Russen feiern den 11. Juni 2016 als «hervorragenden Tag»

Die Gewalt der Russen in Marseille wirkte organisiert, zumal der Sportminister die Hooligans noch anfeuerte. Nun ermittelt die Uefa.

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Der bisher letzte Eintrag von Alexander Schprygin in den sozialen Netzwerken liest sich wie ein höhnischer Nachtrag zu all den bestürzenden Ereignissen. «Der 11. Juni 2016, ein hervorragender Tag», so steht das über einem Foto, auf dem Russlands Nationalmannschaft zu sehen ist, wie sie sich vor der Kurve ihrer Fans für das überraschende 1:1 gegen England feiern lässt. Schprygin ist nicht irgendein Zuschauer, sondern Chef der russischen Fan-Vereinigung – und deswegen nun ein gefragter Mann.

Denn während das Bild mit den jubelnden Spielern der Sbornaja entstand, kam es nur ein paar Meter von Schprygin entfernt zu heftigen Attacken der russischen Fans. Sie stürmten an den Ordnern vorbei in den Nachbarblock auf englische Zuschauer, einige von diesen mussten sich gar in den Innenraum des Stadions retten.

Am Sonntag teilte Europas Fussball-Union (Uefa) mit, dass sie gegen Russlands Verband Ermittlungen aufnehmen würde. Es geht um die Attacken der Zuschauer gegen Spielende, aber auch um rassistisches Verhalten und das Werfen von Feuerwerkskörpern. Die Uefa ermittelt jedoch auch gegen Englands Verband. England und Russland wurden verwarnt, im Extremfall droht beiden Teilnehmern der Ausschluss aus dem EM-Turnier.

Opa Hitler wird verehrt

Wahrscheinlich am Dienstag will der Verband über die Bestrafung entscheiden. Theoretisch erlauben die Statuten gar einen Ausschluss der Mannschaft vom Turnier, am wahrscheinlichsten ist eine hohe Geldstrafe. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei Russland um einen Wiederholungstäter handelt: Schon bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine waren die Fans negativ aufgefallen. Damals gab es eine Geldstrafe über 120 000 Euro und die Drohung, in der Qualifikation für die EM 2016 sechs Punkte abzuziehen – dazu kam es aber nicht. Für langjährige Fanbeobachter sind die Vorkommnisse keine Überraschung. Die russische Szene bereitet ihnen – wie die Szenen diverser und keinesfalls nur osteuropäischer Länder – schon seit längerem Unbehagen.

In vielen Stadien gibt es einen harten Kern von Rechtsradikalen und gewaltbereiten Hooligans. Das führt dazu, dass viele normale Fans gar nicht mehr zu den Spielen gehen: In der abgelaufenen Saison besuchten eine Erstliga-Partie im Durchschnitt lediglich 11 046 Zuschauer. Des Öfteren kommt es zu verbalen Ausfällen gegen dunkelhäutige Spieler; auf den Tribünen tauchten in den vergangenen Jahren immer wieder Hakenkreuzflaggen oder an Adolf Hitlers Geburtstag Banner mit der Aufschrift «Herzlichen Glückwunsch, Opa» auf.

Die Ausfälle sind teilweise so heftig, dass der ivorische Mittelfeldspieler Yaya Touré von Manchester City nach einem Gastspiel bei ZSKA Moskau schon einen Boykott der WM in zwei Jahren anregte. Kritiker wie die Fussballer-Gewerkschaft Fifpro, die vor einigen Jahren in einem «Schwarzbuch Osteuropa» Missstände anprangerte, oder Football Against Racism in Europe (Fare) monieren, dass Russlands Verantwortliche in Sport und Politik sich dem Problem nicht richtig stellen würden. Zwar kommt es inzwischen öfter als früher zu Sanktionen, aber dies geschehe nicht konsequent genug, sagt Fare-Vertreter Pawel Klimenko. Und Gegenbewegungen in der Fanszene wie zum Beispiel eine Organisation mit dem Namen «ZSKA-Fans gegen Rassismus» tun sich schwer und können allenfalls Achtungserfolge für sich reklamieren: Im vergangenen Jahr sammelten sie Hinweise über das rechtsradikale Treiben einer 21-jährigen ZSKA-Anhängerin, die kurz zuvor als Schönheitskönigin von Club und Liga ausgezeichnet worden war – und die ­Titel dann aberkannt bekam.

Nur eine kleine Fahne

Es passt ins Bild, dass Russlands Verantwortliche auch bei den Krawallen von Marseille zunächst wieder auf Relati­vierung aus waren. Fan-Chef Schprygin teilte zusammengefasst mit: Betrunkene Engländer hätten angefangen, eine richtige Schlägerei hätte es gar nicht gegeben und rassistisches Verhalten schon gar nicht. Nur eine kleine Fahne mit einem Keltenkreuz, 50 mal 50 Zentimeter gross, sei im Sektor zu sehen gewesen. Und der in Sportfragen massgebliche Multi-Funktionär Witali Mutko – unter anderem Sportminister, Präsident des nationalen Fussballverbandes und Mitglied im Vorstand des Fussball-Weltverbandes – kritisierte erst einmal die Sicherheitsmassnahmen und angedeutete Parallelen zum russischen WM-Turnier in zwei Jahren: «Was hat die WM 2018 ­damit zu tun?»

Aber gegen die Klarheit der vielen Bilder konnte selbst Mutko nicht mehr viel ausrichten, und am Sonntag klang er schon ein bisschen anders. Da sprach er davon, dass solch ein Verhalten von ­einigen wenigen Zuschauern eine «Schande für das Land» und die Ermittlungen durch den Verband völlig richtig seien.

Wenn aber die Uefa die Vorfälle untersucht, könnte sie auch an Mutko selbst Fragen haben. Zum Beispiel, was er zu dem im Netz kursierenden Video sagt, auf dem er nach dem glücklichen Punktgewinn genau vor der Kurve steht, in der es gegen Spielende zu den Ausschreitungen kam – und das nicht mit mässigenden, sondern anfeuernden Gesten.

Witalij Mutko freut sich über den Punktegewinn. (Youtube/ko4kin)

Erstellt: 12.06.2016, 20:52 Uhr

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