Selbst ernannter Frauenversteher

Jens Spahn will eine Studie zu den psychischen Folgen einer Abtreibung. Das erhitzt in Deutschland die Gemüter.

Schon wieder in der Kritik: Jens Spahn, Deutschlands Gesundheitsminister. Foto: PD

Schon wieder in der Kritik: Jens Spahn, Deutschlands Gesundheitsminister. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist nicht nur Unverständnis und Kritik, sondern auch Wut, die dem CDU-Politiker Jens Spahn in diesen Tagen entgegenschlägt. Nachdem er Anfang des Monats mit einem Tweet den Eindruck erweckt hat, eine Krebserkrankung könne mit Nichtrauchen, Sonnencreme, genügend Bewegung und gesunder Ernährung ganz einfach verhindert werden, ergiesst sich nun der nächste Shitstorm über den 38-Jährigen. Der Grund: Das deutsche Kabinett sprach fünf Millionen Euro für die Durchführung einer von Spahn geplanten Studie zu Häufigkeit und Ausprägung psychischer Folgen für Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch.

Nicht nur Spahns politische Gegner von SPD und FDP kritisieren das Vorhaben scharf, seit Anfang Woche wird die Spahn-Studie in den Meinungsspalten der deutschen Medien und auf Twitter, Facebook und Instagram heiss diskutiert. Zu reden geben vor allem die 1,25 Millionen Euro, die das Bundesgesundheitsministerium von 2020 bis 2023 jährlich für die Studie erhalten soll. Denn die Zustände in deutschen Geburtskliniken sind teilweise desaströs; zu wenig Hebammen, überfüllte Kreisssäle. «#WasfürnSpahn: 5 Millionen Euro für Hilfe statt Hass» heisst deshalb die Petition, die die Berliner Bloggerin und Feministin Nike van Dinther am Montag lanciert hat. Bis gestern haben rund 49'000 Menschen unterschrieben.

Spahn äussert sich nicht

Bereits bevor Spahn Gesundheitsminister wurde, äusserte er sich kritisch zum Thema Schwangerschaftsabbruch. 2014 unterstellte er Frauen, sie würden die «Pille danach» wie Smarties einwerfen. Damit sprach er Frauen nicht nur ihr Verantwortungsbewusstsein, sondern auch ihr Urteilsvermögen und ihre Mündigkeit ab.

Spahn ist auch Verfechter von 219a; jenem umstrittenen Paragrafen des deutschen Strafgesetzbuches, der besagt, dass sich strafbar macht, wer für Abtreibungen wirbt. Dass dieser Passus auch zur Anwendung kommt, zeigte 2017 der Fall von Kristina Hänel. Die Ärztin wurde schuldig gesprochen, weil sie auf der Website ihrer Praxis in ihrem Leistungsangebot auch Schwangerschaftsabbrüche auflistete.

Dass nun genau dieser Mann eine Studie zu den Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen in Auftrag geben will, erscheint vielen geradezu als Hohn. Natürlich ist Spahns Studie eine ergebnisoffene Untersuchung. Doch Studien werden meist nicht ohne Hintergedanken in Auftrag gegeben – und auf welches Ergebnis Jens Spahn hofft, scheint offensichtlich. Dabei gebe es, so die Kritikerinnen, bereits aussagekräftige Untersuchungen zu diesem Thema – und diese kommen zum Schluss, dass es ein sogenanntes Post-Abortion-Syndrom nicht gibt.

Sabine Weiss, die parlamentarische Staatssekretärin des Gesundheitsministeriums, liess am vergangenen Mittwoch jedoch verlauten, dass es in Deutschland keine Untersuchung der Langzeitfolgen gebe und man der Frage nach dem Leid der Frauen nachgehen wolle. Jens Spahn selbst hat sich indes zu den Vorwürfen nicht geäussert. Der Minister wandte sich am Mittwochabend zwar per Facebook-Livestream an die Bürgerinnen und Bürger und beantwortete Fragen zu Pflege und Gesundheit – um «zu erfahren, wo der Schuh drückt», wie er erklärte, die umstrittene Studie erwähnte er aber mit keinem Wort.

Erstellt: 14.02.2019, 20:08 Uhr

Artikel zum Thema

Merkels Gegenspieler

Porträt Jung, schwul, katholisch, konservativ: Der 37-jährige Jens Spahn belebt die Hoffnungen des rechten Flügels der CDU, Angela Merkel zu beerben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...