«Salvinis Populismus hat ein Verfallsdatum»

Das mehrsprachige Südtirol ist ein kleines Europa. Doch kurz vor den Wahlen weckt die Lega alte Ressentiments. Die Reportage.

«Salvini reiht eine Eskalation an die andere. Aber wie lange funktioneirt das?»: Arno Kompatscher, Landeshauptmann Südtirol. Foto: APA, Keystone

«Salvini reiht eine Eskalation an die andere. Aber wie lange funktioneirt das?»: Arno Kompatscher, Landeshauptmann Südtirol. Foto: APA, Keystone

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Jesus kommt aus Lajen, einem Dorf am Eingang zum Grödnertal, 1100 Meter über Meer, Südtirol. Muss ja, er ist überall. Er hängt frei an kleinen Holzkreuzen, gross und schwer an Hauswänden, auch mal geschützt in Sichtkästen. In einer der letzten Spitzkehren auf der Strasse rauf zum Dorf haben sie frische Geranien vor ein Kruzifix gelegt, sattrot. Etwas weiter oben liegt ein Haufen Äpfel vor dem Herrn, rot auch die, liebevoll hindrapiert. Er soll über Lajen wachen, in jeder Kurve des Lebens. Auch das ist Italien, auch wenn es sich nicht wie Italien anfühlt, nicht wie Italien klingt, nicht wie Italien riecht.

Ein Herbstsonntag, der letzte vor der Landtagswahl, neun Uhr früh. Für die Jahreszeit ist es viel zu warm. Das meiste Laub ist noch grün, das Licht der Sonne liegt dunstgrau auf dem Tal. Die Südtiroler Volkspartei, kurz SVP, die alle nur «Volkspartei» oder einfach «die Partei» nennen, hat auf dem Dorfplatz mit dem Brunnen einen Tresen aufgestellt. Für einen Frühschoppen, nach der Morgenmesse. Es gibt Bier von der lokalen Brauerei, Weisswürste, Bretzen, um diese Zeit schon. Alles umsonst. «Nehmens denn nichts?», fragt der Hauptmann der Schützen und meint das Bier, sei ja gratis, er selber hat schon gehörig was genommen. Das halbe Dorf ist da, auch die Kinder. Die Männer stehen bei den Männern, alle in Rücklage, die Hände in den Hosentaschen. Die Frauen stehen bei den Frauen.

35 Millionen Übernachtungen

Gleich kommt Landeshauptmann Arno Kompatscher. Er ist der Ministerpräsident von Südtirol, natürlich von der Volkspartei. So war das immer schon. Keine Partei in Europa regiert länger als die Südtiroler Volkspartei, bisher immer mit erdrückender, bis 2013 mit absoluter Mehrheit und durchgehendem Erfolg. Die Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie im Rest Italiens. Südtirol ist reich, vollbeschäftigt und so schön, dass in seinen Hotels und Landgasthöfen jedes Jahr 35 Millionen Übernachtungen gebucht werden. Alles wunderbar also. Aber das sind nun mal Zeiten schnell verglühender Gewissheiten und schwindender Vorherrschaften, gerade in der italienischen Politik. «Vor Wahlen heisst es ja immer, sie seien wichtig», wird Kompatscher sagen. «Die hier ist es aber wirklich.»

Es kann nämlich sein, dass die konservative Sammelpartei erstmals unter 45 Prozent fällt, vielleicht sogar einen Sitz im Landtag verliert und dann mit der rechtspopulistischen Lega regiert. Ausgerechnet mit den Leuten von Matteo Salvini also, dem römischen Innenminister und neuen starken Mann Italiens, der mit dem Slogan «Prima gli italiani», zuerst die Italiener, das Land aufwühlt, die Herzen umpflügt, Angst und Hass sät. Mehr als zwei, höchstens drei von insgesamt 35 Sitzen wird die Lega zwar nicht gewinnen bei diesen Provinzwahlen. Doch Salvini wird den Erfolg wie einen historischen Triumph begehen, wie eine Zäsur. Etwas weiter südlich, in der Provinz Trentino, die zusammen mit Südtirol eine Region formt, steht Salvini kurz vor der Machtübernahme. Auch im Trentino wird am Sonntag gewählt, die Lega hat dort keine Gegner, weil die Linke sich mal wieder in Intrigen verstrickte und spaltete.

Auch Salvini ist an diesem Sonntag in Südtirol unterwegs, kreuz und quer durchs Land, für tausend Selfies. Zuerst fährt er nach Kastelruth, dann nach Bozen, am Abend nach Meran. Salvini hat versucht, seine Tagesagenda auf jene Kompatschers zu legen, damit sie sich begegnen, damit es ein Foto der beiden aus dem Wahlkampf gibt. Kompatscher weicht ihm aus.

Wenn alle spinnen, dann müsse Südtirol Südtirol bleiben, sagt der Ministerpräsident.

In Lajen steht nur er auf dem Programm, ein Heimspiel. Kopatscher trägt eine Trachtenjacke mit samtenem Kragen, dazu eine rote Krawatte. Man bringt ihm ein Bier, eine Weisswurst, er mischt sich unters Volk. Die meisten Lajener überragt der «Herr Landeshauptmann» um einen Kopf. Es heisst, Kompatscher sei nicht so volksnah, wie es sein Vorgänger war, der schier mythenhafte Luis Durnwalder. Der hatte Südtirol ein Vierteljahrhundert lang wie ein Provinzpatriarch regiert, wie ein Landesvater, der bei allen Festen vorbeischaute. «Durni» sass jeden Morgen um sechs Uhr schon im Büro, damit ihn die Bürger vor den Dienstzeiten persönlich sprechen konnten. Ein schöner und geschickter Zug war das. Die Morgenaudienz wurde zur Legende.

Kompatscher, 47 Jahre alt, Jurist und Vater von sieben Kindern, ist kein Alleinmacher. Er ist ein moderner Verwalter, weltgewandt und intellektuell. Studiert hat er in Innsbruck, Padua und New Orleans. Er tritt gerne im Ausland auf, man merkt ihm den Provinzler nicht an. Seine Mitarbeiter lässt er an der Macht teilhaben. Ein Kulturwandel, für Südtiroler Verhältnisse eine Revolution. Die römische Zeitung «La Repubblica» nannte ihn einmal «Presidente Cool», und das will etwas heissen. Die Italiener wissen gemeinhin recht wenig von Südtirol, und was sie wissen, reimt sich selten auf cool.

Als Kompatscher an die Macht kam, kappte er die Privilegien der alten Seilschaften. Die Amtszeit für den Landeshauptmann liess er auf maximal fünfzehn Jahre beschränken, denn allzu langes Regieren verfettet und begünstigt die «Freundlwirtschaft», so nennen sie das hier. Kompatscher versteigerte Durnwalders Dienstwagen, einen Mercedes, auf Ebay, was der wohl wie eine Majestätsbeleidigung erlebte. Seitdem stellt der Vorgänger dem Nachfolger ein Bein, wo er nur kann.

Verhaltener Applaus begleitet Kompatscher zum Mikrofon, gleich unter dem Jesus im Häuschen. «Ich weiss», sagt er, die Arme vor der Brust verschränkt, «die guten Zahlen sind nicht alles. Es reicht nicht, dass man uns von aussen sagt, wir würden in einem Paradies leben – bei dem Wetter sowieso.» Viele seien trotzdem zornig, viele würden jammern, weil der Wohlstand nicht alle gleichermassen erreiche. «Es gibt Sachen, die nicht passen.» Etwa im öffentlichen Gesundheitswesen: Manchmal müsse man neun Monate warten, bis man einen Termin für die Behandlung des grauen Stars erhalte. Hört sich nach einer Bagatelle an, und natürlich ist es eine Bagatelle.

«Unser Geld gehört uns»

«Schaut doch, in Europa geht alles drunter und drüber. Und wies in Rom zugeht, brauche ich euch nicht zu sagen.» Ein zustimmendes Raunen geht durchs Publikum. «Wenn sie überall spinnen, dann müssen wir dafür sorgen, dass Südtirol Südtirol bleibt.» Geht ganz einfach: Man muss dafür nur die Partei mit dem Edelweiss im Symbol wählen. Einmal kippt er kurz ins Dialektale: «Inser Göld gehert ins», sagt er. Unser Geld gehört uns. Poltern gegen Rom, das funktioniert immer.

Kompatscher sitzt jetzt auf der Eckbank im Bistro am Dorfplatz, redet schnell und präzis. Manchmal streut er ein italienisches Wort ein, mit weichem r. Der Populismus, sagt er, habe ein Verfallsdatum. «Salvini setzt eine Eskalation auf die vordere. Aber wie lange funktioniert das?» Alte gegen neue Politik, Leistungsausweis gegen Filterblasen. Dennoch kann sich Kompatscher vorstellen, mit der Lega zu regieren, so denn eine Koalition mit den Sozialdemokraten vom Partito Democratico diesmal nicht zustande kommen sollte. Und das ist sehr wahrscheinlich. Ohne italienischsprachige Partner darf die deutschsprachige SVP aber nicht regieren, selbst wenn sie sechzig, siebzig, achtzig Prozent der Stimmen gewänne.

So steht es im Autonomiestatut aus dem Jahr 1972. Es stehen dort noch andere bemerkenswerte Dinge drin, die einmal passend anmuteten, weil sie zum Schutz der Minderheiten dienten. Nun aber wirken sie überholt. Etwa der Passus zum «ethnischen Proporz», der jeder Sprachgruppe Südtirols in allen Lagen eine angemessene Vertretung sichern sollte und stattdessen oftmals den Wettbewerb um die Besten verzerrt. Unzeitgemäss sind auch die Auswüchse der totalen Zweisprachigkeit. Sie hat nämlich zur Folge, dass die «Italiener» und die «Deutschen» nicht zusammen zur Schule gehen, sondern in getrennte Klassen.

Die ärgsten Kritiker des Modells Südtirol sprechen deshalb von «Apartheid», als wären die Zustände mit dem früheren Südafrika vergleichbar. Natürlich ist das Unsinn. In natürlicher Harmonie leben die Gruppen aber nicht. «Wir haben hier ein Nebeneinander, kein Miteinander», sagt Christoph Franceschini, der Chefredaktor der jungen Onlinezeitung «Salto», ein Mann mit langem Haar und erfrischend unabhängigem Geist. Seine Plattform ist das einzige richtig zweisprachige Medium im Land.

RAI Uno? Auf Position 63

Damit es beim Nebeneinander bleibt und die Italiener und die Deutschen nicht zusammenwachsen, dafür sorgen jene rechten und heimattümelnden Agitatoren, die regelmässig in alten Wunden rühren und einschlafende Ressentiments wecken. Bald ist es hundert Jahre her, dass Südtirol und das Trentino aus der Konkursmasse des habsburgisch-ungarischen Imperiums gelöst und Italien zugeschlagen wurden. Mussolini liess Südtirol danach zwangsweise «italianisieren». Während des Faschismus verloren die Uransässigen ihre Beamtenstellen, ersetzt wurden sie von Tausenden Italienern. Das Deutsche wurde unterdrückt. Aus Heinrich wurde Enrico, aus Gustav halt Gustavo.

Aus jener Zeit leben nicht mehr so viele, die Erinnerungen aber bleiben wach, vererbt über Generationen. Die Autonomie hat viel Unrechtes wieder recht gemacht, aber längst nicht alles gut. Das Trennende ist oft lauter als das Einende. Natürlich gibt es Ausnahmen, gerade im Kulturbereich. «Salto» ist so eine. Auch die Universität Bozen ist ein schönes Beispiel. Sie ist dreisprachig, deutsch, italienisch, englisch, und zieht viele Studenten aus dem ganzen Land an. Kompatscher sagt, in der Praxis sei eben vieles viel eingespielter und flexibler, als es die Statistiken vermuten liessen. «United in diversity», nennt er es. Vereint in der Verschiedenheit.

Noch ist es ein Nebeneinander. Im besten Hotel am Platz haben sie die Fernseher so programmiert, dass die italienischen Sender auf der Fernbedienung bei Position 63 beginnen, nach allen Nischenkanälen. Hotelgästen aus dem südlicheren Inland muss das wie ein Affront vorkommen, wenn sie fürs Skifahren und für den Weihnachtsmarkt hochfahren. RAI Uno auf der 63! Da oben in den Bergen, wo Europa im Kleinen lebt und mit alten Teufeln ringt.

Erstellt: 19.10.2018, 15:17 Uhr

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