Zu Besuch bei Familie Larkin

Einkommen sinken, Preise steigen. Trotzdem wehren sich wenig Russen gegen die schlechte Lage. Warum?

Mutter, Vater und jüngere Tochter: Die Familie Larkin wohnt 70 Kilometer von Moskau entfernt. Die ältere Tochter studiert in der Hauptstadt Medizin. Foto: Silke Bigalke

Mutter, Vater und jüngere Tochter: Die Familie Larkin wohnt 70 Kilometer von Moskau entfernt. Die ältere Tochter studiert in der Hauptstadt Medizin. Foto: Silke Bigalke

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alexei Larkin zieht den kleinen Tisch unter dem Küchenfenster vor. Dann ist der winzige Raum voll und seine Frau vor dem Gasherd eingepfercht. «Wir sitzen selten hier alle zusammen», sagt ­Inessa Larkin. «Wir kommen nicht dazu.» Sie schöpft Borschtsch aus einem heissen Topf in vier bunte Schüsseln.

Die Familie Larkin wohnt in Solnetschnogorsk, in einem Wohnblock 70 Kilometer ausserhalb von Moskau. Neben der kleinen Küche liegen zwei Zimmer, ein sehr schmaler Flur. Das Bad hat kein Waschbecken und eine Verblendung aus Karton vor der Wanne.

Tochter Lisa, 13, geht zur Schule. Tochter Nastja, 21, ist ausgezogen. Ihre Grossmutter hat die Wohnung vor 20 Jahren einer Nachbarin abgekauft, 42 Quadratmeter für 15'000 Dollar. Vorher hatten hier sogar mehrere Familien zusammengelebt. Entsprechend heruntergekommen sah die Wohnung aus.

Die Familie über Wasser halten

Die Larkins sind eine ganz normale russische Familie, sie gehören ganz ­sicher nicht zu den Reichen, aber eben auch nicht zu den Armen. Den meisten Russen geht es so, sie alle haben schwierige Jahre hinter sich, sie können sich seit 2014 immer weniger leisten, weil Preise und Steuern steigen, der Rubel fällt und die Einkommen sinken. Nun sollen sie auch noch länger arbeiten, Frauen bis 60, Männer bis 65. Und das in einem Land, in dem Männer im Durchschnitt nur 68 Jahre alt werden.

Protestzüge gegen die Rentenreform wurden von Sicherheitskräften gestoppt: Demonstration in St. Petersburg im September 2018. Foto: Keystone

Tausende sind dagegen auf die Strasse gegangen, vergangenes Jahr. Aber Tausende sind keine Mehrheit, die Mehrheit lebt so wie die Familie Larkin. Sie glaubt nicht an Proteste. Das letzte Mal, als es so aussah, als könnten die Menschen etwas ändern, ist sieben Jahre her. Damals protestierten Hunderttausende gegen Wahlbetrug und gegen das System von Wladimir Putin, der kurz darauf trotzdem zum dritten Mal Präsident wurde. Seitdem ist alles eher schlimmer geworden, nehmen die Repressionen zu. Viele verkriechen sich ins Private, verklären die Vergangenheit oder träumen von einer besseren Zukunft. In der Gegenwart sehen sie nur eine Aufgabe: die Familie über Wasser zu halten.

Inessa und Alexei Larkin wollen sich nicht beschweren. Inessa sagt, dass sie ihr Land liebe, das ist ihr wichtig. Und als Putin sich 2018 ein viertes Mal zum ­Präsidenten wählen liess, hat sie für ihn gestimmt. Für die Larkins sind Wahlen eher Tradition als politische Entscheidungen. «Wir sind noch Sowjetmenschen», sagt sie, «die ganze Familie ging wählen.» Damals, in der Breschnew-Ära. Die Wahl war ein Feiertag, sagt er, «Bier im Wahllokal».

Inessa Larkin betreut Senioren, geht für sie einkaufen, erledigt Behördengänge. Sie betreut 16 Menschen, manchmal 24, zu jedem muss sie zwei Mal pro Woche. Dafür bekommt sie etwa 35'000 Rubel im Monat, gut 550 Franken.

Alles für die Familie

Alexei Larkin ist Fahrer für eine Tabakfirma und verdient etwa 660 Franken. Von seinem Gehalt leben sie zu dritt, mit dem anderen unterstützen sie ihre Tochter Nastja, die in Moskau Medizin studiert. Die Eltern zahlen ihr Essen, Miete, Kleidung, Kontaktlinsen. Das ist es, worum es geht, um die Familie. Sie wollen für ihre Kinder eine gute Ausbildung. «Nicht wie wir, wir fingen früh an zu arbeiten», sagt Inessa Larkin.

Vor sieben Jahren konnten die Larkins renovieren, dafür hatten sie lange gespart. In der neuen Küche haben sie damals eine Lücke für eine Wasch­maschine gelassen, doch das Wasser ist ­einfach zu schlecht. Muss sie Weisses ­waschen, filtert Inessa Larkin es vorher wie Trinkwasser, «sonst wird alles gelb». In der Lücke stehen jetzt Eimer und Tüten mit Vorräten. Ein paar Kürbisse liegen dort, aus dem Gemüsegarten der Nachbarin. «Wenn ich etwas backe, bekommt sie davon ab.»

Armut ist in Russland verbreitet: Obdachloser in einer Unterkunft in St. Petersburg.

Sie selbst haben keinen Gemüsegarten, kein Auto, keine Datscha, obwohl die meisten Russen eine haben. Trotzdem gelten sie nicht als arm. Seit Januar gilt als arm, wer weniger als 11'280 Rubel im Monat hat, 175 Franken, das ist Existenzminimum und Mindestlohn zugleich. Schon als der noch bei 155 Franken lag, blieben mehr als 19 Millionen Menschen darunter. Inessa und Alexei Larkin sind davon weit entfernt. Ihre ­Familie wusste stets, sich zu helfen. Früher, zu Sowjetzeiten, haben sie alle zusammen im Garten seiner Grosseltern geholfen, erzählt Alexei Larkin, Obst und Gemüse für den Winter eingelegt. Wenn die Familie Kartoffeln brauchte, sind sie zu den Verwandten aufs Land, die hatten welche im Keller.

Verklärte Vergangenheit

Ende 1991 löste sich die Sowjetunion auf, ein halbes Jahr später lernten Inessa und Alexei sich kennen. Er war 17, sie 18 Jahre alt. «Ich dachte, in der Zukunft haben wir es gut. Das Gefühl hatte ich», sagt sie. 1996, ein Jahr nach Alexei Larkins Militärdienst, heirateten sie. Er hat nie in dem Beruf gearbeitet, den er gelernt hat. «Halten Sie sich besser die Ohren zu», sagt er, bevor er aufsagt, was auf seinem Diplom steht und sich grob mit «Techniker-Mechaniker für programmierte Werkanlagen für Industrie-Roboter und Industrie-Manipulatoren» übersetzen lässt. Während seiner Zeit bei der Armee, einer Raketenabwehrtruppe, lernte er noch Zahntechniker.

Er sitzt auf seinem Hocker, eingeklemmt zwischen Küchenschrank und Tischkante. Der 43-Jährige trägt eine kurze Sporthose und Sweatshirt, vor dem Mittagessen hat er sich Socken ­angezogen.

Während Inessa und Alexei erwachsen wurden, zerfiel die alte Ordnung. Haben sie die Aufbruchsstimmung der Neunzigerjahre gespürt? «Damals nicht», sagt sie. «Aber jetzt erzählen wir unseren Kindern, dass unsere Kindheit besser war», die Kindheit zu Sowjetzeiten. «Damals hatte niemand etwas, aber alle waren zusammen», sagt Alexei Larkin und umarmt die Luft wie eine Gruppe alter Freunde. «Alle haben einander geliebt.» Diese Nostalgie ist weitverbreitet. In einer Umfrage sagten zwei Drittel der Russen, dass sie den Zusammenbruch der Sowjetunion bereuen – so viele wie seit 14 Jahren nicht mehr.

«Natürlich möchte man höhere Gehälter haben und niedrigere Preise. Aber das wird es sowieso nicht geben.»Inessa Larkin

Die Larkins mögen den Leistungsdruck nicht, den Stress, unter dem ihre Kinder stehen. Am liebsten schaut Inessa Larkin auch heute die alten sowjetischen Filme. Und Alexei erinnert sich gerne an eine Zeit, in der die Dinge einfacher zu sein schienen.

Aber auch unfreier. Ist die neue Offenheit denn gar nichts wert? «Wissen Sie», sagt Alexei, «ein bisschen haben wir das gespürt.» Aber was nützten offene Türen, fragt er, wenn man keine Hosen anhat. «In Unterhosen kann man nicht weit ­gehen.» Sie haben sich damals kurz als Handelsvertreter für Nahrungsergänzungsmittel versucht. Jemand hat sicher Geld verdient, sagt Inessa Larkin. «Wir nicht.» Ein Gefühl, mit dem sich die Umbruchzeit beschreiben lässt: Plötzlich waren die Märkte frei und die Preise schossen in die Höhe, brachten Reichtum für wenige und Absturz für viele.

Russlands Wirtschaft wächst extrem langsam, die Wirtschaftsleistung des Landes ist kleiner als die des US-Staats New York. «Natürlich möchte man höhere Gehälter haben und niedrigere Preise», sagt Inessa Larkin, wenn man sie fragt, ob sie mit der Wirtschafts­politik zufrieden ist. «Aber das wird es sowieso nicht geben.»

In der Krise 1998 verlor Alexei Larkin seine Arbeit auf dem Bau. Danach hatte er viele Jobs. Er muss noch 22 Jahre durchhalten. Die Rentenreform? «Betrifft uns noch nicht», sagt sie. Es habe schon viele Reformen gegeben, sagt er. «Immer wieder geht es schlechter, schlechter und schlechter. Irgendwann muss es nach oben gehen.»

Die Larkins beklagen sich nicht

Nicht alle Russen sind so optimistisch. Nicht nur die Zustimmung zur Regierung und zu Ministerpräsident Dmitri Medwedew sinkt, sondern auch die für Präsident Wladimir Putin – die liegt nur noch bei knapp zwei Dritteln. Aber was heisst das schon?

Putin hat in seiner Rede an die Nation Geld versprochen, damit alles überall besser wird, in den Schulen, Krankenhäusern, auf den Dörfern. Vor allem Familien will er fördern. Immer mehr Menschen, heisst es nun, sind unzufrieden, weil sich die Regierung nicht um ihre Probleme kümmert. Und die Larkins? Inessa und Alexei Larkin fragen nicht, was ihnen fehlt. Sie konzentrieren sich auf das, was sie haben. Eine Kreditkarte, damit sie sich kein Geld von anderen leihen müssen. Zwei Töchter und eine Katze. Sie fahren sogar in die Ferien, etwa jedes zweite Jahr. Die Dinge könnten schlechter sein.

Lisa kommt aus der Musikschule nach Hause, im roten Kapuzenpulli, die dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Der Vater steht auf und überlässt der Tochter seinen Hocker für Tee und Nachtisch. Manchmal schubst er sie von hinten an, damit sie gerade sitzt. Lisa war dieses Jahr schon auf der Krim, im grossen Ferienlager Artek. Die Teilnahme gilt als besondere Auszeichnung für gute Schüler. Lisa hat viele Urkunden für ihr Klavierspiel gesammelt. Sie weiss noch nicht, was sie werden will. Pianistin jedenfalls nicht, vor Auftritten sei sie viel zu aufgeregt.

Sie haben eine Kreditkarte, zwei Töchter und Ferien. Die Dinge könnten schlechter sein.

Lisa sagt, sie würde jetzt gerne arbeiten, «ich weiss, dass das Geld knapp ist». 1000 Rubel würden ihr reichen, 15 Franken im Monat, vielleicht weniger. In der Schule hat sie gute Noten, wie die Schwester. Trotzdem weiss sie nicht, ob sie nach der neunten Klasse weitermachen oder lieber aufs Berufs-College gehen will, früher einen Job bekommen.

«Unsere Ältere macht sich Sorgen, weil wir so viel Geld für sie ausgeben», sagt die Mutter. «Sie befürchtet, dass sie unseren Erwartungen nicht entspricht. Ich sage ihr, dass sie daran nicht denken muss.» Trotzdem jobbt Nastja neben dem Studium in einem Spital.

Was würden sie mit einem Lotto­gewinn kaufen? Eine Wohnung für die Tochter, sagt der Vater. Eine Reise ans Meer, sagt die Mutter. Nach Luxemburg, sagt Lisa, zu den Verwandten. «Ich würde so gerne mal ins Ausland.» Und nicht nur bis Weissrussland.

Erstellt: 27.05.2019, 20:02 Uhr

Artikel zum Thema

Putin schürt die Verunsicherung

Analyse Mit seinem Angebot, Ukrainern in besetzten Gebieten der Ostukraine russische Pässe zu geben, erhöht der russische Präsident die Spannungen. Mehr...

Pompeo strebt in Russland nach dem grossen Rüstungsdeal

Der US-Aussenminister trifft sich mit seinem Pendant Sergei Lawrow. Dabei soll es um «all die Waffen, all die Sprengköpfe, all die Raketen» gehen. Mehr...

«Es gilt, ein Strache-Video zu verhindern»

Interview Der neue Schweizer Geheimdienstchef Jean-Philippe Gaudin redet erstmals ausführlich über russische Spione und die Schweizer Souveränität. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...