Schwierige Tage für das Labor Spiez

Fake News aus Russland machen dem ABC-Labor der Nation das Leben schwer. Mit scharfen Worten reagiert die offizielle Schweiz.

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Das Labor Spiez ist so, wie die Schweiz sich gern als Ganzes sieht: hoch spezialisiert, international angesehen, aber auch neutral, präzis, emotionslos. Eigentlich schade, dass nicht alle Aussenpolitik über diese Stelle laufen kann. Aussenminister Ignazio Cassis nannte das Labor Spiez im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» explizit, als er zu den westlichen Bombenangriffen auf ­Syrien Stellung bezog und dabei weder Giftgaseinsätze durch die Regierung Assad anerkennen noch militärische Strafaktionen gegen Damaskus gutheissen mochte. Die Schweiz, sagte er, helfe mit Fachleuten wie jenen des Labors Spiez, nicht mit «lauten» Verurteilungen.

Doch das Labor Spiez erlebt schwierige Tage, steht im Zentrum eines internationalen Streits. Russlands Aussen­minister Sergei Lawrow hat der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) mit Sitz in Den Haag am Wochenende überraschend vorgeworfen, ihren Bericht zum Fall des in England vergifteten Ex-Agenten Sergei Skripal manipuliert zu haben. Das Labor Spiez in der Schweiz habe nebst dem Nervengift Nowitschok auch Spuren des Kampfstoffs BZ festgestellt – eines Stoffs, der nur im Westen und nie von Russland verwendet worden sei. Im Schlussbericht der OPCW, sagte Lawrow, sei dieses BZ aber unterschlagen, nur noch die Nowi­tschok-Messung bestätigt worden.

Lawrow berief sich nicht auf obskure Websites, sondern auf das Labor Spiez. Er habe «vertrauliche Dokumente» aus der Schweiz, sagte er. Lawrow nahm Spiez als Zeuge in den Würgegriff.

Und Spiez muss schweigen dazu. Die OPCW arbeitet mit einem Netz von 20 Vertrauenslabors weltweit, sagt aber nie, wen sie bei einer Abklärung konkret einsetzt. «So werden die Labors vor ­Einflussnahme und Einschüchterung ­geschützt», sagt Andreas Bucher, Informationschef des Labors Spiez.

Im Fall Skripal erhielten vier Vertrauenslabors Blutproben der Opfer sowie Umweltproben aus deren Umgebung. Ob Spiez beteiligt war, wird nicht verraten. «Wir können nichts sagen», sagt Bucher im Gespräch. Via Twitter erklärte das Labor Spiez, nur die OPCW selber könne Lawrows Aussagen kommentieren. Zugleich sprach es, um doch noch etwas Gegensteuer zu geben, dem ­britischen Militärlabor Porton Down sein Vertrauen aus. Porton Down hatte Mitte März erstmals das nach Russland weisende Nervengift Nowitschok im Fall Skripal festgestellt. Es ist – wie Spiez – eines der 20 Vertrauenslabors.

Gestern Mittwoch hielt nun auch der Generaldirektor der OPCW an der Anonymität seiner Labors fest: Man schätze deren «makellose Arbeit» und werde sich nicht mit einzelnen Staaten auf öffentliche Debatten über sie einlassen.

Vom Atommüll bis Zecken

Das Labor Spiez steht in Lattigen bei Spiez im Berner Oberland, in prächtigen Wiesen, der Löwenzahn blüht. Nebenan sind ein Recyclinghof, eine Schiessanlage, ein Sportplatz. Das Labor teilt sich das Gelände mit der Armee, die Fahne weht, ist selber aber kein Militärlabor, sondern eine zivile Forschungsstelle. Es untersteht dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz, hat rund 100 Mitarbeiter.

Spiez ist das ABC-Labor der Nation, bewahrt die Bevölkerung vor atomaren, biologischen und chemischen Gefahren. Es wirkt im Inland, misst Radioaktivität und verseuchte Böden, prüft Ebola-Verdachtsfälle und anonym verschicktes weisses Pulver, unterhält ein Fachzentrum für von Zecken übertragene Krankheiten und berät Schweizer Diplomaten in Rüstungsfragen. Und es ist international tätig, etwa auf Ersuchen der UNO.

Hat Lawrow nur Fehler gemacht oder bewusst Zweifel gestreut?

Dass es eines der 20 Vertrauenslabors der Organisation für das Verbot chemischer Waffen ist, ist kein Geheimnis. Im Eingangsbereich des Labors Spiez steht eine goldene Gedenkmünze, welche die OPCW nach Erhalt des Friedensnobelpreises 2013 ihren Partnern zukommen liess. Das Labor Spiez sei seit der ­Schaffung der OPCW 1997 dabei und nie infrage gestellt worden, sagt Andreas Bucher. Jedes Jahr müssten sich alle ­Vertrauenslabors in strengen Tests beweisen. Wer Proben schlecht analysiere, dem werde der Partnerstatus entzogen. Das Labor Spiez schneide jedes Jahr ­hervorragend ab, er zeigt dem Besucher die Rückmeldungen aus Den Haag: «Wir sind weltweit ganz vorne mit dabei.»

Im Bereich der Chemiewaffen dürfte es für Spiez und alle anderen eigentlich nur noch um die Entsorgung gehen. Die von fast allen Staaten unterzeichnete Chemiewaffenkonvention von 1997 sieht vor, dass chemische Kampfstoffe überall vernichtet werden.

Seit Ausbruch des Syrienkrieges aber müssen sich die OPCW-Inspektoren ­vermehrt wieder mit dem Einsatz von ­C-Waffen beschäftigen. Mit dem Horror von Giftgas und Massenmord. Spiez wurde mehrfach bei solchen Untersuchungen beigezogen, bestätigt Bucher.

Video – Skripal geht es besser

Der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal ist laut Krankenhaus nach dem Giftanschlag in Salisbury auf dem Weg der Besserung. (Video: Reuters)

Wie die Abklärung eines Chemiewaffenverdachts abläuft, ist im Jahresbericht 2013 des Labors Spiez beschrieben. Die OPCW verschickt Proben, die streng gesichert nach Spiez kommen. Niemals, und das ist wichtig, kommen sie allein: Neben den Verdachtsproben sind immer auch Kontrollproben dabei – also von den Auftraggebern selbst mit Kampfstoff gespickte Proben. Das Labor weiss nicht, welche Probe welche ist. Dieses Vorgehen stellt sicher, dass die Labors akkurat und mit sauberen Geräten arbeiten. Jeder Einsatz für die OPCW ist auch ein Test der eigenen Genauigkeit.

Auch im Fall Skripal lief das so ab, wie die OPCW gestern in Den Haag öffentlich machte. Der BZ-Kampfstoff, von dem Lawrow so dunkel geraunt hatte, sei in keiner Probe gewesen. Dagegen «war die BZ-Vorläufersubstanz 3Q in einem Kontrollsample enthalten, dass die OPCW selbst präpariert hat», stellte der OPCW-Generaldirektor Ahmet Üzümcü klar. Es war da, gewollt. Und es hatte «nichts zu tun» mit den bei Skripal entnommenen echten Proben.

Im Labor Spiez werden chemische Kampfstoffe untersucht, aber auch, wie im Bild, Ebola-Viren (2014). (Bild: Peter Schneider, Keystone)

Damit sollte die Verschwörungstheorie erledigt sein. Offen bleibt, was den erfahrenen Aussenminister Lawrow ge­ritten hat. Hat sein Büro sich nicht über die Arbeitsweise der Labors informiert? Oder hat es bewusst Zweifel gestreut, um die OPCW zu diskreditieren?

Der Fall Skripal ist ohnehin bizarr. Sergei Skripal und seine Tochter Julia waren am Nachmittag des 4. März im englischen Salisbury ohnmächtig auf einer Parkbank gefunden worden. Als klar wurde, dass sie gezielt vergiftet worden waren, wurden Dutzende weitere Personen abgeklärt, rückten Terrorabwehr und Militär an. Mitte März erklärte das Militärlabor Porton Down, es habe ein Nervengift aus der Familie der Nowitschok-Gifte entdeckt. Die Polizei vermutet, dass der Kampfstoff auf die Türfalle in Skripals Haus geschmiert wurde. Julia Skripal ist aus dem Krankenhaus entlassen, doch Vater und Tochter sind offenbar gesundheitlich geschädigt.

Spiez war Russlands Zeugin – und Spiez musste schweigen.

Das Motiv für die Tat ist unklar. Skripal ist ein russischer Ex-Geheimagent, der als Doppelagent enttarnt wurde, ins Arbeitslager kam, 2010 begnadigt und gegen im Westen inhaftierte russische Agenten eingetauscht wurde. Zwar ist die Verachtung für den angeblichen Verräter Skripal in Russland gross. Doch ein konkreter Gewinn durch seine aufwendige C-Waffen-Beseitigung ist schwer zu sehen, was auch der Kreml gern betont.

Für die britische Regierung geht es ums Prinzip. Bewohner ihres Landes werden vergiftet, die zahlenstarke russische Gemeinde ist verunsichert. Ist der Milliardär Boris Beresowski, der 2013 tot in seinem Londoner Haus gefunden wurde, wirklich natürlich gestorben?

Mehr als ein vergifteter Agent

Der Fall Skripal ist zudem ein Tabubruch. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg scheint auf europäischem Boden ein militärisches Nervengift eingesetzt worden zu sein. Zwar machten weder Porton Down noch die OPCW Angaben zu den Urhebern. Doch entwickelt wurden Nowitschok-Kampfstoffe ursprünglich in Russland, und die Produktion ist laut Porton Down so aufwendig, dass nur staatliche Akteure infrage kommen. Das genügt der britischen Politik. Sie macht Moskau verantwortlich.

Im Fall Skripal geht es um mehr als einen vergifteten Agenten. Es geht um furchtbare Waffen, die seit Jahrzehnten geächtet sind, nun aber wiederkehren, in Syrien wie in London. «Das Verbot chemischer Waffen bröckelt», schrieb Oliver Thränert vom Thinktank CSS in der NZZ. Arbeit für das Labor Spiez. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2018, 08:41 Uhr

Die Schweiz nennt Russlands Verhalten «inakzeptabel»

Die Schweiz ist ernsthaft verärgert. Der russische Aussenminister Sergei Lawrow hatte behauptet, das ABC-Labor Spiez habe im Fall Skripal Spuren des westlichen Kampfstoffes BZ gefunden. Diese seien dann aber verschwiegen worden. Beim gestrigen Treffen der Organisation für ein Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag nannte die Schweizer OPCW-Vertreterin Nadine Olivieri Lozano die russischen Äusserungen «unverständlich» und «absolut inakzeptabel». Russland schade so der Glaubwürdigkeit der Organisation.

Das ABC-Labor Spiez ist eines von 20 Vertrauenslabors der OPCW. Ob es im Fall Skripal zum Einsatz kam, weiss fast niemand - die OPCW hält geheim, welche Labors sie wann aufbietet. So sollen die Labors vor Druckversuchen geschützt werden.

Ahmet Üzümcü, der Generaldirektor der OPCW, erklärte gestern in Den Haag, ein Vorläuferstoff des Kampfstoffes BZ sei im Fall Skripal tatsächlich gefunden worden - dies allerdings nur darum, weil die OPCW diesen bewusst einer Probe hinzugefügt habe. Dieses Vorgehen ist Standard: Die Labors erhalten nebst echten Verdachtsproben immer auch Kontrollsamples mit anderen sowie ohne Kampfstoffe.

Dass Russland die OPCW zu diskreditieren versucht, besorgt Fachleute. Chemische Waffen erleben ein Comeback - in Syrien wie offenbar auch in Grossbritannien, im Fall Skripal. (dhe)

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Sergej Lawrow


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