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«Sie haben nur meine Kleidung wahrgenommen»

Die Muslimin, die wegen ihrer angeblichen Gleichgültigkeit zum Hassobjekt im Internet wurde, meldet sich erstmals zu Wort.

Zeigt nicht die ganze Situation: Die Frau im Kopftuch zog ungerechtfertigte Reaktionen im Internet auf sich. Foto: Jamie Lorriman
Zeigt nicht die ganze Situation: Die Frau im Kopftuch zog ungerechtfertigte Reaktionen im Internet auf sich. Foto: Jamie Lorriman

Eine Frau mit Kopftuch geht über die Westminster-Brücke in London. Kurz zuvor ist ein islamistisch motivierter Attentäter in eine Menschenmenge gerast. Der Blick der Frau ist auf ihr Handy gerichtet, während sich neben ihr mehrere Personen um ein verletztes Opfer des Anschlags kümmern. Der texanische Twitter-User mit dem Nicknamen Texas Lone Star publizierte das Bild als Beweis für die Gleichgültigkeit von Muslimen gegenüber westlichem Leid.

Binnen kurzer Zeit wurde die Aufnahme zu einem sogenannten Mem (Englisch meme), einem Internet-Hype. Einerseits, weil es von Islamhassern und Einwanderungskritikern weiterverbreitet wurde; andererseits, weil sich viele User in sozialen Netzwerken für die Frau wehrten. Den Begriff Mem prägte bereits 1976 der englische Evolutionsbiologe Richard Dawkins. Er bezeichnete damit gesellschaftlich oder kulturell bedingte, durch Kommunikation verbreitete Ideen, Überzeugungen und Verhaltensmuster. Die biologische Entsprechung zum Mem ist laut Dawkins das Gen.

Texas Lone Star, der sich als Patriot und Trump-Anhänger bezeichnet, verwendete die Aufnahme, um einen Gegensatz zwischen Muslimen und Christen zu schaffen:

Der spanische Lokalparlamentarier Rafa Ripoll schrieb: «Nein, das ist kein Photoshop. Es ist die kalkulierte Invasion, die uns die grossen Medien zu verheimlichen suchen.»

Einige User bezeichneten die Frau als Monster. Einer glaubt, der Islam verbiete es seinen Angehörigen, Ungläubigen zu helfen:

Die Verteidiger der Muslimin betonten, es sei hetzerisch, die unbekannte Frau als gefühllos zu kritisieren, ohne den genauen Zusammenhang zu kennen, in dem das Foto entstanden sei. Sie veröffentlichten Bilder, die ähnliche Szenen mit westlich aussehenden Passanten zeigten – und beklagten es als heuchlerisch und rassistisch, dass sie im Internet nicht genauso empörte Reaktionen provozierten:

Eine Muslimin schrieb, sie habe nach dem Attentat keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzt, aus Angst, ebenfalls verurteilt zu werden.

Mittlerweile hat sich auch die Betroffene zu Wort gemeldet, allerdings, ohne ihre Identität zu verraten. Sie äusserte sich gegenüber der britischen Organisation Tell Mama, welche die Interessen von Muslimen in Grossbritannien vertritt und Übergriffe dokumentiert. Mama steht für «Measuring-Anti-Muslim-Attacks». «Es gibt Leute, die nur meine Kleidung wahrgenommen haben», sagt die Frau. Sie sei «erschüttert und absolut konsterniert» darüber, wie ihr Bild in sozialen Medien verwendet worden sei, um «Hass und Xenophobie» zu verbreiten. «Was das Bild nicht zeigt ist, dass ich zuvor mit anderen Zeugen gesprochen habe, um zu wissen, was passiert war und ob ich jemandem helfen könnte. Im Moment der Aufnahme sprach ich mit meiner Familie, um ihr mitzuteilen, dass es mir gut geht und ich auf dem Heimweg war.»

Jamie Lorriman, der Fotograf des Bildes, stimmt ihr zu.In einem Gespräch mit «20 Minuten» sagt er: «Die Frau im Kopftuch war, wie alle anderen auch, komplett geschockt. Sie hatte Mühe, sich zusammenzureissen.» Lorriman betont, er habe weitere Bilder geschossen, die das Entsetzen der Passantin deutlich zeigten. In einem Gespräch mit der britischen Zeitung «Guardian» betont Lorriman ausserdem, die Polizei habe alle Passanten aufgefordert, die Brücke sofort zu verlassen.

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