Sehnsucht nach Charisma

Der graue Alltag deutscher Koalitionsbildung verschüttet jede Aufbruchstimmung.

Barack Obama, ein Politiker mit Charisma, der die Menschen begeistert. Foto: Rainer Jensen (DPA, AFP)

Barack Obama, ein Politiker mit Charisma, der die Menschen begeistert. Foto: Rainer Jensen (DPA, AFP)

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Übernächtigt, wie sie sind, wirken sie wie die grauen Herren in Michael Endes Kinderbuch «Momo». Nur rauchen die Verhandlungsführer der (vielleicht) bald anstehenden Grossen Koalition nicht allein die Zeit weg mit ihren dicken Zigarren, sondern auch noch die Zukunft Deutschlands. Das Bild passt auch und gerade auf Angela Merkel, eine Frau, der selbst in ihren besten Tagen niemand überschäumendes Charisma vorgeworfen hat und auch nicht unbändigen Willen zur Neugestaltung. Hat denn das Land kein besseres politisches Personal, fragen da viele. Keine charismatischen Führungsfiguren, keinen Macron, Trudeau, Obama? Oder doch wenigstens einen Kohl, Schmidt, Brandt?

Im Publikum breitet sich Verdrossenheit aus. Man wünscht sich Leute, die überzeugende Alternativen zum herrschenden Malaise und zum gefühlten Stillstand aufzeigen. Lichtgestalten, die begeistern und ein ganzes Land einigen können, weil sie das offensichtlich tief sitzende Bedürfnis nach einem Neuanfang verstehen und darauf eine Antwort haben.

Aber natürlich wird auch gleich vor solchen Sehnsüchten gewarnt, gerade in Deutschland. Denn zum Stichwort des charismatischen Politikers kommen einem da nicht zuerst ein Brandt oder Schmidt in den Sinn, sondern jener Österreicher, der in Deutschland 1933 für zwölf Jahre die Macht an sich riss.

«Wo in der Politik die Leidenschaft fehlt, herrscht Kälte.»

Auch die Gegenwart hält allerdings längst nicht nur Erbauliches bereit, wenn man nach charismatischen Führerpersönlichkeiten fragt. Trump, Putin, Erdogan mögen, jeder auf seine Art, ihre Anhänger begeistern und ihnen als messianische Heilsbringer erscheinen. Insgesamt verbindet die drei aber eine Politik, die das Trennende über das Einigende stellt. Dazu kommen unheimliche autokratische Ambitionen. Diese scheinen, je nach dem politischen System, das diese Politiker hervorgebracht hat, nur schwierig oder gar nicht zu stoppen zu sein. Bei anderen, wie Le Pen, Wilders, Farrage, ist die Erleichterung über ihr bisheriges Scheitern offensichtlich: Gut, heisst es, dass es ihnen nicht vergönnt ist, für ihre Heilsversprechen den Tatbeweis antreten zu dürfen.

Langeweile als Markenzeichen

Soll man sich also lieber abfinden mit lauter grauen Mäusen in der Politik, die lieber verwalten und wursteln, statt klare Antworten auf grosse Probleme zu geben? Man kann darin sogar eine Tugend sehen: Die so erzeugte Langeweile wird zum Markenzeichen funktionierender Demokratien. Wir in der Schweiz sind ja sogar stolz darauf. Dank einer seit der Staatsgründung ununterbrochen funktionierenden übergrossen Koalition aller wählerstarken Parteien ist das politische Leben von gepflegter Eintönigkeit, selten unterbrochen von emotionalen Ausbrüchen bei Volksabstimmungen.

Beständigkeit und Solidität sind der Ausdruck einer Politik, die auf Vernunft beruht und nicht auf Emotionen, schrieb der 2009 verstorbene Soziologe und Politiker Ralf Dahrendorf. Aber selbst er sieht darin nicht nur einen Vorteil, sondern auch einen Mangel, ja sogar «eine fundamentale Schwäche». Die Vernunft und die in ihrem Namen geschaffenen demokratischen Institutionen sind in seinen Augen «kalt». Sie bieten nie jene Wärme und Vertrautheit, die ein charismatischer Politiker erzeugen kann: Obamas «Yes we can» oder Trumps «I can fix this», das nationalistische Heimatgefühl in Putins neuem Russland, das islamische Selbstbewusstsein in Erdogans neuer Türkei. Die liberale Ordnung, sagt Dahrendorf mit kaum unterdrücktem Seufzen, sei eben eine Sache des Kopfes, nicht des Herzens.

Das wäre ja nun ein einigermassen versöhnlicher Schluss für einen Kommentar, der im Namen der Vernunft für eine verlässlich-langweilige Politik plädiert und die Sehnsucht nach charismatischem Führungspersonal grundsätzlich kritisiert. Aber: Auch die Bürgerinnen und Bürger der vernünftigsten Demokratien haben es verdient, von Leuten regiert zu werden, die mit Leidenschaft und auch mal mit Überschwang die Ziele ihrer Wähler verfolgen. Natürlich muss die Leidenschaft durch den Respekt vor den demokratischen Institutionen gezügelt sein. Aber wo sie fehlt, herrscht eine bleierne Kälte, die die Menschen in die Arme jener treiben kann, deren Charisma ungezügelt ist.

Erstellt: 16.01.2018, 20:20 Uhr

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Edgar Schuler


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