Schlau, nicht feige

Carles Puigdemont hätte zum katalanischen Nationalhelden aufsteigen können. Er verzichtete darauf und hat trotzdem gewonnen.

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Der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont hat der Versuchung widerstanden, Weltgeschichte zu schreiben. Das hätte er zweifellos getan, wenn er gestern Abend im Parlament formell die Unabhängigkeit Kataloniens erklärt hätte. Puigdemont hätte die Zahnbürste gleich mitnehmen können, denn vermutlich wäre er nach einer formellen Unabhängigkeitserklärung verhaftet und wegen Rebellion angeklagt worden. Das Gebäude war von der Nationalpolizei schon umstellt.

Puigdemont wäre damit in die Galerie der katalanischen Nationalhelden aufgerückt. Ob er auch Katalonien in der aktuellen Situation geholfen hätte, ist eine ganz andere Frage. Vermutlich nein, denn die Folgen waren absehbar: Zuspitzung des Konflikts mit Madrid, wachsender fanatischer Nationalismus auf beiden Seiten, geschlossene Reihen auf Seiten Spaniens, vielleicht sogar Ausnahmezustand und Kriegsrecht. Selbst Vorgänger Artur Mas, auch er ein überzeugter bürgerlicher Katalanist, warnte Ende vergangener Woche vor diesem Schritt, weil Katalonien dafür nicht bereit sei.

Es waren solche Mahnworte aus den eigenen Reihen und die Angst vor einer drohenden Wirtschaftskrise, die zum Entscheid führten, vorderhand auf Deeskalation zu setzen. Sie wird den Konflikt zwischen Barcelona und Madrid nun vorderhand einfrieren, statt zuzuspitzen. Und dazu führen, dass dieser Konflikt nun auch mehr unter den Katalanen selber stattfinden wird, weil die radikalen Nationalisten die unverzügliche staatliche Unabhängigkeitserklärung befürworteten und die Aufschiebung als Feigheit sehen, weil sie den Volkswillen vom 1. Oktober missachte.

Video: Puigdemont in seiner Parlamentsrede

«Wir sind keine Verbrecher, keine Verrückten, keine Putschisten» (Video: Tamedia)

Man wird Puigdemont besser als Schlaumeier begreifen. Das hat er schon angedeutet, als er während der Abstimmung am 1. Oktober in einem Tunnel den Wagen wechselte, um der polizeilichen Überwachung aus einem Helikopter zu entgehen. Jetzt hat er mit dem Wechsel der Tonalität Zeit und freie Bewegung gewonnen.

Ob ihm dies auf Dauer hilft oder eher zu seiner Abwahl führen wird, hängt davon ab, wie Madrid auf seine Geste reagiert. Und das wiederum davon, ob sich Regierungschef Mariano Rajoy und König Felipe im konservativen Lager weiterhin eher Türkeis Staatspräsident Erdogan zum Vorbild nehmen oder nicht doch besser Angela Merkel –und nun ihrerseits ein Zeichen der Entspannung setzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 21:12 Uhr

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