Sex-Skandal um Nobelpreiskomitee

Kurz vor der Vergabe der Nobelpreise legt sich ein Schatten über die ehrwürdige Schwedische Akademie.

Die Zeremonie zur Verleihung der Nobelpreise gibt es seit 100 Jahren. Doch nun trübt eine Serie von Übergriffen die Schwedische Akademie. Foto: Getty Images

Die Zeremonie zur Verleihung der Nobelpreise gibt es seit 100 Jahren. Doch nun trübt eine Serie von Übergriffen die Schwedische Akademie. Foto: Getty Images

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Kommenden Sonntag werden in Stockholm die Nobelpreise verliehen werden. Wie in jedem Jahr um diese Zeit wird der König, begleitet von seiner Familie, die Medaillen aushändigen, und im Publikum werden die prächtigsten Menschen des Landes sitzen, in Frack und Abendkleid. Danach wird es ein festliches Abendessen und einen Ball geben, wiederum mit dem König in der Mitte, und was immer Schweden an Herrlichkeit zu bieten hat, wird auf diesem Fest gegenwärtig sein.

Seit mehr als hundert Jahren gibt es diese Zeremonie, und noch viel älter ist die Akademie, die den Preis aller Preise, den Nobelpreis für Literatur, vergibt: Gegründet wurde sie im Jahr 1786 von Gustav III., dem König, der ein paar Jahre danach starb, weil ihm ein Anhänger des adligen Widerstands gegen eine absolutistische Monarchie in den Hintern geschossen hatte, mit einer Ladung aus Schrot und Nägeln. Die Akademie aber bestand fort, als feudale Einrichtung, und so ist es bis auf den heutigen Tag.

Skandale erlebte die Akademie immer wieder, so im Jahr 1989, als sich die Schriftstellerin Kerstin Ekman aus der Akademie zurückzog, weil sie nicht hinnehmen wollte, dass die Akademie zur Fatwa gegen Salman Rushdie schwieg. Oder im Jahr 2004, als ihr der Literaturhistoriker Knut Ahnlund die Mitarbeit aufkündigte, weil er die Vergabe des Nobelpreises an die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek für inakzeptabel hielt.

So sieht ein idealer Gegner aus für die #MeToo-Bewegung.

Keine dieser Aufregungen aber reichte in ihrer Wirkung auch nur entfernt an den Skandal heran, dem, infolge einer Recherche der Tageszeitung «Dagens Nyheter», die Akademie gegenwärtig ausgesetzt ist – und er ist umso grösser, als es bislang nicht um fachliche Entscheidungen geht, also etwa um literarische Fehleinschätzungen, sondern um die Institution selbst, um ihren Zusammenhalt und um ihre Macht, um Nepotismus und Schweigekartelle. Es ist, als hätte ihr ein Attentäter eine Ladung Schrot und Nägel in den Hintern geschossen – nur, dass die Akademie diesen Attentäter selbst hervorbrachte.

Viele wussten Bescheid, alle blieben still

Der Attentäter, der in der Presse nur «das Kulturprofil» genannt wird, ist, wie in Schweden jedermann zu wissen scheint, der Ehemann eines Mitglieds der Akademie. Seit fast dreissig Jahren betreibt er zusammen mit seiner Frau einen privaten Verein, in dem regelmässig literarische und andere künstlerische Veranstaltungen stattfinden – und zwar in so enger Verbindung zur Akademie, dass das Kellerlokal von etlichen Mitgliedern der Akademie als «Wohnzimmer» benutzt werden konnte.

Diese Nähe soll der Attentäter ausgenutzt haben: für zahllose sexuelle Übergriffe auf junge Frauen, denen er angeblich den Zugang zu künstlerischen Kreisen versprach oder denen er angedroht haben soll, er könne weitere Erfolge verhindern – neben dem Nobelpreis vergibt die Akademie pro Jahr etwa fünfzig Auszeichnungen, die erheblichen Einfluss auf eine Karriere im Kulturbetrieb haben. Auch Frauen und Töchter von männlichen Mitgliedern der Akademie, ja sogar diese selber wurden, laut Pressemitteilung der Akademie, zu Objekten «unerwünschter Intimität» gemacht.

Angezeigt wurde der Mann, der im vertraulichen Umgang auch unter dem Namen «Kladdaren» («der Schmierer») bekannt war, bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe jedoch nicht. Nun liegt ein halbes Dutzend Anzeigen vor, wegen sexueller Nötigung, aber auch wegen Vergewaltigung. Der Mann selbst ist seit der Veröffentlichung der Vorwürfe nicht zu erreichen. Der Klub ist «wegen Krankheit» geschlossen, und keiner scheint zu wissen, wo er ist.

Die so schweigsame Akademie muss sich jetzt plötzlich erklären.

Bekannt waren die Aktivitäten des Mannes durchaus. Eine schwedische Boulevardzeitung veröffentlichte schon vor zwanzig Jahren eine damals viel beachtete Reportage unter dem Titel «Sexterror in der Kulturelite». Auch in der Akademie selbst muss das Wissen um die Kerninteressen des «Kulturprofils» verbreitet gewesen sein, ohne dass daraus Konsequenzen gezogen wurden: Der private Klub wurde mit Mitteln der Akademie gefördert, der Mann erhielt Zugang zu den Wohnungen der Akademie in der Stockholmer Altstadt und in Paris (was sich mit weiteren Übergriffen verband), er wurde, nach dreimaliger Intervention des Schriftstellers und Akademiemitglieds Per Wästberg, mit einem königlichen Orden für seine Verdienste um die schwedische Kultur ausgezeichnet. Ein Versuch, die Vorwürfe innerhalb der Akademie zur Sprache zu bringen, endete nach Auskunft Per Wästbergs mit einem Wutausbruch «der Person, die dem Beschuldigten am nächsten steht» – ob Frau oder Freund, weiss man nicht. Die «Person» sprach von übler Nachrede.

Nach der Veröffentlichung in «Dagens Nyheter», in der im Zuge der #MeToo-Bewegung 18 Frauen ihre Erlebnisse publik machten, versprach die Literaturwissenschaftlerin Sara Danius, seit dem vorvergangenen Jahr Ständige Sekretärin der Akademie, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Alle Verbindungen mit dem Mann seien nun abgebrochen, die Finanzierung des Kulturvereins eingestellt. «Wir haben unsere eigenen Regeln im Umgang mit persönlicher Befangenheit nicht eingehalten», erklärte Sara Danius. Ein Anwaltsbüro sei beauftragt worden, zu untersuchen, ob es zu unzulässigen Einflussnahmen gekommen sei.

Ein System aus Verbindlichkeiten

Eine solche Stellungnahme ist in der Geschichte der Akademie, die über ihre inneren Vorgänge stets absolutes Schweigen bewahrte, etwas völlig Neues. «Jetzt haben sie angefangen zu reden», ist von Menschen mit guten Verbindungen zur Akademie zu erfahren, «nie haben sie geredet, und nun werden sie nicht mehr wissen, wann sie aufhören müssen.»

Beschädigt ist die Akademie nun doppelt. Zum einen, weil offenbar wurde, in welchem Masse sie einen ganzen Betrieb aus zweifelhaften Vorteilsnahmen und persönlichen Verbindlichkeiten förderte. Der Umstand, dass sich der Kritiker Horace Engdahl, zwischen 1999 und 2009 Ständiger Sekretär der Akademie, im vergangenen Jahr öffentlich seiner Freundschaft mit dem Betreiber des Kulturvereins rühmte und ihn der männlichen Jugend – «Werdet nicht Hipster, sondern Gentlemen!» – als Vorbild empfahl, wirkt mittlerweile wie eine Selbstentlarvung.

Gravierender hingegen scheint der Schaden zu werden, den die Akademie als Institution nimmt –und zwar nicht nur, weil der Verdacht naheliegt, das System aus Vorteilsnahmen und Verbindlichkeiten habe womöglich nicht nur für die privaten Belange der Akademiemitglieder gegolten; sondern auch, weil sich die Akademie als Institution offenbart, die bürgerlichen Vorstellungen von Recht und Moral nicht gehorcht.

Symbolische Bedeutung für die Nation

Die Akademie und der Nobelpreis für Literatur besitzen, was man in Schweden sehr genau weiss, wegen ihrer Bindung an die Monarchie eine symbolische Bedeutung für die ganze Nation, für ihren zivilen Charakter, für ihre Nähe zur Kultur. «Auf der ganzen Welt gibt es kein anderes Abendessen, das live im Fernsehen übertragen wird», spottet der Stockholmer Verleger Svante Weyler. Jetzt aber wisse man nicht mehr, ob man dort in guter Gesellschaft sitze.

Vor ein paar Tagen erklärte Claes Sandgren, emeritierter Professor für Zivilrecht der Universität Stockholm, in jeder anderen öffentlich agierenden Institution träten die verantwortlichen Funktionäre zurück, wenn sich herausgestellt habe, dass es innerhalb dieser Institution zu «gravierenden Missständen» gekommen sei. Eine solche Forderung habe zumindest für Horace Engdahl und für Peter Englund zu gelten, die beiden Ständigen Sekretäre, die von den Übergriffen im Umkreis der Akademie wussten und darauf nicht reagierten.

Peter Englund antwortete auf diese Forderung mit dem lapidaren Satz, sie komme von einer «Person, die offenbar nicht weiss, wovon sie redet», während Horace Engdahl sagte, ein Mitglied der Akademie könne nicht zurücktreten, weil es in den Statuten keinen entsprechenden Paragrafen gebe. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Schwedische Akademie offenbar sogar von der katholischen Kirche, die ja den Rücktritt eines Papstes kennt. Die Akademie, beharrt dagegen Claes Sandgren, sei juristisch wie eine Stiftung zu betrachten. Selbstverständlich könne ein Mitglied die Stiftung verlassen – andernfalls «wäre jeder, der eine Stiftung verlässt, sein Leben lang für deren Taten verantwortlich». Das könne schlechterdings nicht sein.

Als Horace Engdahl behauptete, er könne nicht zurücktreten, verknüpfte er diese Auskunft mit einem Hinweis auf Kerstin Ekman, die noch immer Mitglied der Akademie sei – gegen ihren Willen, muss man hinzufügen, denn die Schriftstellerin selber hatte immer wieder erklärt, sie sei formell ausgetreten. Horace Engdahls Äusserung war ungeschickt, zum einen, weil er Kerstin Ekman das Recht absprach, über sich selbst zu entscheiden, zum anderen, weil er sich, um in der Akademie zu bleiben, zum Opfer von Statuten erklärte, die man nur noch im Rückgriff auf gleichsam aristokratische Privilegien verstehen kann, falls man darin nicht gleich Anmassung, Feigheit oder gar beides erkennen will.

In jedem Fall aber präsentiert sich die Akademie als zweifelhaftes Relikt einer ständischen Gesellschaft, mit allfälligen Übergängen in das Logenwesen. So macht sie sich selbst zum idealen Gegner einer emanzipatorischen Bewegung wie #MeToo – zumal dieser Aufstand sexuell belästigter Frauen in Schweden mit einer Gründlichkeit vor sich geht, die verwandte Bewegungen etwa in Deutschland weit übertrifft.

König Gustav III. starb übrigens nicht unmittelbar an den Verletzungen, die ihm Schrot und Nägel beigebracht hatten. Er siechte vielmehr wochenlang dahin, bis er am Wundbrand zugrunde ging. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 19:53 Uhr

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