Sie ist die Frau für den Neustart in der Slowakei

Liberal, proeuropäisch und anständig: Zuzana Caputova ist die Favoritin für das Präsidentenamt.

«Ich stehe für den Wandel»: Zuzana Caputova. Foto: Reuters

«Ich stehe für den Wandel»: Zuzana Caputova. Foto: Reuters

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Falls Zuzana Caputova heute zur Präsidentin der Slowakei gewählt wird, werden ihre Anhänger das als einen Sieg des Anstands feiern. Die 45-jährige Rechtsanwältin ist innerhalb ­weniger Wochen zu einer Hoffnungsträgerin aufgestiegen. Als «Wunder» wird sie sogar schon bezeichnet. Die politisch unerfahrene Caputova wäre die erste Frau in diesem Amt und gilt als Vertreterin einer neuen Generation: Sie ist zu jung, um sich noch für eine Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei rechtfertigen zu müssen.

Die liberale, proeuropäische Kandidatin steht für einen Bruch mit der korrupten politischen Elite, die ihre Macht auf Privilegien aus der Zeit des Sozialismus aufbaut. Und sie steht für ein Gegenmodell zu der Regierungspartei Smer SD. Diese pflegt viel zu enge Kontakte zu dem Geschäftsmann Marian Kocner, der angeklagt ist, den Mord an dem Journalisten Jan Kuciak in Auftrag gegeben zu haben. Kuciak und seine Verlobte wurden im Februar 2018 erschossen. Proteste gegen die Regierung, die es schon vorher gegeben hatte, breiteten sich daraufhin zu Massendemonstrationen aus.

Der neue politische Star ist nicht vom Himmel gefallen. Caputova ist Co-Vorsitzende der 2017 gegründeten Bewegung Progressive Slowakei. Bekannt wurde sie durch ihren Kampf gegen eine gesundheitsgefährdende Abfallhalde in ihrem Wohnort Pezinok. 2016 erhielt sie dafür in San Francisco den Goldman-Umweltpreis.

Sie zeigte weder Übermüdung noch Aufregung

Als Anwältin setzt sie sich für sozial Schwächere und Minderheiten ein. Mit der Vereinigung Via Iuris kämpfte sie für eine angemessene Strafverfolgung von Ex-Premier Vladimir Meciar. Im ersten Wahldurchgang erhielt Caputova bereits 40,57 Prozent der Stimmen. Sie gewann in den Städten und auf dem Land. In der Stichwahl tritt sie gegen den Vizepräsidenten der EU-Kommission, Maros Sefcovic, an. Mit 18,66 Prozent Stimmenanteil lag er im ersten Wahlgang allerdings weit zurück.

Ruhig und freundlich trat Caputova in der Nacht nach dem ersten Wahlgang vor die Kameras. Zeigte weder Übermüdung noch Aufregung oder Triumph. Der Lebenspartner der geschiedenen Präsidentschaftskandidatin wirkte deutlich aufgewühlter. Caputova hatte sich im Wahlkampf häufig von Familienmitgliedern begleiten lassen, etwa von einer ihrer beiden Teenager-Töchter. Mit ihrer direkten und ehrlichen, dabei sehr überlegten Art hatte sie Runde um Runde der Kandidatenduelle gewonnen. Mit Argumenten. Nie mit Angriffen auf andere. «Ich stehe für den Wandel», sagt Caputova, die Barack Obama und Vaclav Havel als Vorbilder nennt. Eine neue, ­anständige Politik könnte auch helfen, die Abwanderung aufzuhalten, hofft sie. Etwa eine Million Slowaken leben im Ausland – bei einer Bevölkerung von knapp fünfeinhalb Millionen.

Vorwürfe statt Ideen

Ihr Kontrahent Sefcovic fiel durch Meinungswechsel auf und scheiterte bei dem Versuch, mit Vorwürfen statt Ideen zu glänzen. Der 53-Jährige ist wie Caputova Jurist und Europafreund und hat, da er seit Jahren in Brüssel lebt, mit den Affären daheim wenig zu tun. Doch er liess sich als Kandidat der Regierungspartei Smer SD aufstellen. Was der Smer SD kaum genützt, Sefcovic aber wohl geschadet hat. Caputova hingegen kostete es in der konservativen, katholischen Slowakei nicht einmal Stimmen, dass sie sich für ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare ausspricht. Selbst die ungarische Minderheit konnte sie für sich gewinnen.

Caputova scheint zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. ­Etwas neidisch blickt man im Nachbarland Tschechien auf den Bruderstaat, wo Anstand und Charisma einer Präsidentschaftskandidatin zum Sieg verhelfen könnten. Der Verdruss über die politischen Eliten hat in der Slowakei inzwischen ein weit höheres Ausmass erreicht als in Tschechien, wo vor einem Jahr der EU-kritische Präsident Milos Zeman wiedergewählt worden war. In der Slowakei könnte Caputova nun mehr als 60 Prozent der Stimmen machen. Das wäre ein Neustart.

Erstellt: 29.03.2019, 22:39 Uhr

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