Schon als Schüler legte er sich mit der Mafia an

Am Anfang waren fünf Mädchen, fünf Jungs, ihre Schülerzeitung und eine Frage: Wem gehört die Disco im Ort? Seitdem ist die Mafia in Norditalien nicht mehr sicher.

Der Jurist, Professor und Buchautor ist 26 Jahre alt und hat sich der kalabrischen Mafia an die Fersen geheftet: Elia Minari auf der Piazza Matteotti in Brescello. Foto: Marco Gualazzini (Contrasto)

Der Jurist, Professor und Buchautor ist 26 Jahre alt und hat sich der kalabrischen Mafia an die Fersen geheftet: Elia Minari auf der Piazza Matteotti in Brescello. Foto: Marco Gualazzini (Contrasto)

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Naiv sei er nie gewesen, sagt Elia Minari. Höchstens mal überrascht. Aber ein bisschen wie jugendliches Abenteuer hört sich seine Geschichte schon an. Nur echt. Und gefährlich.

Reggio Emilia im Winter. Nebel hängt in den Strassen, ein Nieselregen geht über die Stadt. Es sind noch fünf Minuten bis 16 Uhr, da textet Elia Minari schon aus dem Lokal: «Bin drinnen.» Wenn er einen Termin für ein Telefongespräch ausmacht, sagt er zum Beispiel: «Wollen wir uns Dienstag nächster Woche hören, geht 14.40 Uhr?» Und das ist speziell in einem Land, in dem man sich normalerweise für den nächsten Tag «in mattinata», irgendwann am Morgen, verabredet. Die Frau am Tresen weiss Bescheid. «Elia? Da vorn, vorbei am Kühlschrank und den Gang runter.» Es ist schon erstaunlich, dass keine Polizei an der Tür steht.

Drei Konsonanten und ein Apostroph

Das ist die Geschichte eines schmalen, jungen Mannes, 26 Jahre alt, mit ­bubenhaften Gesichtszügen, sehr dünnen Handgelenken, zu grossem Sakko, ­Typus Klassenbester, der sich schon mit 16, als er noch Schüler am Gymnasium Aldo Moro von Reggio Emilia war, für ein Thema interessierte, das viel grösser war als er.

Es ist auch grösser als das Land, grösser als Italien. Ein Thema mit einem kuriosen Namen, der mit drei Konsonanten beginnt, denen ein Apostroph vorgesetzt ist: ’Ndrangheta. So heisst die kalabrische Mafia, wahrscheinlich ist sie die mächtigste Mafia der Welt: global, modern, dem italienischen Staat und seinen Jägern immer einen Schritt voraus. Mit Armen, die überall hinreichen, vor allem aber in den reichen Norden Italiens.

Wenn man in Reggio Emilia, einer blühenden Stadt in der Poebene, und in der Provinz rundherum irgendwann damit begonnen hat, sich mit dem Zungenbrecher mit den drei Auftaktkonsonanten zu beschäftigen, dann hat das mit diesem viel beschäftigten, jungen Juristen, Professor und Buchautor im weiten Sakko zu tun.

«Wir bildeten uns ein, dass uns die Mafia im Norden nichts angeht, dass es die nur im Süden gibt», sagt Minari in einem Italienisch mit vielen weichen Zischlauten, wie man es in der Emilia spricht. Auch in Deutschland sei es doch so gewesen. Nach den Abrechnungsmorden in Duisburg im August 2007 habe man begonnen, die Illusion aufzugeben.

In Reggio Emilia gab es die schönsten Kindergärten der Welt, sogar «Newsweek» hat darüber berichtet, man genoss den Ruf der arbeitsamen Tugendhaftigkeit, die Wirtschaft florierte, er zählt mit den Fingern mit. «Und, ja, die italienische Trikolore ist auch in Reggio Emilia entworfen worden», sagt Minari. Stell dir vor: die Trikolore. Mehr geht nicht, alles war gut.

Zwischen Reggio Emilia im Norden und Reggio Calabria an der Stiefelspitze liegen Welten. Und 1105 Kilometer Autobahn.

Von der Disco zur Mafia

Elia Minari war also 16, als er beschloss, die Schülerzeitung «Cortocircuito» zu gründen. Der Titel war ein Wortspiel. Er steht für «Kurzschluss» und, getrennt, also «Corto circuito», auch für «enges Netzwerk». Das Blatt kam jeden Monat heraus, im Format A5, gedruckt, etwa 20 Seiten stark. Es wurde in zwölf Gymnasien der Provinz verteilt. In jeder Schule sassen Mitarbeiter. Minari koordinierte die Redaktion, das enge Netzwerk eben. Über alles Mögliche wollte man berichten, auch über Relevantes.

Eine der ersten Geschichten handelte von der mysteriösen Diskothek Ital­ghisa in Reggio Emilia. Das war ein angesagter Schuppen, der auch Junge aus anderen Regionen anzog. Tolle Musik, gute Drinks. Alle Feste der Schule wurden dort gefeiert. «Auch die offiziellen Abiturfeiern mit den Professoren fanden immer da statt», sagt Minari.

Es hiess, sie gehöre der Mafia. Die Recherche begann mit einem Kassenzettel, da stand ein Firmenname drauf. Im Verzeichnis der Handelskammer fand Minari die Namen der Besitzer, er suchte weiter und stiess auf einen Eintrag in den Akten der Polizeipräfektur. Und dort stand, hochoffiziell, dass das Italghisa Verbindungen zur ’Ndrangheta habe. Als Manager im Hintergrund hatte die Mafia einen grossen Fisch platziert, damit es niemand wagte, dem Italghisa Konkurrenz zu machen. Nachtclubs sind formidable Waschmaschinen für schmutziges Geld.

«Wir waren verblüfft», sagt Minari. Warum war der Laden noch offen? Die Gerüchte stimmten also, die Geschichte gab viel zu reden. «Sie erschütterte die alte Gewissheit: ‹Bei uns doch nicht!›»

Ging auf Minaris Enthüllungen zurück: Der «Aemilia»-Prozess mit 237 Angeklagten in Reggio Emilia am 23. März 2016. Foto: Brancolini/Fotogramma/ROPI

Nun wussten die Schüler, dass sie es mit erwachsenen Themen zu tun hatten. Und machten dennoch weiter. Oder gerade deshalb. In einer Recherche kümmerten sie sich um Ungereimtheiten bei der Müllentsorgung, auch diese war von der ’Ndrangheta durchsetzt. Oder um eine Serie von kuriosen Bränden: Vierzig waren es in einem einzigen Jahr. Es brannten Camions, ­Nachtlokale, Autos, Villen, Pizzerias, auch eine Baufirma war dabei. Die lokale Presse behandelte jeden Brand einzeln, als wäre die Serie ein reiner Zufall. Es kursierte sogar die These, die meisten dieser Brände seien die Folge von Selbstentzündungen. «Man neigte nun mal dazu, das Offensichtliche zu leugnen, zu beschönigen, kleinzureden», sagt Minari.

Die jungen Ermittler schauten sich auch die grossen Baustellen in der Provinz an, es gab eine Menge, auch ganz grosse. «Wir nutzten nur offene Quellen, die für alle zugänglich sind», sagt Minari.

Daten und Einträge im Gewerbeverzeichnis, im Liegenschaftskataster, in den Städteplänen, in Versammlungsbeschlüssen der Stadtverwaltung, in Justizakten. Damals sei das gar nicht so einfach gewesen, sie mussten auf die Ämter. «Heute findet man ja alles im Netz.» Sie kreuzten die Daten miteinander, zeichneten Verbindungen zwischen Firmen nach, Connections zwischen Familien, und fanden dabei viele Linien von Kalabrien in die Emilia.

Einstellen, wenn andere entlassen

Während der Wirtschaftskrise investierte die Mafia massiv in Baufirmen im Norden, die von den Banken keine hohen Kredite mehr erhielten und kurz vor dem Bankrott standen. Sobald sie die Zinsen nicht mehr zahlen konnten, übernahmen die Clans Teile der Firmen, bis sie ihnen ganz gehörten. Die Namen der Besitzer aber blieben die alten. Wer sich ­weigerte, da mitzumachen, wurde bedroht oder mit Gewalt gezwungen. Etwa mit Brandanschlägen. Oft lief die Unterwanderung aber prima, ganz ohne Reibung.

«Die Unternehmer der ’Ndrangheta traten wie Wohltäter auf», sagt Minari. Sie waren gut gekleidet, ihre Firmen stellten Leute ein, als alle anderen Mitarbeiter entliessen. Auch die Verwaltungen liessen sich verlocken, der Spardruck war auch für sie gross. Wenn sich auf öffentliche Ausschreibungen Firmen meldeten, die alles zum halben Preis anboten, dann mochte man nicht allzu hart nachfragen, die erhielten den Zuschlag. Und wenn die Kosten dann explodierten: Was will man machen? Es waren auch Bauunternehmer dabei, die in Kalabrien schon verurteilt worden waren. «So genau wollte das bei uns aber niemand wissen», sagt Minari.

Minari kennt seine Recherchen so gut, dass er von jeder Figur das genaue Strafmass weiss – auswendig.

Die Schüler hatten sich nun auch eine alte Videokamera angeschafft. Sie ­fuhren zu den Baustellen, den Nacht­lokalen der Clans, den Restaurants, vor die Villen. Sie hielten einfach drauf, wenn die mutmasslichen Mafiosi aus ihren Häusern kamen. «Das war mein Ding, meine Leidenschaft», sagt ­Minari. Fussball interessierte ihn nicht. «Die Neugier trieb mich an.» Und als dann Anerkennung dazukam, wurde diese Arbeit bei «Cortocircuito», die er zur kulturellen Vereinigung umbaute, ­ziviles Engagement.

Fünf Recherchen führten dazu, dass der Staat aktiv wurde. Minari und seine Freunde, fünf Mädchen, fünf Jungs, gaben den Input. Sie weckten den Norden.

Ein Teil des Mafiaprozesses «Aemilia», der 2016 am Gericht von Reggio Emilia verhandelt wurde, ging auf die Enthüllungen dieser Schulfreunde zurück, die nun etwas älter geworden ­waren, manche studierten Rechtswissenschaften an der Universität. 237 Angeklagte, ein Berg von Indizien, Haftstrafen von insgesamt mehr als 300 Jahren: «Aemilia» ist der bisher grösste Prozess gegen die Mafia in der Geschichte Norditaliens. Er fand in einem Bunker des Tribunals statt, der eigens dafür gebaut worden war.

Wer wollte da schon Böses denken?

Bekannt wurde «Cortocircuito» aber für seine Enthüllungen zu Brescello, einer Gemeinde in der Bassa reggiana, der Ebene am rechten Ufer des Po. 5600 Einwohner, 30 Kilometer von Reggio entfernt, hart an der Grenze zur Lombardei. Das Land hier draussen ist so platt wie Holland, die einzigen Anhöhen sind Bodenwellen auf den engen, schlechten Provinzstrassen. An vielen Tagen zwischen Herbst und Frühjahr ist der ­Nebel in dieser Gegend so dick, dass man keine 20 Meter weit sieht. Heute ist so ein Tag, jede Kurve ein Rätsel. Ohne Nebel sähe man kilometerweit.

Ausgerechnet Brescello. Das Dorf ist berühmt. Sein Hauptplatz, die Piazza Matteotti mit dem Stadthaus an einem Ende und der Kirche am anderen, war einst Bühne und Dekor der grossartig lieblichen Filmserie «Don Camillo und Peppone». Der Pfarrer und der kommunistische Bürgermeister, ihre Alltagsfehden – da war alles drin, was die fromm rote, katholisch kommunistische Emilia immer ausmachte. Fernandel spielte Don Camillo, Gino Cervi gab ­Peppone. Die Filme, eine Saga in fünf Teilen, entstanden ab 1952.

Danach erlebte das sonst unspektakuläre Brescello einen touristischen Aufschwung sondergleichen. Fast alles heisst jetzt «Don Camillo» oder ­«Peppone», eine Bar, ein Restaurant, ein ­Hotel, ein Museum gibt es natürlich auch. Vor die Chiesa di Santa Maria ­Nascente haben sie eine Bronzestatue von Don Camillo gestellt, in die Ecke vor dem Rathaus eine von Peppone.

Mafiöser Wohltäter: Polizeifoto von Francesco Grande Aracri. Foto: PD

Der Film hat sich so sehr in die Wirklichkeit gefressen, dass selbst der Pfarrer die beiden Welten nicht mehr auseinanderhalten kann. Don Evandro Gherardi, so heisst der Geistliche, hat sich in einer Requisitenkammer in ­Cinecittà, den alten Filmstudios in Rom, den «Cristo parlante» geholt, den «sprechenden Christus». Der kam im Film vor und hängt nun in der Kirche, als wäre er heilig, in einem Raum links neben der Eingangstür. Don Evandro hat sich sogar eine neue Prozession ausgedacht, in der er den Gekreuzigten runter zum Po trägt, die Gemeinde im Schlepptau. ­Jeden dritten Samstag im September.

Elia Minari und seine Freunde interessierten sich aber für einen anderen vermeintlichen Wohltäter im Dorf: Francesco Grande Aracri aus Cutro in Kalabrien. Seit den Neunzigern lebte er schon im Norden. In Brescello hatte sich eine kleine, feste Gemeinde von ­Cutresi angesiedelt, die gern unter sich waren. Wer wollte da schon Böses denken?

Doch Francesco ist der Bruder von Nicolino Grande Aracri, auch bekannt als «Mano di gomma», Gummihand, dem grossen Boss der Familie. Nicolino sitzt schon lange in Haft. Die Grande Aracri sind eine ’Ndrina, eine Kernzelle der ’Ndrangheta, die wiederum aus vielen solchen Clans besteht. Ihr Geld machen sie mit Drogen, Waffen, Wucher, Geldwäsche, Erpressung, Korruption, Glücksspiel, das ganze Repertoire. Sie morden auch. Die Emilia war für die Grande Aracri «jungfräuliches Territorium». So beschreiben es Nando Dalla Chiesa und Federica Cabras in ihrem neuen Buch «Rosso Mafia: La ’Ndrangheta a Reggio Emilia». Man schlich sich behutsam an, tarnte sich.

«Im Dorf war man überzeugt, dass die Mafiosi gute Leute sind»Elia Minari, Jurist

Der Bruder des Superbosses war ein angesehener Mann in Brescello, obschon er schon einmal wegen Zugehörigkeit zur Mafia verurteilt worden war. Man hielt das für ein Versehen. Grande ­Aracri war jeweils mit dem Velo unterwegs, wie alle. Mit seinen zwei Baufirmen wurde er immer grösser. Er kaufte sich in die Konkurrenz ein, sicherte sich Aufträge, baute Villen, eine ganze Siedlung etwa für die Cutresi, die nur durch eine Strasse zugänglich war. So liess sich das Viertel auch besser kontrollieren. Die Kalabrier unterhielten sich in Brescello in ihrem Dialekt, den die Einheimischen nicht verstanden. Sie importieren sogar das Brot aus Kalabrien, weil sie das weisse, emilianische Brot nicht mochten. Es hält nur einen Tag.

Grande Aracri tat alles, um sich beliebt zu machen. Er bezahlte für den Verkehrskreisel am Dorfeingang und für das Blumenbeet dazu. Nach einer grossen Überschwemmung schafften seine Firmen Sand heran, 81 Kippwagen voll, alles umsonst. Über einen Vertrauten kaufte er den örtlichen Fussballverein. Geld gab es natürlich auch für Don Evandros Prozession mit dem «Cristo parlante» aus der Requisitensammlung. «Im Dorf war man überzeugt, dass die Mafiosi gute Leute sind», sagt ­Minari. Sie erschlichen sich die Gunst der Menschen, notfalls erkauften sie sich den Konsens. In ihrem Sold stand auch ein Lokaljournalist. Er sollte später zu neun Jahren Haft verurteilt werden.

Als Francesco Grande Aracri angeklagt wurde und die Polizei Güter für drei Millionen Euro beschlagnahmte, gab es in Brescello eine Protestkund­gebung, sie sollte spontan wirken. «Brescello ist nicht mafiös», skandierten die Menschen. Man hörte nun auch wieder von Don Evandro, dem Pfarrer. Der warf den jungen Rechercheuren vor, sie ­zögen mit ihren unwahren Geschichten seine Gemeinde durch den Dreck, darunter werde auch der Tourismus leiden. «In Brescello gibt es keine Mafia», sagte er. Der örtliche Bischof verbot ihm dann, so zu reden. Und so winkt Don Evandro nun immer ab, wenn ihn Reporter zur Mafia befragen wollen.

Ganz vorn marschierten auch die Söhne des Bosses mit. Später wurde dann bekannt, dass der Bürgermeister es war, der die Kundgebung angeregt hatte. Schon dessen Vater war Bürgermeister gewesen, neunzehn Jahre lang. Alles in der Familie.

Jeder Satz ist wie ein Verdikt

Vor drei Jahren wurde die Gemeindeverwaltung von Brescello aufgelöst. Rom entsandte einen «Commissario», der den Rechtsstaat wieder herrichten sollte. Solche Zwangsverwaltungen gibt es im Süden des Landes ständig. Für die Emilia war sie eine Premiere. Im Dekret des italienischen Staatspräsidenten hiess es, die Mafia habe die Gemeinde gelenkt, die ’Ndrangheta. Und dass diese Erkenntnis den Recherchen von «Corto­circuito» zu verdanken sei. Die Videos und Interviews der Vereinigung, sie gehören zu den Akten.

Minari hat ein Buch geschrieben. «Guardare la mafia negli occhi», auf deutsch: der Mafia in die Augen schauen. Es liest sich wie eine Autobiografie, die Erzählung eines sehr jungen Lebens. Minari hat schon Auszeichnungen erhalten, die anderen zum Karriereende verliehen werden. Eine Gemeinde machte ihn zum Ehrenbürger. Wenn er Konferenzen gibt, reisen auch deutsche Polizeikommissare an. In diesem Herbst hat die Universität in Parma einen Lehrgang «Prävention und Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität» eingeführt. Minari gibt die Vorlesungen. «286 Studenten haben sich eingeschrieben», sagt er, das ist wohl seine grösste Genugtuung.

Minari kennt seine Recherchen so gut, dass er von jeder Figur das genaue Strafmass auswendig weiss, samt ­Justizgrad. Jeder Satz ist wie gestanzt, wie ein Verdikt. «Man muss genau sein und sollte nie übertreiben», sagt er. Sonst mache man sich angreifbar.

Schon mit 16 hat sich Elia Minari für ein Thema interessierte, das viel grösser war als er. Foto: Oliver Meiler

Francesco Grande Aracri, Statthalter des Clans in Brescello, und zwei seiner Söhne sind im Sommer verhaftet worden, die Justiz hat den Vater letztinstanzlich verurteilt. Gegen Gaetano Blasco, einen anderen mutmasslichen Boss aus Kalabrien, gibt es bisher nur ein erstinstanzliches Urteil, allerdings ein hohes, gesprochen nach dem Prozess «Aemilia»: 38 Jahre Haft. Blasco hatte ein Bauunternehmen in Reggio Emilia und das Restaurant Da Gaetano in Augsburg. In dieser Stadt war er einst verhaftet worden.

Auch für Blasco kam der Input von «Cortocircuito». Zweimal hat er Minari offen gedroht, mit den exakt selben Worten. «Bis nach Hause» werde er ihn verfolgen, sagte Blasco. Fünf Jahre ­lagen zwischen der ersten und der zweiten Drohung. Das zweite Mal war im ­Gericht, vor den Richtern. Nun sitzt Blasco im Gefängnis. Doch die Mafia vergisst nie.

«Der Druck war riesig.»Elia Minari, Jurist

«Natürlich ist das gefährlich», sagt Minari. Ein wenig Angst sei schon ­dabei. Seine Eltern hätten ihm abgeraten, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, am Anfang waren sie ja noch Kinder. «Sie sagten: ‹Ausgerechnet die ’Ndrangheta! Konntest du dir nicht was Leichteres aussuchen?›» Die grossen Fälle recherchierten sie in den Sommerferien. Brescello zum Beispiel. Manchmal habe er sich allein gefühlt, vor allem zu Beginn, als noch alle das Offensichtliche leugneten. Das sei die schwierigste Phase gewesen. Er habe damals Briefe von Anwälten der Mafiosi erhalten, die ihm mit Verleumdungsklagen ihrer Mandanten drohten. «Der Druck war riesig.»

Unter Polizeischutz steht Minari trotzdem nur, wenn er öffentlich auftritt. «Im Alltag bin ich zum Glück frei», sagt er. Er sehe sich nicht als Opfer, wolle nicht klagen, er hat da eine Theorie. «Im Norden will die Mafia möglichst wenig Lärm machen, nur nicht auffallen», sagt er. Wenn sie einem wie ihm etwas antun würde, wäre das geschäftsschädigend. Das ist seine Gewissheit, einfach mal so für sich definiert.

Elia Minari will Untersuchungs­richter werden, Mafiajäger des Staates. Das braucht eine Weile, mindestens fünf weitere Jahre Studium sind noch nötig. Aber er ist ja auch erst 26.

Erstellt: 28.12.2019, 22:10 Uhr

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