Schimpftiraden wie ein Gauner

Russlands UNO-Gesandter Wladimir Safronkow vergreift sich im Ton.

«Was guckst du?»: Der russische Diplomat Safronkow hatte am 12. April 2017 einen sehr undiplomatischen Auftritt im Sicherheitsrat der UNO. Foto: Stephanie Keith (Reuters)

«Was guckst du?»: Der russische Diplomat Safronkow hatte am 12. April 2017 einen sehr undiplomatischen Auftritt im Sicherheitsrat der UNO. Foto: Stephanie Keith (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ob Russland stolz sein kann auf Diplomaten wie Wladimir Safronkow oder ob sein Auftritt nicht eher beschämend war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Bei der Debatte über den gemeinsamen Resolutionsentwurf der USA, Frankreichs und Grossbritanniens, in dem es um die Giftgasvorwürfe gegen das syrische Regime ging, hatte er den britischen UNO-Botschafter Matthew Rycroft in einem Ton angegriffen, wie man ihn bis dahin im Sicherheitsrat noch nicht gehört hatte. Russische Beobachter fühlten sich an ein Milieu erinnert, das von der Diplomatie sehr weit entfernt ist: die Gaunerkultur aus den Lagern und deren Imitation durch Klein­kriminelle, auch bekannt als «Gopniki».

Gopniki tragen Trainingsanzüge und Schiebermützen, sie hocken in Gruppen in den Hinterhöfen oder am Strassenrand, kauen Sonnenblumenkerne und haben ihr Revier im Blick. Man bekommt eine entfernte Vorstellung davon, wenn man an den Spruch des Komikers Kaya Yanar denkt: «Was guckst du?!» Wer so auf der Strasse angegangen wird, macht sich besser auf was gefasst. Nur dass Safronkow (53) über den Verhandlungstisch nicht «Was guckst du?!» rief, sondern: «Guck mich an! Was wendest du die Augen ab. Schau nicht weg! Warum schaust du weg? Du hast wohl Angst.» Rycroft habe Syrien, den Iran und die Türkei beleidigt. «Wage es nicht noch einmal, Russland zu beleidigen», rief er und erhob warnend den Zeigefinger. In der offiziellen Mitschrift der russischen UNO-Ver­tretung ist das «Du» in «Sie» geändert.

«Warum schaust du weg? Du hast wohl Angst.»

Rycroft hatte zuvor sehr ruhig und sachlich gesagt, Russland habe sein Veto missbraucht, um das Assad-Regime zu schützen und den Gebrauch von Chemiewaffen zu verteidigen und sich damit «auf die falsche Seite der Geschichte» gestellt.

Kritische Journalisten in Moskau sprachen nach Safronkows Auftritt vom Niedergang der russischen Diplomatie. Früher war diese berühmt für Geschick, List und Härte, heute sei nur noch Härte übrig, die als Zeichen von Souveränität verkauft werde. Maria Sacharowa, die Sprecherin des Aussenministeriums, hat eine Mischung aus Häme und Sarkasmus zu ihrem Markenzeichen gemacht. Aussenminister Sergei Lawrow geht auch mal ein leises «Vollidioten» über die Lippen, wenn ihn die Fotografen stören.

Mit seinem Auftritt vergangene Woche hat Safronkow sich in dieser Gesellschaft offenbar empfohlen. Vorher war wenig über ihn bekannt. Er hat die Moskauer Diplomaten-Hochschule besucht, in der russischen Botschaft in Tunis gearbeitet und den Kontakt zur Palästinenserorganisation PLO gehalten. Seit seinem Wechsel nach New York war er unter anderem für den Nahen Osten und den Iran zuständig. Wladimir Putins Sprecher Dmitri Peskow lobte den Auftritt des Diplomaten: Es sei seine Aufgabe, die Interessen der Heimat zu verteidigen. «Wenn nötig mit Härte.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 18:59 Uhr

Artikel zum Thema

Russland und Iran warnen USA vor neuen Angriffen

Nach dem US-Angriff auf eine syrische Militärbasis hat der russische Aussenminister die Haltung Moskaus mit seinen Verbündeten abgestimmt. Mehr...

Russland schmettert Giftgas-Resolution ab

Drei westliche Sicherheitsratsmitglieder unternehmen nach dem Chemiewaffen-Angriff in Syrien einen neuen Vorstoss für eine Verurteilung Assads. Doch Russland winkt abermals ab. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Flexibel einen Volvo nach Wahl fahren

Weil nicht alle ein eigenes Auto besitzen können oder wollen, bietet Volvo Car Rent «den Fünfer und das Weggli».

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Haben sich an ihren Lebensraum angepasst: Vier ausgewachsene Antilopen und ein Junges laufen in der Wüste Rub Al-Khali in Saudiarabien über den trockenen Boden. (19. Dezember 2018)
(Bild: VALDRIN XHEMAJ) Mehr...