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Sexskandal bringt die BBC in Bedrängnis

Der britische Kultmoderator Jimmy Savile soll jahrzehntelang Kinder missbraucht haben. Nun gerät auch der Sender BBC unter Beschuss: Es geht um Vertuschung und «unangebrachtes sexuelles Verhalten».

fko
Er gehörte zur Promiszene: Jimmy Savile bei der Einweihung eines Monuments zu Ehren britischer Soldaten. (18. September 2005)
Er gehörte zur Promiszene: Jimmy Savile bei der Einweihung eines Monuments zu Ehren britischer Soldaten. (18. September 2005)
Reuters
An der Geburtstagsparty von Prinz Charles: Jimmy Savile war eine Showgrösse. Links im Bild steht Boxer Frank Bruno. (13. November 1998)
An der Geburtstagsparty von Prinz Charles: Jimmy Savile war eine Showgrösse. Links im Bild steht Boxer Frank Bruno. (13. November 1998)
Reuters
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Die Nachricht, dass der verstorbene britische Kultmoderator Jimmy Savile während Jahren Dutzende Kinder und Teenager sexuell missbraucht haben soll, hat die britische Öffentlichkeit schockiert. Sie fragt sich, wie gross das Ausmass des Missbrauchsskandals tatsächlich ist – und vor allem, wie viel Schuld den Rundfunksender BBC treffen würde, bei dem Savile von den 60er- bis in die 90er-Jahre moderierte, falls die Vorwürfe sich bewahrheiten. So soll die BBC im Dezember, rund drei Monate nach dem Tod Saviles, einen Bericht über seine mutmasslichen Übergriffe auf Kinder in letzter Minute fallen gelassen haben.

Auch auf die politische Agenda Grossbritanniens ist der Skandal mittlerweile gehoben worden. Die Opposition forderte umgehend eine unabhängige Untersuchung. Man müsse sich die öffentlichen Institutionen genau ansehen, sagte Labour-Parteichef Ed Miliband. Auch der stellvertretende Regierungschef Nick Clegg forderte eine Untersuchung, um «das ganze Ausmass der schockierenden Enthüllungen» zu erfassen. Und Kulturministerin Maria Miller sagte, die BBC habe den Fall indirekt vertuscht, indem der Sender den Bericht über Saviles mutmassliche Straftaten zurückgezogen habe.

Ehemalige Richterin leitet Untersuchung

Der Rundfunksender selbst bemüht sich nach Kräften um Schadensbegrenzung: So hatte er kurz nach Publikwerden bekannt gegeben, den Skandal offiziell untersuchen zu wollen.«Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst und werden alle nötigen Massnahmen ergreifen, um die Ermittlungen zu unterstützen», sagte BBC-CEO Chris Patten gegenüber dem britischen Nachrichtenportal «The Guardian». Gestern dann wurde bekannt, dass die Untersuchungen von Dame Janet Smith, einer ehemaligen Richterin am britischen Obersten Gerichtshof, geleitet werden sollen.

Smith soll unter anderem untersuchen, ob die Abläufe bei der BBC den Anforderungen entsprechen oder ob der TV-Sender allenfalls eine Mitschuld daran tragen würde, dass es überhaupt zu den mutmasslichen Übergriffen kommen konnte. Die 71-jährige Smith hat bereits die Untersuchungen im Fall des britischen Mediziners und Serienmörders Harold Shipman geleitet, der von 1970 bis 1998 Morde an mindestens 218 Patienten verübte. Nick Pollard, der frühere Chef des britischen Nachrichtensenders Sky News, wird laut dem «Guardian» eine zweite Untersuchung zur Frage leiten, warum die BBC den geplanten Bericht über die Missbrauchsvorwürfe in letzter Sekunde fallen liess.

Man werde auch Gerüchte untersuchen lassen, dass sexuelle Belästigung von weiblichen Mitarbeitern bei der BBC schon seit den 1970er-Jahren offen toleriert worden sei, schreibt der «Guardian» weiter. Zuvor hatte eine Moderatorin berichtet, sie sei während der 80er-Jahre regelmässig von Arbeitskollegen begrapscht worden. Als sie sich bei den Programmleitern beschwert habe, hätten diese lediglich gefragt, ob ihr die Übergriffe denn nicht gefielen – «bist du etwa eine Lesbe?». Eine andere ehemalige Moderatorin berichtete, beim TV-Sender habe «unangebrachtes sexuelles Verhalten» an der Tagesordnung gestanden.

«Niemand wollte es sehen»

Andere britische Medien stellen zudem die Frage, wie es möglich war, dass Savile trotz der wiederholten Vorwürfe gegen ihn unbehelligt weiterarbeiten konnte. Denn seine «Neigungen» sollen laut einem Bericht des Nachrichtenportals BBC schon länger bekannt gewesen sein: Er habe sich ständig mit Kindern umgeben und aus seinen sexuellen Vorlieben keinen Hehl gemacht. «Es war da draussen, vor aller Augen, aber niemand wollte es sehen», schreibt der britische Kolumnist Hugo Rifkind.

Laut einem Bericht der «Financial Times Deutschland» könnte der Grund dafür sein, dass die Vorwürfe gegen Savile auch das Establishment Grossbritanniens belasten: So sei er jahrelang inoffizieller Berater von Prinz Charles gewesen, 1990 wurde er für sein soziales Engagement zum Ritter geschlagen.

Falls diese Vorwürfe stimmten, so der konservative Politiker Philip Davies, dann wäre das BBCs «phone-hacking moment»: Er spielt damit auf den Skandal rund um die britische Zeitung «News of the World» an. Sie war im Juli 2011 eingestellt worden, weil Mitarbeiter illegal Telefongespräche abgehört haben sollen. Falls Savile tatsächlich schuldig ist, sollte die BBC dieselben Konsequenzen tragen müssen wie die eingegangene Zeitung, so Davies, «denn das hier ist viel schlimmer als das Abhören von Telefonen».

Die Vorwürfe gegen Savile wurden Ende letzter Woche publik. Zuvor hatten sich Dutzende Frauen gemeldet, die angaben, als Kind oder Teenager von dem im vergangenen Jahr gestorbenen Savile sexuell missbraucht worden zu sein. Die Polizei in London teilte mit, 40 potenziell Betroffene identifiziert zu haben. Savile starb im Oktober 2011 im Alter von 84 Jahren. Er war bekannt für sein platinblondes Haar und die Zigarren, die er ständig rauchte. Der Moderator trat von den 60er- bis in die 90er-Jahre regelmässig im Fernsehen auf. Er moderierte die Musiksendung «Top of the Pops» und das Kinderprogramm «Jim'll Fix It».

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