen Kirche vertraut – heute nur noch 54 Prozent.

Marek Lisinski hat im Internet eine interaktive Karte über dokumentierte Fälle erstellt. «Wir haben bisher von mehr als 700 Missbrauchsfällen erfahren. Aber viele Opfer wollen erst aussagen, wenn es eine Untersuchungskommission gibt, die sie schützen kann und die echte Grössenordnung sexuellen Missbrauchs in unserer Kirche aufklärt – etwa eine von Bürgern ins Leben gerufene Kommission», sagt Lisinski. «Dafür müssen wir allerdings erst 100'000 Unterschriften sammeln.»

Scheuring-Wielgus setzt auf eine parlamentarische Untersuchungskommission – allerdings nicht der jetzigen der Kirche eng verbundenen Regierung. «So eine Kommission hat nur eine Geburtschance, wenn die PIS-Regierung im Herbst ihre Mehrheit im Parlament verliert», sagt sie. «Und selbst wenn die Opposition in einem neuen Parlament die Mehrheit stellen sollte, werde ich lange brauchen, um meine konservativen Kollegen zu überzeugen, dass wir diese Verbrechen aufarbeiten müssen. Ob es den Bischöfen passt oder nicht.»

Erstellt: 26.05.2019, 21:22 Uhr

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