Selbst Donald Trump bekniet dieses kleine Land

Der Westen führt eine grosse Kampagne zur Umbenennung von Mazedonien. Danach könnte es der Nato beitreten – trotz des Widerstands aus Moskau.

Verspricht Mazedonien in einem Brief Sicherheit und Wohlstand. US-Präsident Donald Trump.

Verspricht Mazedonien in einem Brief Sicherheit und Wohlstand. US-Präsident Donald Trump. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Früher ging alles schneller. Als Alexander der Grosse, der König des antiken Makedonien, im Jahre 334 v. Chr. seinen Feldzug begann, konnte vermutlich niemand ahnen, dass er in den folgenden elf Jahren die Perser, Ägypter und Inder besiegen und ein Weltreich erobern wird. Der Draufgänger legte einen Weg von rund 32'000 Kilometern zurück.

Mazedonien und Griechenland brauchten dagegen mehr als ein Vierteljahrhundert, um einen Namensstreit beizulegen. Der Konflikt eskalierte 1991, als Mazedonien sich friedlich vom Vielvölkerstaat Jugoslawien abspaltete und die Unabhängigkeit erklärte.

Weil eine nordgriechische Provinz Mazedonien heisst, durfte das Nachbarland laut der Regierung in Athen nicht Mazedonien heissen. Beide Seiten beanspruchten das antike Erbe, sie provozierten sich gegenseitig, das Spiel mit balkanischen Emotionen und hellenistischen Symbolen wurde oft auf die Spitze getrieben. Zu Beginn der 90er-Jahre konnte Mazedonien nicht einmal den Aussenhandel über den Hafen von Thessaloniki abwickeln. In die UNO wurde das Land unter dem erniedrigenden Namen «Fyrom» (For­mer Yu­gos­lav Re­pu­blic of Mace­do­nia) aufgenommen. Das Akronym-Ungetüm inspirierte die Zyniker: Sie nannten die Einwohner des Balkastaates «Fyromianer».

Bürger entscheiden Ende September

Den Nato-Beitritt und die Integration Mazedoniens in die EU hat Athen auch blockiert. Seit 1994 versuchte der US-Diplomat Matthew Nimetz, den Namensstreit zu lösen – zunächst im Auftrag Washingtons, danach als UNO-Gesandter. Am 17. Juni konnte Nimetz die Ministerpräsidenten Griechenlands und Mazedoniens am Ufer des zu beiden Ländern (sowie zu Albanien) gehörenden Prespasees in die Arme schliessen.

Nicht alle Griechen sind mit der Umbenennung einverstanden: Proteste in der Hafenstadt Thessaloniki. Foto: Keystone

Alexis Tsipras und Zoran Zaev hatten ein Abkommen geschlossen, dass die Umbenennung Mazedoniens in Nord-Mazedonien vorsieht. Zum ersten Mal getroffen hatten sich die beiden Politiker Ende Januar am WEF in Davos, danach wurde fern der Öffentlichkeit verhandelt. Nun soll die historische Entscheidung fallen: Am 30. September votieren die Bürger Mazedoniens in einem Referendum über den Namenswechsel. Athen hat versprochen, die Nato-Mitgliedschaft von Nord-Mazedonien nicht zu verhindern.

Acht Millionen Dollar gegen russische Propaganda

Um die Mazedonier für ein Ja zu überzeugen, führt der Westen eine regelrechte Kampagne. Sogar Donald Trump hat sich eingeschaltet. In einem Brief, den die US-Botschaft in Skopje veröffentlicht hat, lobt der US-Präsident das Abkommen und macht ein grosses Versprechen: Mazedoniens Nato-Mitgliedschaft werde «Sicherheit, Stabilität und Wohlstand» in der gesamten Region erhöhen. Am Montag traf sich der amerikanische Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ja­mes Mat­tis mit führenden mazedonischen Politikern in der Hauptstadt Skopje. Er sagte, die Abstimmung über die Namensergänzung sei die «wich­tigs­te Wahl in der Ge­schich­te Mazedoniens», und fügte hinzu: «Wir sind be­reit, euch als das 30. Mit­glied der Na­to will­kom­men zu heissen.»

Sein Besuch war auch eine Warnung an Moskau, das russophile Gruppen in Mazedonien unterstützt. «Sie (die Russen) haben Geld überwiesen und führen auch breiter angelegte Einflusskampagnen durch», meine Mattis. Bisher weitgehend unbekannte Seiten auf Facebook fordern die Bürger auf, die Stimmzettel zu verbrennen.

Mazedoniens Premier Zaev sagte Mitte Juli, dass «russische Geschäftsleute» den Fans des Fussballclubs Vardar Geld gegeben hätten, um vor dem Referendum Gewalt zu provozieren. Weitere Details nannte der Sozialdemokrat nicht. Die russische Botschaft in Skopje sprach von einer unverantwortlichen und russophoben Erklärung. Anfang Jahr hielt sich der kremlnahe Ideologe Alexander Dugin in Skopje auf, um Stimmung gegen den Westen zu machen und für die «slawische Bruderschaft» zu werben. Um «russische Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen» in Mazedonien zu bekämpfen, hat der US-Kongress dem kleinen Balkanstaat acht Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

Unterstützung der USA: Verteidigungsminister James Mattis (mitte) trifft den mazedonischen Premier Zoran Zaev (rechts). Foto: Keystone Moskau mischt offenbar auch in Griechenland mit. Die Regierung in Athen wies im Juli zwei russische Diplomaten aus, die eine Beilegung des Namensstreits mit Mazedonien torpedieren wollten. Sie hätten versucht, durch finanzielle «Belohnungen» Beamte und Metropoliten der griechisch-orthodoxen Kirche zu beeinflussen, hiess es in den griechischen Medien.

«Nord-Mazedonien» liegt vorne

Neben James Mattis haben in den letzten Tagen auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, die EU-Chefdiplomatin Federica Mogherini, der österreichische Regierungschef Sebastian Kurz und mehrere EU-Aussenminister Skopje besucht. Sie alle hatten mehr oder weniger die gleiche Botschaft wie EU-Er­wei­te­rungs­kom­mis­sar Johannes Hahn. Er sagte zu Wochenbeginn: «Am 30. Sep­tem­ber ha­ben Sie ei­ne ein­ma­li­ge Ge­le­gen­heit, Ih­re Zu­kunft zu gestalten. Dies ist eine ein­ma­li­ge Ge­le­gen­heit, ei­ne Ent­schei­dung zu tref­fen, die ei­nen Ein­fluss ha­ben wird auf die Bür­ger, ih­re Kin­der und Ge­ne­ra­tio­nen, die noch nicht ge­bo­ren sind.»

Umfragen deuten darauf hin, dass die meisten Stimmberechtigten für den Vorschlag stimmen werden. Es ist aber unklar, ob die Wahlbeteiligung bei mindestens 50 Prozent liegen wird. Das Wahlregister umfasst 1,8 Millionen Bürger. Doch laut der Wahlkommission befinden sich darunter viele tote Seelen und vor allem Angehörige der albanischen Minderheit, die in der Schweiz, in Italien, in Österreich und in Deutschland leben, aber sich nie in Mazedonien abgemeldet haben.

Auch Schweiz-Albaner entscheiden

Ein Viertel der knapp zwei Millionen Bürger Mazedoniens sind Albaner. Sie werden beim Referendum eine entscheidende Rolle spielen. Deshalb laden albanische Parteien in diesen Tagen prominente Landsleute aus Zürich ein, um an der Abstimmungskampagne teilzunehmen.

Die slawische Bevölkerungsmehrheit ist in der Namensfrage gespalten. Nicht nur prorussische Bewegungen und Diaspora-Nationalisten, sondern auch Teile der konservativen Oppositionspartei VMRO-DPMNE rufen zum Boykott auf. Die Namensänderung gefährde die nationale Identität der Mazedonier, heisst es. Auffallend still bleibt der langjährige Premierminister Nikola Gruevski. Er hatte mit seiner Klientelclique VMRO-DPMNE ein blühendes Korruptionssystem aufgebaut. Inzwischen ist er wegen Korruption in erster Instanz zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Während seiner Amtszeit soll er unter anderem unrechtmässig einen umgerechnet knapp 700'000 Franken teuren Dienstwagen erworben und dabei eine Provision für sich eingestrichen haben. Zuletzt hiess es in Skopje, er habe eine Bedingung gestellt, um das Referendum nicht zu bekämpfen. Die Bedingung setzt sich aus elf Buchstaben zusammen: Begnadigung.

Erstellt: 29.09.2018, 20:41 Uhr

Artikel zum Thema

Mazedonien: Heftige Proteste nach Einigung im Namensstreit

Aus griechischer Sicht ist der Name des nördlichen Nachbarlandes Teil des Nationalerbes. Es soll künftig Nord-Mazedonien heissen. Mehr...

Aus Mazedonien soll die Republik Nord-Mazedonien werden

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat eine Einigung im 27 Jahre währenden Namensstreit verkündet. Mehr...

Ein Land sucht einen neuen Namen

Mazedonien solle sich umbenennen, fordert Griechenland. Am WEF könnten die Premiers beider Länder den jahrelangen Namensstreit beilegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...