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Schwere Tage für Merkels Musterministerin

Als ledige Politikerin in der männergeprägten Südwest-CDU hat Annette Schavan das Kämpfen gelernt. Gut so. Denn nach den Plagiatsvorwürfen muss sich die 57-jährige Merkel-Vertraute nun kräftig zur Wehr setzen.

Gehört seit sieben Jahren als Bildungsministerin dem Kabinett von Angela Merkel an: Annette Schavan mit der deutschen Bundeskanzlerin.
Gehört seit sieben Jahren als Bildungsministerin dem Kabinett von Angela Merkel an: Annette Schavan mit der deutschen Bundeskanzlerin.
Reuters

Bei öffentlichen Auftritten ist Annette Schavan meist freundlich und gut gelaunt, auch wenn ihr der Wind politisch gerade mal wieder mächtig ins Gesicht bläst. Ihre «Lust auf Politik» sei ungebrochen, sagte die 57-Jährige noch im Sommer, als sie nach 14 Jahren ihren Abschied aus dem CDU-Präsidium ankündigte.

Doch in diesen Tagen könnte es eng werden für die langjährige Vertraute der Kanzlerin. Sollte ihr die Uni Düsseldorf wegen der Plagiatsvorwürfe den Doktortitel aberkennen, wäre sie ihr Amt als oberste Bildungshüterin der Republik wohl los.

Steigende Ausgaben für Bildung und Forschung

Seit sieben Jahren gehört Schavan als Bildungsministerin dem Kabinett von Angela Merkel an. Die in Neuss geborene, gläubige Katholikin zählt schon früh zu den engsten Vertrauten der Kanzlerin, auch weil sie deren Strategie zur Modernisierung der CDU stets unterstützt.

Als Forschungsministerin kämpft sie hartnäckig für die an den Hochschulen unpopulären Bachelor- und Masterabschlüsse und das Abitur nach Klasse 12. In ihrer Amtszeit steigen die Ausgaben für Bildung und Forschung stetig an.

Falsche Zitierweise

Doch seit dem Frühjahr droht die reibungslose Karriere der energischen CDU-Frau ins Rutschen zu geraten: Internet-Plagiatejäger wollen in ihrer 351 Seiten dicken Dissertation «Person und Gewissen» von 1980 auf dutzenden Seiten falsche Zitierweise entdeckt haben.

Am Wochenende sickern erstmals Ergebnisse eines Gutachtens des die Arbeit prüfenden Professors der Uni Düsseldorf durch. Von «leitender Täuschungsabsicht» ist die Rede - herbe Kritik für eine Bildungsministerin, die gerne die Bedeutung der wissenschaftlichen Standards betont.

Kämpfernatur

Schavan schaltet gestern denn auch einen angriffslustigeren Tonfall an: «Ich lasse mir das nicht bieten», schimpft sie und kündigt eine Stellungnahme gegenüber der Uni an. Nachdem sie fünf Monate «eisern geschwiegen» habe, bleibe ihr nun nichts anderes übrig, als sich zu wehren.

Das Kämpfen hat Schavan in ihrer Karriere gelernt. Schon während des Studiums der Erziehungswissenschaft, Philosophie und Theologie ist sie für die CDU in der Kommunalpolitik aktiv. Nach der Promotion beginnt sie als Referentin im bischöflichen Studienförderungwerk Cusanuswerk, an dessen Spitze sie sich bis 1991 hocharbeitet.

1995 wagt Schavan den Schritt in die Politik nach Baden-Württemberg. Als Kultusministerin erregt sie bundesweit Aufsehen, als sie muslimischen Lehrerinnen das Tragen von Kopftüchern an Schulen untersagt. In der männergeprägten Südwest-CDU hat es die ledige Politikerin, die über ihr Privatleben nicht gerne Auskunft gibt, nicht leicht.

Als es Ende 2004 in Baden-Württemberg um die Nachfolge von Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) geht, zieht sie gegen Günther Oettinger den Kürzeren. Nach der gewonnenen Bundestagswahl 2005 holt Merkel ihre Parteifreundin in ihr Kabinett nach Berlin.

Souverän pariert

Schavans solide Arbeit als Ministerin verschafft ihr nicht die gewünschte Hausmacht in der Partei, in Baden-Württemberg bleibt die resolute Rheinländerin umstritten: Bei den Wahlen zum CDU-Vize erzielt sie 2008 und 2010 das jeweils schlechteste Ergebnis. 2011 lassen die Gegner einer von der CDU-Spitze angestossenen Reform von Haupt- und Realschule ihre Wut vor allem an Schavan aus - Kritik, welche die bodenständig auftretende Ministerin souverän pariert.

Schwerer wiegen da schon die Vorwürfe wegen der Doktorarbeit, denn im Plagiatsverfahren muss sich Schavan an ihren eigenen moralischen Ansprüchen messen lassen. Sie schäme sich nicht nur heimlich, sagt sie, als 2011 ihr Kabinettskollege Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wegen Plagiatsvorwürfen unter Druck gerät.

Legendär ist das Foto, auf dem sie und Merkel mit kaum verholener Genugtuung die Rücktritts-SMS des damaligen Verteidigungsministers lesen. Das Gewissen helfe einem, den richtigen Zeitpunkt für die Abgabe eines Amtes zu finden, sagte Schavan kürzlich. Sollte sie ihren Doktortitel verlieren, könnte es sein, dass Merkel bald auch eine Kurznachricht von ihrer Musterministerin bekommt.

AFP/wid

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