Russlands Rückkehr

Erstmals besucht ein saudischer König Moskau. Das zeigt, wie stark der Kreml im Nahen Osten wieder ist. Er macht den USA den Rang streitig.

Putin hat sich Einfluss verschafft – massgeblich durch die Militärintervention in Syrien, aber auch durch aktive Regionalpolitik im Irak, in Libyen oder im Jemen. Foto: Alexei Nikolsky (Reuters)

Putin hat sich Einfluss verschafft – massgeblich durch die Militärintervention in Syrien, aber auch durch aktive Regionalpolitik im Irak, in Libyen oder im Jemen. Foto: Alexei Nikolsky (Reuters)

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Wladimir Putin hat in Moskau gerade Saudi­arabiens König Salman empfangen, es ist ein Staatsbesuch von historischer Tragweite. Dies ist die erste Reise eines saudischen Monarchen nach Russland. Mehr aber noch symbolisiert der vier­tägige Besuch des – neben Israel – engsten Verbündeten der USA im Nahen Osten die Rückkehr Russlands in die Region. Der Kreml macht dem Weissen Haus den Rang streitig: Auch andere Länder, die traditionell zum amerikanischen Kosmos gehörten, schauen nach Moskau – von Ägypten über Israel bis zur Türkei.

Jeder dieser Staaten hat spezielle Gründe und Interessen, Putins Nähe zu suchen, so auch Saudiarabien. Die Saudis lagen jahrzehntelang mit Moskau über Kreuz; in Afghanistan unterstützten sie die Mujahedin, was zum geopolitischen Niedergang der Sowjetunion beitrug.

Jetzt verbündet sich Riad als wichtigster Ölproduzent des Opec-Kartells mit dem grössten Produzenten ausserhalb, um den Preisverfall zu stoppen, unter dem beide Staaten leiden. Sie wollen mit einer Verlängerung der Einschränkungen bei der Erdölförderung die Preise bei etwa 60 Dollar pro Fass stabilisieren – eine Zweck­allianz gegen die Fracking-Industrie in den USA.

Zudem haben die beiden Länder milliardenschwere Rüstungsgeschäfte vereinbart. Riad will unter anderem russische Flugabwehrsysteme vom Typ S-400 kaufen. Insgesamt wurden am Rande des Besuchs von König Salman beim russischen Präsidenten rund ein Dutzend Abkommen unterzeichnet.

Die Rolltreppe streikt: König Salman (l.) zu Gast bei Wladimir Putin in Moskau. (6. Oktober 2017, Video: Tamedia)

USA schaffen Freiräume für Russland

Die neue pragmatische Politik der Saudis gegenüber Moskau ist aber auch Anerkenntnis des Einflusses, den sich Putin verschafft hat – massgeblich durch die Militärintervention in Syrien, aber auch durch aktive Regionalpolitik im Irak, in Libyen oder im Jemen. Geschickt besetzte Putin mithilfe des im arabischen Raum versierten Aussenministeriums und der Geheimdienste Freiräume, die ebenso durch den gewollten Rückzug der USA unter Präsident Barack Obama entstanden waren wie zuvor schon durch den Autoritätsverfall unter George W. Bush. Der hatte Riads Warnungen ignoriert und mit dem auf Lügen gestützten Irakkrieg die Region in Tumult gestürzt.

Jetzt erhofft sich König Salman von Putin, was Obama nicht liefern wollte – und der in Riad wohlgelittene Donald Trump ebenso wenig vollbringt: die Eindämmung des zunehmenden Einflusses und Machtstrebens der schiitischen Vormacht Iran, den die sunnitische Führungs­nation als wichtigste Bedrohung sieht. Zwar erwägt Trump, das den Saudis verhasste Atomabkommen mit Teheran zu kündigen, doch dürfte das kaum die Ambitionen des Iran zügeln.

Die Suche nach Frieden in Syrien

Wer den Iran zurückdrängen will, der muss in Syrien beginnen. Die Saudis sind inzwischen –trotz ihrer bisher grossspurigen Rhetorik – bereit, zu akzeptieren, dass Bashar al-Assad für eine lange Übergangszeit an der Macht bleibt. Sie versuchen, die Opposition mit von Moskau unterstützten regimenahen Gruppen in ein Zelt zu zwingen. Das soll den Weg ebnen zu einem Übergangsprozess unter UNO-Ägide, den letztlich Moskau choreografiert.

Als Gegenleistung verlangt Riad, dass Zehntausende Jihad-Söldner der Schiitenmilizen, die vom Iran unterstützt und gesteuert werden, Syrien wieder verlassen. Das will auch Israels Premier Benjamin Netanyahu erreichen, der in 18 Monaten viermal nach Moskau reiste.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der vor zwei Jahren noch ein russisches Kampfflugzeug abschiessen liess, verhandelt indessen mit Moskau (in Astana) über einen Separatfrieden im Norden Syriens. Zutiefst empört von der US-Unterstützung für die kurdischen YPG-Milizen in Syrien im Kampf gegen den Islamischen Staat, kauft der Nato-Staat seine neuen Flugabwehrsysteme (ebenso wie die Saudis) von Putin. Auch Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi will sich mit guten Beziehungen zum Kreml ein Stück unabhängiger von den USA machen.

Für Putin bringt die zunehmende Verwicklung Russlands im Nahen Osten das Problem mit sich, dass er die widerstrebenden Interessen der alten und neuen Partner austarieren muss – etwa im Verhältnis zum Iran. Die Friktionen, die daraus entstehen, kennen die Amerikaner nur allzu gut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 18:22 Uhr

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