Impact Journalism

Russischer Bauer kreiert Kryptowährung für sein Dorf

Er beschreibt sich als «alten Anarchisten»: Ex-Banker Michail Schljapnikow hat eine Kryptowährung erschaffen, um sein Dorf unabhängiger vom Staat zu machen.

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Von Nadeschka Krasnuschkina, «Kommersant», Russland

In Kolionowo, einem Dorf am Rande von Moskau, ist ein Bauer zum Vorreiter der modernen Kryptowirtschaft geworden. Hier wurde erstmals in Russland eine Kryptowährung für die Landwirtschaft herausgegeben – auf Initiative von Michail Schljapnikow (54), der sich selbst als «alten Anarchisten» beschreibt und in seinem Lebensunterhalt nicht mehr vom Staat abhängig sein möchte.

Dieses Jahr will die russische Regierung 84 Millionen Franken an günstigen Krediten für landwirtschaftliche Projekte zur Verfügung stellen. 2017 erhielten Bauern etwa 8000 vergleichbare Kredite mit einem Gesamtwert von etwa 100 Millionen Franken. Aber 80 Prozent dieser Summe gingen an grosse Betriebe und Agrounternehmen, die nur zwei Prozent aller landwirtschaftlichen Produzenten ausmachen. So mussten die allermeisten Dorfbewohner irgendwie selbst zurechtkommen. «Man kann entweder auf Zuwendungen vom Staat warten oder selbst für bessere Lebensbedingungen sorgen», sagt Schljapnikow.

Der Bauer, der in den 90er-Jahren Geschäftsmann und Banker war, zog 2007 in das Dorf, nachdem bei ihm ein unheilbarer Krebs diagnostiziert worden war. Er besitzt heute 25 Hektaren Land zur Saatzucht und pachtet weitere 75 Hektaren für den Anbau von Kartoffeln und anderen Produkten. Aber seine Absicht, sich in Frieden zurückzuziehen, ist verflogen. Stattdessen hat er ein erfolgreiches landwirtschaftliches Projekt gestartet: Als Reaktion auf die Wirtschaftskrise beschloss er, eine eigene örtliche Währung zu schaffen, den Kolion.

«Ich sass eines Tages im Jahr 2014 mit meinem Nachbarn bei einem Drink zusammen, und wir klagten darüber, dass wir kein Geld hatten», erzählt er. «Da haben wir, schon etwas angetrunken, eine Druckerei angerufen und uns eine Million Kolion drucken lassen.»

Das staatliche Finanzsystem untergraben

Der Wert der Kolions war an den Wert seines Hofes gekoppelt, an einen Sack Kartoffeln oder eine Gans, und die Währung erlaubte es dem Bauern, innerhalb von Kolionowo seine Produkte zum halben Preis zu verkaufen, Händler und seine Angestellten zu bezahlen. Er konnte sogar ein altes Dorfspital in ein Gewächshaus umbauen.

Aber ein Jahr später wurde gegen ihn ermittelt, weil er illegal eine eigene Währung herausgegeben hatte. Ein Gericht entschied, dass er damit das staatliche Finanzsystem untergrabe, und die Kolions wurden verboten.

Dieser Artikel ist Teil unserer Berichterstattung zum Impact Journalism Day 2018. Hier gehts zur Collection.

Aber die Konfrontation mit dem Staat konnte Schljapnikow nicht stoppen. Stattdessen wandte er sich dem Blockchain-Markt zu, um Investoren für seinen Hof zu finden. 2016 lancierte er erstmals ein ICO (Initial Coin Offering – ein öffentliches Angebot einer Kryptowährung) und brachte etwa 15'000 Franken auf der Plattform Emercoin zusammen. Die Investoren erhielten im Tausch dafür landwirtschaftliche Produkte, während die Profite zur Weiterentwicklung des Hofes eingesetzt wurden. Im April 2017 kreierte Schljapnikow dann die virtuelle Kolion-Währung (KLN) auf der Plattform Waves. Innerhalb eines Monats sammelte er 401 Bitcoins von 103 Investoren; sie waren im Februar 2018 etwa fünf Millionen Franken wert.

«Das ist nicht schlecht für einen Hof in einem Dorf mit vier Einwohnern», meint Schljapnikow. Aber der Wechselkurs des Kolion ist, wie bei allen Kryptowährungen, ausgesprochen volatil. Nach sechs Monaten hatte sich sein Wert verneunfacht, dann nahm er wieder ab.

Die Kryptowährung war nicht nur eine Frage des Überlebens, sondern sollte auch eine neue Möglichkeit schaffen, um den Hof weiterzuentwickeln und bei saisonalen Schwankungen von staatlicher Hilfe und Bankkrediten unabhängig zu sein. «Bauern brauchen im Frühling Geld, aber ihre Gewinne erzielen sie erst im Herbst», sagt Schljapnikow. Heute hält er sein Modell für tragbar. «Es läuft alles nach Plan, der Hof entwickelt sich.»

Der «Traum jedes Bauern»

Sein System, im Voraus für seine Erträge bezahlt zu werden, beschreibt er als den «Traum jedes Bauern» – einige seiner Erzeugnisse werden Jahre im Voraus bezahlt. Schljapnikow nutzt die Kryptowährung auch in seinen Geschäften mit Lieferanten und Kunden, sodass die benachbarten Bauern an dem System ebenfalls beteiligt werden. Zusätzlich zu den normalen Dividenden können Kolion-Besitzer günstiger bei ihm einkaufen, wenn sie mit Kryptowährung bezahlen. So wurden im Dezember 2017 die meisten dort verkauften Weihnachtsbäume mit Kolion bezahlt.

Kolions werden auf einer Börse gehandelt, können aber nicht wie Bitcoins durch «mining» geschaffen werden. Stattdessen kann man Kolions erhalten, wenn man auf den Hof kommt und «eine Schaufel zur Hand nimmt, um den Schweinestall auszumisten».

«Das Kolion-System ist eine Ergänzung zum staatlichen System.»

Er nennt sich zwar Anarchist, aber eine direkte Konfrontation mit dem Staat will der Bauer vermeiden. «Natürlich haben wir alle notwendigen Lizenzen und Stempel, Konten und Buchführung», sagt Schljapnikow. «Wir zahlen Steuern und Abgaben. Das Kolion-System ist eine Ergänzung zum bestehenden staatlichen System.» Natürlich könnte Russland sein Experiment jederzeit schliessen. Aber sobald es eine echte gesetzliche Grundlage für Kryptowährungen gibt, will er es den juristischen Vorgaben anpassen.

Schljapnikow will sein Kolion-System verstärken, indem er Versicherungen und Finanzinstrumente entwickelt, um die Wertschwankungen einzuschränken. Auch eine eigene Bank schwebt ihm vor, um Geschäfte mit der Währung zwischen Investoren und Kunden zu erleichtern. Sein Ziel ist ein unabhängiges System zur Finanzierung der Landwirtschaft, gegründet auf Freiheit, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit.

Demnächst will er nach Weissrussland expandieren, wo Kryptowährungen im Dezember legalisiert wurden. Schljapnikow will dort Kartoffeln anbauen.

//kolionovo.com/en

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Brandt

(Nadeschka Krasnuschkina/«Kommersant», Russland)

Erstellt: 16.06.2018, 19:23 Uhr

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