Salvini reklamiert die Rakete für sich

Nach dem Fund einer 250 Kilogramm schweren Rakete bei einem italienischen Rechtsextremen bleiben viele Fragen offen. Nur der Lega-Chef kennt die Antworten schon.

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Manche Nachrichten sind so abenteuerlich und skurril, voll mit Figuren aus der Zwischenwelt, schummrigen Agenten und Tangenten in die Weltpolitik, dass sie leicht fiktiv wirken könnten. Wie entlehnt aus diesen Thrillern, die man im Sommer unter dem Sonnenschirm am Strand in zerfledderten Wälzern liest. In Italien wird gerade eine solche Geschichte verhandelt, aber ganz real. Es ist alles drin. Sogar Matteo Salvini, der Innenminister, tritt darin auf, wenn auch spät und in einer zumindest fragwürdigen Rolle.

In Rivanazzano Terme, einem kleinen Ort im Norden Italiens, hat die Polizei eine richtig grosse Rakete beschlagnahmt. Eine Matra Super 530F, französische Fertigung, 250 Kilogramm schwer, dreieinhalb Meter lang. Eine sogenannte Luft-Luft-Rakete für die Mittelstrecke. Montiert auf einen Kampfjet, kann sie ein Flugzeug aus der Luft holen, zielgenau gelenkt von einem eingebauten Leitsystem. Sie stand im Hangar einer Firma mit dem unverfänglichen Namen Star Air Services. Eigentlich repariert und verkauft sie Klein- und Ultraleichtflugzeuge. Der Flugplatz von Voghera ist nicht weit.

Wie die Firma, die von einem Tessiner und seinem italienischen Geschäftspartner geführt wird, an diese Rakete kam, ist noch Umstand von Ermittlungen. Früher stand sie einmal im Inventar der Streitkräfte Katars, das sie aber bereits 1994 weiterverkaufte an ein «befreundetes Land», dessen Namen aber zu diesem Zeitpunkt der Untersuchungen nicht veröffentlicht werden soll. Der zuständige Turiner Polizeichef liess schon mal ausrichten: «Eine solche Operation hat es in Italien noch nicht oft gegeben.»

Auf Whatsapp zum Verkauf angeboten

Die Geschäftsführer der Star Air Services, 42 und 51 Jahre alt, stehen unter Hausarrest. Sie sind angeklagt für den «Besitz einer Kriegswaffe des Typs Luft-Luft-Rakete». Ihrem Anwalt ist es wichtig, dass niemand denkt, seine Mandanten hätten politische Verbindungen zu den düsteren Kreisen, die in diesem Fall besonders prominent aufscheinen.

Den Hinweis auf den Hangar in Rivanazzano hatte die Polizei von einem früheren Mailänder Zollbeamten erhalten: Fabio Del Bergiolo, 60 Jahre alt, er ist die Hauptfigur dieser Geschichte. Del Bergiolo ist Mitglied von Forza Nuova, einer rechtsextremistischen und offen neofaschistischen Partei. 2001 bewarb er sich für einen Sitz im italienischen Senat, hatte aber natürlich keine Chance. Forza Nuova gewinnt selten mehr als 0,5 Prozent der Stimmen, bei den jüngsten Europawahlen waren es gar nur 0,15 Prozent.

Als Del Bergiolo am Mailänder Flughafen Malpensa arbeitete, war er in einen Betrugsfall verwickelt. Vier Jahre sass er dafür im Gefängnis. Seit er draussen ist, lebt er wieder bei seiner Mutter. Neulich kam die Polizei dort vorbei, in Gallarate, weil sie bei einer Grossermittlung auf eine fast unglaubliche Fährte gestossen war. Del Bergiolo hatte auf Whatsapp einem Mittler die Matra Super 530F zum Kauf angeboten. Verhandlungspreis: etwa eine halbe Million Euro. Del Bergiolo schickte ein Foto der Rakete.

Waffenlager in der Wohnung seiner Mutter

Als die Polizei in der Wohnung der Mutter vorbeischaute, fand sie da, unter dem Bett des Sohns, ein Arsenal moderner und älterer Waffen, vierzig insgesamt, dazu 800 Kugeln Munition. Im Zimmer standen und hingen auch etliche Devotionalien aus dem Dritten Reich herum, sie wurden alle fotografiert und der Presse weitergereicht. Schilder mit Hakenkreuzen waren dabei, eine Tafel mit dem Spruch: Unser Gruss ist «Heil Hitler!». Auf dem Nachttisch hatte er ein Foto, das Hitler zusammen mit Benito Mussolini zeigte. Del Bergiolo gestand schnell, es gab ja auch wenig zu leugnen, und er nannte den Ermittlern die Adresse des Hangars.

Zentral aber ist, wie die Untersuchungen in den neofaschistischen Kreisen überhaupt erst begannen. Vor einem Jahr war das. Da behauptete ein früherer Agent des KGB gegenüber italienischen Geheimdienstlern, er habe gehört, ukrainische Nationalisten, die im Krieg in der Ostukraine gegen prorussische Separatisten kämpften, würden ein Attentat auf Matteo Salvini planen. Warum? Das konnte er nicht sagen. Etwa weil Salvini dem Kreml nahesteht?

Dass italienische Rechtsextremisten dem sehr rechten Innenminister Böses wünschen, ist eine ziemlich abwegige Arbeitsthese. 

Den Ermittlungsauftrag erhielt die Turiner Digos, so nennen die Italiener die Abteilung ihrer Staatspolizei, die sich mit politischer Gewalt beschäftigt, mit Terrorismus und Extremismus. Der russische Informant, so erfuhr man aus Moskau, war tatsächlich mal beim KGB gewesen – nur kurz, in den Achtzigerjahren. Die Ermittler entschieden, die Telefone von italienischen Rechtsextremisten abzuhören, die in Donbass mitgekämpft hatten. Es gab welche auf beiden Seiten, prorussische und proukrainische, etliche hatten noch Kontakte zu alten Waffenbrüdern.

Monatelang hörte die Polizei mit, doch nichts nährte die These des Attentats. Dann stiessen die Fahnder auf das Foto auf Whatsapp, auf den illegalen Waffenhändler Del Bergiolo von Forza Nuova, und die Ermittlungen zweigten in eine ganz andere Richtung ab. Mit der Ostukraine und den angeblichen Attentatsplänen gegen Salvini hatten sie nichts mehr zu tun. Sagt die Digos.

Ein Attentat auf Salvini geplant?

Am Montagmorgen nun, als die Polizei Del Bergiolos Arsenal und den Hangar der Star Air Services ausgehoben hatte und den Fund den Medien präsentierte, sorgte das allenthalben für Verwunderung und Sorge. Die italienische Regierung aber reagierte stundenlang nicht. Normalerweise dauert es jeweils nur ein paar Minuten, und die beiden Vizepremiers Salvini und Luigi Di Maio twittern sich lobend selbst auf die Schultern, nach dem Motto: Schaut, Italiener, wir passen auf euch auf! Diesmal nicht. Und die Medien fragten schon: Was ist los? Ist eine Matra Super 530F in einem privaten Unterstand im Norden Italiens etwa keinen Tweet wert?

Erst am Nachmittag trat Salvini vor ein Mikrofon, in Genua, er erzählte die Geschichte in einer etwas anderen Version. Die Rakete? «Ich habe den Hinweis dazu gegeben», sagte er. «Es gab eine detaillierte Bedrohung, eine ukrainische Gruppe trachtete mir nach dem Leben.» Er erhalte jeden Tag Todesdrohungen. «Ich bin froh, dass ich mit meinem Hinweis helfen konnte.»

Es sah jetzt so aus, als hätten ukrainische Nationalisten geplant, Salvini mit einer Luft-Luft-Rakete zu töten, was aber gerade noch habe verhindert werden können. Die Digos dementierte umgehend. Sie habe keine Hinweise gefunden für ein geplantes Attentat mit ukrainischem Hintergrund, in einem ganzen Jahr nicht.

Und dass italienische Rechtsextremisten dem sehr rechten Innenminister Böses wünschen, ist eine ziemlich abwegige Arbeitsthese. Seine politischen Gegner werfen Salvini vor, er versuche nur, von der Affäre um eine mögliche russische Finanzierung seiner Lega abzulenken. Vom «Moscopoli» also. Offen bleiben unterdessen die zwei wirklich wichtigen, finsteren Fragen in dieser Geschichte: Wie kommt eine grosse, offenbar gefechtstüchtige Rakete in einen Hangar im kleinen Rivanazzano? Und wer war daran wohl interessiert?

Erstellt: 17.07.2019, 17:43 Uhr

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