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Scheinheilige Allianzen

In Frankreich formiert sich eine katholisch-reaktionäre bis rechtsextreme Front gegen François Hollandes Gesellschaftspolitik – und radikalisiert sich. Die linke Regierung und die bürgerliche Rechte stecken im Dilemma.

Oliver Meiler, Paris
Zehntausende Anhänger der konservativen Vereinigung «Demo für alle» (Manif pour Tous) gingen am Wochenende in Lyon (Bild) und Paris gegen die Familienpolitik der sozialistischen Regierung auf die Strasse.
Zehntausende Anhänger der konservativen Vereinigung «Demo für alle» (Manif pour Tous) gingen am Wochenende in Lyon (Bild) und Paris gegen die Familienpolitik der sozialistischen Regierung auf die Strasse.
AFP
Die Demonstranten protestierten unter anderem dagegen, Lesben ein Recht auf künstliche Befruchtung einzuräumen oder die Leihmutterschaft zu legalisieren.
Die Demonstranten protestierten unter anderem dagegen, Lesben ein Recht auf künstliche Befruchtung einzuräumen oder die Leihmutterschaft zu legalisieren.
Keystone
«Spielt nicht Zauberlehrlinge mit unseren Babys», hiess es auf einem Transparent der Demonstranten, auf dem der französische Präsident François Hollande zu sehen ist.
«Spielt nicht Zauberlehrlinge mit unseren Babys», hiess es auf einem Transparent der Demonstranten, auf dem der französische Präsident François Hollande zu sehen ist.
Keystone
Die Vereinigung Demo für alle stand bereits an der Spitze der Protestbewegung gegen die Einführung der Homo-Ehe in Frankreich.
Die Vereinigung Demo für alle stand bereits an der Spitze der Protestbewegung gegen die Einführung der Homo-Ehe in Frankreich.
Keystone
Junge Demonstrantinnen vor dem Gerichtshof in Lyon schwenkten die Nationalflagge und trugen die phrygische Mütze, Symbol der Französischen Republik seit der Revolution von 1789.
Junge Demonstrantinnen vor dem Gerichtshof in Lyon schwenkten die Nationalflagge und trugen die phrygische Mütze, Symbol der Französischen Republik seit der Revolution von 1789.
Keystone
Die Politik der Sozialisten wurde mit teils drastischen Parolen kritisiert. «Nein zum organisierten Genozid des französischen Volkes», hiess es auf einem Plakat der Demonstranten.
Die Politik der Sozialisten wurde mit teils drastischen Parolen kritisiert. «Nein zum organisierten Genozid des französischen Volkes», hiess es auf einem Plakat der Demonstranten.
Keystone
An den Kundgebungen in Paris und Lyon (Bild) nahmen laut Angaben der Polizei 80'000 respektive 20'000 Menschen teil.
An den Kundgebungen in Paris und Lyon (Bild) nahmen laut Angaben der Polizei 80'000 respektive 20'000 Menschen teil.
Keystone
Zu den Demonstrationen kamen viele Familien mit Kindern.
Zu den Demonstrationen kamen viele Familien mit Kindern.
Keystone
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Der süsse Duft von Merguez hängt über der Avenue Duquesne im VII. Arrondissement, grilliert von einem Marokkaner, der hier ein gutes Geschäft vermutet. Trotz allem. Und er hat recht.

Es ist wieder viel Volk nach Paris ­gekommen an diesem kalten Wintersonntag, ein Grossteil mit Cars aus dem Westen und Norden Frankreichs. Volk mit rosa und blauen Fahnen, vorgedruckten Spruchtafeln und Trikoloren. Kinderreiche Familien, viele lachende Jugendliche auch mit den Standarten ­katholischer Orden und Organisationen. Am Rand des Demonstrationszugs tauchen immer mal wieder junge Männer mit rasierten Schädeln, schwarzer Kleidung und Bomberschuhen auf, Skinheads, bei denen nicht so klar ist, ob sie wirklich mitmarschieren. Und erstmals sind auch muslimische Familien aus den Pariser Banlieues gekommen, Mütter im Hijab, Väter mit etwas längeren Bärten, die besten Kunden des marokkanischen Wurstverkäufers. Gerade stimmt die Menge zum wiederholten Mal die Marseillaise an, die französische Nationalhymne. Eine Frau mit Kopftuch singt aus voller Kehle mit. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass in diesem Protestzug die Genese eines ­gelungenen Multikulturalismus gefeiert würde. Doch es ist alles anders, verstörend anders, eine Spur paradox auch.

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