Showdown vor der Primarschule

Jordi, Oriatna und Diana wollen abstimmen – doch die Polizei ist aufgerufen, sie daran zu hindern. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat zusammen mit ihnen vor dem Wahllokal ausgeharrt.

Angespannte Morgenstunden: Unterstützer des Referendums blockieren den Zugang zur Primarschule Collaso i Gil in der Nachbarschaft Raval in Barcelona. (1. Oktober)

Angespannte Morgenstunden: Unterstützer des Referendums blockieren den Zugang zur Primarschule Collaso i Gil in der Nachbarschaft Raval in Barcelona. (1. Oktober) Bild: JC Cardenas/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Den Mossos d'Esquadra – das ist die katalanische Regionalpolizei – wurde befohlen, am Sonntag um 6 Uhr die Wahllokale zu räumen», erklärt Jordi. Es ist Samstag, 14 Uhr, spanische Mittagszeit. Im Wagen vor Jordi liegt sein neugeborener Sohn, der in aller Ruhe den Showdown zwischen katalanischen Separatisten und dem Rechtsstaat verschläft.

Auf dem Vorhof der Primarschule Collaso i Gil in der Nachbarschaft Raval in Barcelona haben sich seit Freitagabend Dutzende Menschen versammelt – Eltern mit ihren Kindern, Nachbarn und andere Aktivisten. Sogar einige Basken sind angereist, um ihre katalanischen Freunde zu unterstützen. Ginge es nach den Bewohnern und ihren Gästen, sollten die Wähler hier am Sonntag über die Unabhängigkeit Kataloniens abstimmen. Das Referendum ist aber verfassungswidrig. Auch Jordi weiss das, aber er hält dagegen:

«Die Argumente gegen das Referendum basieren immer darauf: ‹Das Gesetz verbietet es, Das Gesetz verbietet es!› Aber das Gesetz muss sich dem anpassen, was die Leute wollen – es sollte nicht über die Bevölkerung erhaben sein.» Jordi

Das ist der Grundtenor der Separatisten: Sie haben den Glauben an ein reformfähiges Spanien grundlegend verloren. Doch was tun? «Die Idee ist, dass die Wahllokale schon um 5 Uhr in der Früh voll mit Leuten sind, so dass die Polizei mit proportionalen Mitteln gar nicht agieren kann», erklärt Jordi. «Zwei Mossos können nicht zweihundert Personen vertreiben.»

Video: Jordi plant, die Urnen zu beschützen

«Ich werde versuchen, von früh an im Wahllokal die Urnen zu beschützen»: Jordi. (30. September 2017)

Die Mossos sind in diesem Konflikt wahrlich nicht um ihren Job zu beneiden: In einem internen Leitfaden, der Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, wird ihnen befohlen, sie sollen die Aktivisten ohne jedwede Gewalt aus den Wahllokalen vertreiben. «Auf keinen Fall werden Schlagstöcke oder andere Elemente dieser Art eingesetzt», steht da. Bei passivem Widerstand solle sich der Gebrauch von Zwangsmitteln (Original: força) darauf beschränken, Personen nach draussen zu begleiten oder einen Korridor für die Polizei zu bilden. Die Unterstützer des Referendums fürchten denn auch weniger die Mossos, als dass die Nationalpolizei einschreiten könnte, wenn die Mossos nicht durchgreifen.

Besetzte Wahllokale

Die Gegenstrategie der Aktivisten hatte am Freitag bereits vielerorts funktioniert: Tausende Personen haben in ganz Katalonien Wahllokale besetzt. Bis Samstagmittag hatten die Mossos 1300 Lokale besucht und berichteten, dass 163 von ihnen besetzt waren.

In der Primarschule Collaso i Gil versuchte die Polizei, die Unterstützer des Referendums an der Besetzung der Schule zu hindern – ohne Erfolg:

Auch Diana und Marc hoffen, dass die Zurückhaltung der Mossos so stark überwiegt, dass Diana abstimmen kann. Marc unterstützt sie, obwohl er selbst nicht stimmberechtigt ist. «Wir werden alles ordentlich machen», sagt Diana. «Wenn sie (die Mossos) ihre Pflicht erfüllen, also Ordnung schaffen, wird es keine Probleme geben.» Um 5.30 Uhr in der Früh werde sie hier sein, um ihre Stimme abzugeben.

Video: Hoffnung auf Ordnung

«Wir hoffen, dass die Mossos sich darauf beschränken, Ordnung zu schaffen»: Diana und Marc. (30. September 2017)

Es hat bei den katalanischen Separatisten mittlerweile fast schon Tradition, dass die Auflehnung gegen den Zentralstaat festlich anmutet und rigoros durchorganisiert ist. Auch vor der Primarschule Collaso i Gil ist das nicht anders: Um 15 Uhr gibt es Paella, dann eine Malwerkstatt und Brettspiele. Um 22 Uhr nehmen die Anwesenden noch am Cacerolazo-Protest teil, bei dem Aktivisten lautstark auf Töpfe und Pfannen hämmern. Und vor dem Schlafengehen wird noch ein Film gezeigt.

Die Bilder vom Samstag:

Oriatna erklärt das kulinarische Programm: Neben der «Volkspaella» wird es später auch Abendessen geben. «Und morgen ein Frühstück, weil das Übernachten gehört ja zu diesem Fest dazu.» Vor dem Schulhof wird die Besetzung des Wahllokals am Sonntagmorgen denn auch als «Volksfrühstück zum Internationalen Tag der Musik» angepriesen.

Video: Protest mit Volksfestcharakter

«Es ist ein Fest für Kinder und Erwachsene»: Oriatna. (30. September 2017)

Nach einigen ungemütlichen Stunden Schlaf beginnt der ungewisse Abstimmungssonntag – seit Monaten steuert die katalanische Politik auf diesen Moment zu. Um 5 Uhr in der Früh sammeln sich vor der Primarschule Collaso i Gil bereits einige Dutzend Aktivisten. Das «Volksfrühstück» wird verteilt: Äpfel und ein klebriges Gebäck im Plastik. Wie angekündigt ist auch Diana pünktlich vor Ort.

Jetzt zeigt sich die Strategie der Besetzer im Detail: Sie setzen sich in Reihen vor das grosse Haupttor der Schule, den einzigen Eingang. Um nur schon auf den Vorhof der Schule zu gelangen, müsste die Polizei so etwa drei Dutzend Personen aus dem Weg räumen. Um 6 Uhr beginnen sie mit den Kampfparolen: «Votarem! Votarem!» (Wir werden wählen), just als es in Strömen zu regnen beginnt.

Der erste Streifenwagen

Erst um 6.30 Uhr fährt der erste Streifenwagen der Mossos vorbei – «Votarem! Votarem!», schreien die Aktivisten dem Auto nach. Die zwei Beamte versuchen gar nicht erst, die Blockade aufzulösen, und warten abseits. Wenig später kommt ein zweites Auto, dann ein drittes. «Achtung, Mossos, konzentriert euch!», schreit eine Aktivistin. Doch auch diese Polizeiautos stellen sich abseits des Haupteingangs in den Regen. Die Menschengruppe vor dem Haupttor wächst, aber die Anzahl Polizeibeamte nicht.

Video: Die Sitzblockade

«Votarem! Votarem!»: Aktivisten blockieren den Zugang zur Schule. (1. Oktober 2017)

Die Stimmung lockert sich. Einige Aktivisten verlassen die Blockade und suchen unter einem Vordach Schutz vor Regen. Kurz vor 8 Uhr machen die Verantwortlichen das Haupttor weit auf – anscheinend gehen auch sie davon aus, dass die sechs Mossos nichts tun werden. Die Anwesenden strömen auf den Vorplatz. Die Schreie «Votarem! Votarem!» und fast konstantes Klatschen sind das Einzige, was im Entferntesten an den Internationalen Tag der Musik erinnert.

Wenig später hat sich bereits eine Schlange von rund 200 Menschen vor der Eingangstür zum improvisierten Wahlbüro gebildet. Ganz vorne steht Diana. «Ich bin schon ein bisschen aufgeregt – um 9 Uhr öffnen wir die Türen und gehen rein», sagt sie. Bislang sei es gut gelaufen. «Hoffen wir es bleibt so.» Ganz mag sie noch nicht glauben, dass sie wirklich ihre Stimme abgeben kann: «Wir müssen den ganzen Tag hier bleiben, damit sie (Polizeien) die Urnen nicht wieder wegschnappen.»

Video: Urnen vor Polizei bewachen

«Wir müssen den ganzen Tag hier bleiben, damit die Polizisten sich nicht die Urnen schnappen»: Diana. (1. Oktober 2017)

Viele andere Aktivisten tun es ihr gleich und bleiben nach der Stimmabgabe auf dem Vorhof der Primarschule. Aufnahmen anderer Wahllokale zeigen, wie Beamte der Nationalpolizei und der Guardia Civil Personen mit Füssen treten, Treppen herunterzerren, Gummischrot schiessen und Wahlurnen zerstören. Die Videos verbreiten Angst, viele Anwesende schlucken leer. Die Sanitätsdienste mussten wegen der Polizeigewalt der Guardia Civil und der Nationalpolizei in anderen Teilen von Barcelona mindestens 337 Personen behandeln.

Immer wieder kreisen Gerüchte, dass die Guardia Civil oder die Nationalpolizei bald hier antraben würden. Dann rennen jeweils Dutzende Aktivisten zum Haupttor, stellen sich Arm in Arm in Reihen auf und schreien: «Votarem! Votarem!»

Doch schlussendlich: nichts. Die sechs Mossos bleiben bis 17 Uhr die einzigen Polizisten, die in der Nähe der Primarschule zu sehen sind.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.10.2017, 17:26 Uhr

Artikel zum Thema

«Redet oder tretet zurück»

Video Der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont ist zu einer Unabhängigkeitserklärung bereit, sollte Madrid nicht auf die Vermittlungsvorschläge eingehen. Mehr...

Deshalb kam es zum Endspiel in Barcelona

Katalonien will über seine Unabhängigkeit abstimmen. Das Verhältnis zu Madrid ist längst vergiftet. Das hätte nicht sein müssen, sagen moderate Stimmen. Mehr...

Katalanen besetzen Wahllokale

Die Zentralregierung in Madrid hat Tausende Polizisten nach Katalonien geschickt, um das umstrittene Unabhängigkeits-Referendum zu verhindern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wer Prämien spart, muss nicht auf Ferien verzichten

Wegen der Krankenkassenprämie könnte es für viele nächstes Jahr heissen: weniger Ferien, kein neues Handy und Sparen vertagt.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bis die letzte Strähne sitzt: Eine Assistentin toupiert die Haare Donald Trumps in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin. (17. Oktober 2017)
(Bild: Fabrizio Bensch) Mehr...