Schrott-Journalismus

Die Gauland-Affäre zeigt, was geschieht, wenn Journalismus soziale Medien imitiert.

Zielscheibe von rassistischen Beleidigungen: Fussballspieler Jérôme Boateng. Foto: AFP

Zielscheibe von rassistischen Beleidigungen: Fussballspieler Jérôme Boateng. Foto: AFP

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Der aufmerksame Medienkonsument hatte diese Woche Gelegenheit, eine ganze Reihe Wort-Neuschöpfungen zu lernen: Nachrichten-Populismus, Exkontextualisierung, Nonpologys, Bewältigungskommunikation.

Anlass für die sprachliche Kreativität war der von der «Frankfurter Allgemeinen Sonntags­zeitung» servierte Aufreger: «Gauland beleidigt Boateng», so der Titel des Aufmachers, der sich um eine Aussage eines Spitzenvertreters der Alternative für Deutschland (AfD) drehte – und die ganze Woche weiterdrehte.

«Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.» Das soll Gauland laut der Zeitung über den dunkelhäutigen Nationalspieler gesagt haben. Tagelang entfaltete sich darauf die übliche Dramaturgie: dicke Schlagzeile, grosse Empörung in sozialen und etablierten Medien, politisches Ausschlachten derselben, dann Zweifel am Wahrheitsgehalt der Geschichte, zumal die Aussage nur in handschriftlichen Notizen und nicht auf Tonband festgehalten worden war, semantische Detailanalysen, ob die Aussage selbst rassistisch sei oder nur den allgemeinen Rassismus der Leute habe zeigen wollen, Kritik an der Kritik.

Und schliesslich die grosse Frage: Was sollte die ganze Übung eigentlich?

Kontextbefreit

Dazu muss man sich die Sache noch einmal ansehen: Gaulands skandalisierte Bemerkung fiel nicht in einem Interview, sondern in einem Hintergrundgespräch. Trotzdem setzte sie das Blatt gänzlich nackt auf die Front. Der Kontext fand sich ein paar Seiten weiter hinten im Blatt. Im zugehörigen Artikel geht es um die Frage, ob die islamkritische Haltung der AfD einen christ­lichen Hintergrund habe. Das ist eine gute Frage, nur sprach niemand davon. Zu sehr war man mit der Beleidigung beschäftigt, die ohne Einbettung in die Welt hinausgeblasen worden war. Nur in Boatengs Nachbarschaft hatte man sich umgehört, ob er denn ein guter Nachbar sei. (Ist er.) Als ob es hier um Boateng ginge.

Für Wertloses ­bezahlen will niemand.

Natürlich wusste die Zeitung, dass sich niemand für den Text, aber alle für den per Schlagzeile verstärkten Affront interessieren würden. Diese Lektion haben wir aus den sozialen Medien gelernt: Der Konsument ist ein Gefühlsvampir, er lebt von Emotionen. Um ihn zu befriedigen, braucht es keinen Journalismus. Nachrichten-Populismus reicht. Die Restpresse zieht mit oder wird mitgezogen. Wenn der Skandal genug Dynamik hat, verlangt das die Chronistenpflicht.Es ist verständlich, dass die in die Enge getriebenen etablierten Medien Strategien gegen ihren Bedeutungsverlust suchen. Nur ist dies der falsche Weg. So fragwürdig Gaulands Äusserung war, so sehr sie auch ein Licht darauf wirft, mit welcher Klientel man es bei der AfD zu tun hat – so wenig taugt diese Art von Berichterstattung, um Sachverhalte zu klären.

Keinen Gefallen getan

Und so haben die Leute bei der «Frankfurter Allgemeinen» zwar die Schlagzeilen dominiert, dabei aber weder sich selbst noch der Branche insgesamt einen Gefallen getan. Man mag sich über die gesteigerte Aufmerksamkeit gefreut haben, aber solche Gefühle währen kurz. Schrott-Journalismus schadet hingegen langfristig. Das Publikum ist nicht blöd. Und für Wertloses bezahlen will niemand.

Will man das Vertrauen zurückgewinnen, muss man sich von den sozialen Medien unterscheiden. Wer ihre Empörungsmechanismen imitiert, hat schon kapituliert. Und muss sich nicht wundern, wenn er sich so am Ende selbst abschafft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2016, 22:37 Uhr

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