Separatismus ist uneuropäisch

Die Nationalisten in Katalonien sind gescheitert. Gut so. Nur die EU kann Europa vor dem Zerfall in Dutzende Kleinstaaten bewahren.

«In Vielfalt geeint»: EU hat den Separatisten aus Katalonien einen Denkzettel verpasst.

«In Vielfalt geeint»: EU hat den Separatisten aus Katalonien einen Denkzettel verpasst. Bild: Santi Palacios/Keystone

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Der Aufstieg des Nationalismus in Europa bedroht den Kontinent. Von Deutschland bis Spanien, über Frankreich, England, Belgien oder Ungarn, verbreiten identitätspopulistische Bewegungen ihr Gift bezüglich neuer Aufteilungen und Grenzen – zum Entsetzen all derjenigen, die ein paar Geschichtsbücher gelesen haben. Doch die EU stemmt sich wie ein Staudamm gegen diese falschen Prediger der Ausgrenzung, des Hasses und der mangelnden Solidarität.

Auch den Separatisten aus Katalonien hat Europa einen Denkzettel verpasst. Die EU hat sie daran erinnert, dass sie Grenzen auflösen und nicht etwa neue erschaffen will. Es geht der EU um Einigung und nicht um Trennung.

Hilfe der Ultrarechten

Europa definiert sich gemäss dem Motto «in Vielfalt geeint» und fördert die Verbindung von Staaten und Bürgern mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, aber nicht die von Völkern mit irreführenden Identitäten. Am wenigsten unterstützt sie diejenigen, die versuchen, sich über den Hass auf ihre Nachbarn neu zu definieren, wie das für den Nationalismus typisch ist. Nur die fremdenfeindlichen Ultrarechten wie der Brexit-Erfinder Nigel Farage unterstützten die katalanischen Separatisten.

Sie, die sich auf Europa stützen wollten, um ihre Unabhängigkeit zu erreichen, haben sich in die schlimmsten Verleumder der EU verwandelt, dieses Clubs der «dekadenten und obsoleten Länder», wie Puigdemont es formulierte, der ins Herz Europas flüchtete, dort aber von keinem führenden Europapolitiker empfangen wurde. Sein Ex-Abgeordneter Lluís Llach – ein renommierter Chansonnier, der sich in einen billigen Einpeitscher im Dienst der gescheiterten Republik verwandelt hat, nennt die Spitzenpolitiker der EU «Schweine». Die Ex-Abgeordnete Pilar Rahola versichert, die EU sei «Scheisse». Und Dutzende wütende Abgeordnete beschimpften Jean-Claude Juncker per Twitter, als er kürzlich nach dem Tod des spanischen Europa-Anhängers Manuel Marín sein Beileid bekundete.

Es ist nie zu spät

Doch die Geschichte hat auch eine positive Seite. Viele Spanier, die erst spät erkannt haben, dass man nicht gleichzeitig Nationalist sein und der Linken angehören kann, haben jetzt auch begriffen, dass man nicht Europa-Anhänger und Nationalist sein kann. Es ist nie zu spät.

Die Lektion für die katalanischen Separatisten hat im Brexit einen brutalen Vorgänger. Das Verlangen nach einer angeblich verlorenen Souveränität hat die Briten in eine Sackgasse geführt. Mittlerweile ist es Puigdemont, der den unberechenbaren Weg der Briten geht und aus lauter Wut auf Brüssel von einem Referendum redet, durch das sich die Katalanen entscheiden sollen, ob sie aus der EU austreten wollen. Ein Salto mortale ohne Sicherheitsnetz.

«Die EU erweist sich als Staudamm gegen  die Ausgrenzung.»

Dieselbe Krankheit hat auch Frankreich und Deutschland angesteckt. Doch dort hat sich der Europäismus als wirksames Gegenmittel erwiesen. Im Mai unterstützten die Wähler den europäischsten Kandidaten, Emmanuel Macron, und versperrten dem Nationalismus von Marine Le Pen den Weg. Macron war der erste, der Europa gegen den separatistischen Tsunami aus Katalonien mobilisierte.

Bis zu 100 kleine Länder

Auch in Deutschland findet ein Kampf gegen den nationalistischen Populismus der AfD statt. Gerade weil sie verhindern wollen, dass diese durch Neuwahlen weiter an Kraft gewinnt, versuchen Kanzlerin Angela Merkel und der Sozialdemokrat Martin Schulz – beides Europäer – alles, um einen gemeinsamen Weg zu finden.

Wenn die Wirtschaftskrise und der Brexit die EU gesprengt hätten, wäre damit auch der Damm gegen den Nationalismus gebrochen. Wie viele Länder gäbe es in so einem Fall in Europa? Jean-Claude Juncker schätzt: an die hundert. Über siebzig, sagt Guy Verhofstadt, ehemaliger Premierminister Belgiens. Diesbezügliche Wetten werden weiter angenommen.

Aus dem Spanischen übersetzt von Bettina Schneider.

Erstellt: 10.12.2017, 22:35 Uhr

Carlos Yárnoz ist langjähriger Journalist und
arbeitet als politischer Analyst der spanischen Tageszeitung
«El País» in Paris.

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