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Schläfer unter den Flüchtlingen

Zehn IS-Attentäter sollen einen Anschlag in Düsseldorf geplant haben. Unterwandert die Terrormiliz gezielt Flüchtlingsströme?

Eine «Machtdemonstration» des IS? Die Terrormiliz schickt immer wieder als Flüchtlinge getarnte Attentäter nach Europa.
Eine «Machtdemonstration» des IS? Die Terrormiliz schickt immer wieder als Flüchtlinge getarnte Attentäter nach Europa.
Reuters

Die Düsseldorfer Altstadt ist als «längste Theke der Welt» bekannt, derart ballen sich in der Grossstadt am Rhein Gaststätten, Bars und Clubs auf engstem Raum. Auf dieser Amüsiermeile wollten Terroristen des Islamischen Staats (IS) ein Blutbad anrichten. Zwei Kämpfer sollten sich mit ihren Sprengstoffwesten unter feiernden Menschen in die Luft sprengen, mindestens zwei weitere darauf mit Kriegswaffen in die Menge schiessen und möglichst viele «Ungläubige» töten.

Von diesem Plan geht zumindest die deutsche Bundesanwaltschaft aus, die am Donnerstag die Zelle zerschlug und drei ihrer vier Mitglieder verhaftete. Nach Informationen des «Spiegels» sollten den Anschlag allerdings nicht vier, sondern insgesamt zehn Kämpfer ausführen – wie bei den koordinierten Anschlägen im letzten Dezember in Paris. Die Terroristen, die zur Kernzelle hinzustossen sollten, befänden sich aber noch nicht in Deutschland.

Zwei Männer direkt in Flüchtlingsheimen festgenommen

Der Drahtzieher der Gruppe, Saleh A., sass zu diesem Zeitpunkt längst in Frankreich in Haft. Er war Anfang Februar in ein Kommissariat im Pariser Goutte-d’or-Quartier spaziert und hatte sich gestellt. Er könne es vor seiner Tochter nicht mehr verantworten, ein Terrorist zu sein, gab er zur Begründung an. Es war in diesem Fall also kein Geheimdienst, der die Ermittler auf die Spur einer Zelle brachte, sondern deren Kopf höchstpersönlich. Die Mitglieder seiner Zelle, die sich in Deutschland aufhielten, wurden darauf observiert und nun in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg verhaftet. Laut «Spiegel» plante ein Mitglied der Zelle eine Reise nach Südeuropa. Die Polizei fürchtete, die Spur zu verlieren, und griff zu.

Zwei der drei Männer nahmen Sondereinsatzkommandos direkt in Flüchtlingsheimen fest. Einer der mutmasslichen Terroristen soll ein bekannter Bombenbauer sein, der in Syrien ursprünglich für den Al-Qaida-Ableger Al-Nusra-Front tätig war. Alle Mitglieder der Zelle waren Syrer und kamen seit 2013 als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland. Bei der Verhaftung wurden weder Waffen noch Sprengstoff gefunden, auch sprach die Bundesanwaltschaft davon, dass ein Anschlag nicht unmittelbar bevorgestanden habe.

Im letzten Sommer und Herbst hatten es Sicherheitsbehörden und Experten noch weitgehend ausgeschlossen, dass Terroristen die Flüchtlingstrecks auf dem Balkan benutzen könnten, um unerkannt nach Europa zu gelangen. Der IS verfüge finanziell und logistisch über genügend andere Möglichkeiten, hiess es, sodass er auf die unsichere Balkanroute nicht angewiesen sei. Spätestens seit den Anschlägen von Paris und Brüssel weiss man, dass diese Annahme nicht zutrifft.

Einschleusen als Strategie des IS?

In den deutschen Behörden kursiert mittlerweile sogar die These, es handele sich bei der Einschleusung von als Flüchtlingen getarnten Attentätern um eine «Machtdemonstration» des IS. Sein Ziel sei es, die Flüchtlinge in Europa pauschal zu diskreditieren und die Einheimischen gegen sie aufzuwiegeln, wie der deutsche Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maassen vor einiger Zeit sagte. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, warnte denn am Freitag auch davor, Flüchtlinge nun unter Generalverdacht zu stellen. Damit würde man nur der Strategie des IS auf den Leim kriechen.

Aus Sicht der Behörden und Experten gibt es aber noch einen anderen Grund zur Beunruhigung. Saleh A. erzählte den Ermittlern, er habe den Auftrag zum Attentat in Düsseldorf direkt von der Führung des IS in Syrien erhalten. Für die Anschläge in Frankreich und Belgien hatte der IS darauf geachtet, Personal zu finden, das aus diesen Ländern stammt und sich in ihnen auskennt – Einheimische also. Im Fall der Düsseldorfer Zelle kamen hingegen Ausländer zum Einsatz, eigentliche «Hit Teams», die zu Deutschland keinen Bezug haben.

Als Flüchtlinge getarnte Attentäter

Der Grund dafür könnte darin liegen, dass es dem IS schwerfällt, deutsche Syrienkämpfer für Attentate in ihrer Heimat zu gewinnen. Diese Einschätzung wird unter anderem durch die Aussage eines Rückkehrers namens Harry S. belegt, der den deutschen Behörden laut der «Süddeutschen Zeitung» sagte, er sei zu einem Attentat in der Heimat gedrängt worden. Franzosen für diese Aufgabe gebe es genug, sagten die IS-Planer zu Harry S., aber an Briten und Deutschen herrsche echter Mangel. Die besten Landsleute seien alle beim Kampf um Kobane ums Leben gekommen. Und die, die noch da seien, würden sich immer drücken.

Die sogenannten Syrienrückkehrer sind für die Sicherheitsbehörden prinzipiell nicht einfacher im Auge zu behalten als als Flüchtlinge getarnte Attentäter. Aber ihre Zahl ist im Vergleich zu den Hunderttausenden Kriegsflüchtlingen alleine in Deutschland geradezu schockierend überschaubar.

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