Sie galt als verglühter Stern, nun wird sie an die Spitze katapultiert

Ursula von der Leyen, früher Merkels Wunschnachfolgerin als Kanzlerin, soll die EU-Kommission führen. Wer ist die Frau?

Von der Leyen fiel als Ministerin durch untrüglichen Instinkt für die geglückte Inszenierung auf, durch Disziplin und Härte, Redegewandtheit und Durchsetzungskraft. Foto: Fabrizio Bensch/Reuters

Von der Leyen fiel als Ministerin durch untrüglichen Instinkt für die geglückte Inszenierung auf, durch Disziplin und Härte, Redegewandtheit und Durchsetzungskraft. Foto: Fabrizio Bensch/Reuters

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Aus deutscher Sicht ist die Nominierung Ursula von der Leyens als Chefin der EU-Kommission eine gewaltige Überraschung. Kaum ein Beobachter in Berlin hätte darauf gewettet, dass der 60-jährigen Verteidigungsministerin nochmals ein derartiger Karrieresprung gelingen könnte. Sie selber hatte sich zwar durchaus einen Aufstieg nach Brüssel erhofft, sei es als erste Generalsekretärin der Nato oder als deutsche Kommissarin bei der EU. Doch bei der EU schien ihr zunächst der Bayer Manfred Weber den Weg zu versperren. Zudem war in den letzten Jahren ihr eigener Stern unablässig gesunken.

Als Angela Merkel im vergangenen Dezember den Vorsitz der CDU aufgab, kam niemand auf die Idee, von der Leyen als Nachfolgerin in Betracht zu ziehen. Dabei war sie zuvor während Jahren als deren Wunschnachfolgerin im Kanzleramt gehandelt worden. 2010 hatte von der Leyen zudem nicht grundlos gehofft, Bundespräsidentin zu werden.

Beide Ämter blieben für sie letztlich unerreichbar – dafür fällt ihr jetzt vielleicht eines zu, das sie gar nicht ernsthaft angestrebt hatte. Für die Leitung der EU-Kommission hatte sie übrigens nicht Merkel vorgeschlagen, sondern der französische Präsident Emmanuel Macron.

Untrüglicher Instinkt für die geglückte Inszenierung

Kein Spitzenpolitiker folgte Merkel über die Jahre treuer als von der Leyen. Als einzige aktuelle Ministerin sass sie seit 2005 in jedem ihrer Kabinette, erst vier Jahre als Familienministerin, danach für Arbeit und Soziales, seit 2013 für Verteidigung. Als Familienministerin stieg die Ärztin und siebenfache Mutter gleich zum Star auf. Gegen erhebliche Widerstände in der eigenen Partei setzte sie den Ausbau von Kita-Plätzen und ein Elterngeld durch und modernisierte das konservative Mutter- und Familienbild der CDU quasi im Alleingang. Im Einklang mit Merkel machte sie die Christdemokraten damit auch für Frauen aus der politischen Mitte wählbar.

Von der Leyen fiel als Ministerin durch untrüglichen Instinkt für die geglückte Inszenierung auf, durch Disziplin und Härte, Redegewandtheit und Durchsetzungskraft. Kritiker warfen ihr aber auch zunehmend vor, dass sie stets nur auf eigene politische Rechnung arbeite, arrogant sei und sich nicht um die Unterstützung der Partei bemühe. Im Dezember wählten sie nicht einmal mehr drei von fünf Delegierten erneut ins Präsidium. Die Unbeliebtheit beschränkt sich längst nicht mehr auf die CDU: In Umfragen figuriert von der Leyen nicht selten als unbeliebteste Ministerin des ganzen Kabinetts.

Als Verteidigungsministerin ist von der Leyen im Urteil der meisten Beobachter und Fachpolitiker gescheitert. Bei ihrem Antritt 2013 hatte sie versprochen, sie werde die Bundeswehr, die durch zwei Jahrzehnte Sparen nahezu ruiniert war, wieder aufrichten. Das ist ihr nicht gelungen, die Notlage hat sich zuletzt eher noch zugespitzt: Flugzeuge, die nicht fliegen, U-Boote, die nicht tauchen, Gewehre, die nicht schiessen – in der Nato muss von der Leyen regelmässig Sorgen zerstreuen, Deutschlands Militär könne seinen Verpflichtungen gar nicht mehr nachkommen.

Zuletzt hatte die Oberbefehlshaberin im eigenen Haus Entsetzen ausgelöst, als sie nach dem Auffliegen eines rechtsextremen Offiziers der ganzen Truppe pauschal ein «Haltungsproblem» unterstellt hatte. Seit neuestem macht ihr auch noch ein Untersuchungsausschuss des Bundestags zu schaffen, der aufklärt, ob ihr Ministerium unrechtmässig Aufträge an externe Berater erteilt hat.

 Von der Leyen gilt als überzeugte Transatlantikerin.

Der Job an der Spitze der EU wäre für von der Leyen also in vieler Hinsicht ein Befreiungsschlag. In gewissem Sinne würde sie damit aber auch nach Hause zurückkehren: Sie wurde 1958 nämlich in Brüssel geboren, ihr Vater, der spätere niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, war bis 1971 ein hoher Beamter der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG). Von der Leyen besuchte die Europaschule, später, als ihre Familie nach Deutschland zurückkehrte, wurde sie Ärztin und heiratete einen Medizinprofessor, dem sie für einige Jahre auch nach Kalifornien folgte. Sie spricht deswegen exzellent Französisch und Englisch.

Als Verteidigungsministerin knüpfte sie in den vergangen sechs Jahren in Brüssel im Rahmen der Nato ein weit gespanntes europäisches und internationales Netz von Kontakten. Besonders eng waren die Verbindungen zu Frankreich und den anderen Nachbarländern im Westen und Osten, mit denen die Bundeswehr gemischte Einheiten unterhält. Von der Leyen gilt als überzeugte Transatlantikerin.

Macrons Vorschlag, mittelfristig eine richtige europäische Armee aufzubauen und die gemeinsame Verteidigungsfähigkeit zu stärken, unterstützt die CDU-Politikerin entschieden. Der Respekt des französischen Präsidenten für von der Leyen kommt also nicht von ungefähr.

Erstellt: 03.07.2019, 06:44 Uhr

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