Sie kommen, um zu stören

Ob Buchenwald oder Sachsenhausen: Wenn Mitglieder der AfD Holocaust-Gedenkstätten besuchen, wollen sie dort oft provozieren.

Eingangstor des früheren Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die Gedenkstätte will Unruhestifter künftig sofort anzeigen. Foto: Markus Schreiber (AP, Keystone)

Eingangstor des früheren Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die Gedenkstätte will Unruhestifter künftig sofort anzeigen. Foto: Markus Schreiber (AP, Keystone)

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Vor kur­zem än­der­te die Ge­denk­stät­te Bu­chen­wald ih­re Be­su­cherordnung. «Je­de Veröffent­li­chung in den Print­me­di­en oder im In­ter­net (So­ci­al Me­dia) be­darf der Genehmi­gung durch die Di­rek­ti­on», heisst es jetzt dar­in. An­de­re Än­de­run­gen be­tref­fen das Äu­ssern von ras­sis­ti­schen oder an­ti­de­mo­kra­ti­schen Mei­nun­gen und das Tra­gen von Sym­bo­len aus dem rechts­ex­tre­men Mi­lieu. Es gab An­lass, dies zu tun.

Volk­hard Knig­ge lei­tet die Ge­denk­stät­te Bu­chen­wald seit 1994. Er ist His­to­ri­ker, 1954 ge­bo­ren. Sein Bü­ro be­fin­det sich in ei­nem ehe­ma­li­gen SS-Ver­wal­tungs­ge­bäu­de und ist un­per­sön­lich ein­ge­rich­tet, ein Bü­ro halt. «Es gibt of­fen­sicht­lich ei­ne Ver­än­de­rung des ge­sell­schaft­li­chen Kli­mas durch die AfD», sagt Knig­ge, der eben­so lei­se spricht wie druck­reif. «Das be­ob­ach­ten wir auch in den Ge­denk­stät­ten. Da gibt es Vor­fäl­le ei­nes neu­en Typs.» Volk­hard Knig­ge ist un­ter den Lei­tern deut­scher NS-Ge­denk­stät­ten wohl der be­kann­tes­te, weil er sich je­dem, der die deut­sche Ge­schich­te um­deu­ten will, öffentlich ent­ge­gen­stellt. Im Ja­nu­ar 2017 erteilte er Björn Hö­cke von der AfD in Buchen­wald Haus­ver­bot. An­lass war der Ho­lo­caust­ge­denk­tag am 27. Ja­nu­ar. Als Hö­cke trotz­dem kam, wur­de ihm der Zu­tritt durch die Po­li­zei ver­wehrt. «Von je­man­dem, der sagt, die Ge­denk­kul­tur muss sich um 180 Grad än­dern, lässt sich mit Grün­den behaupten, dass er hier nicht ehr­lich und wahr­haf­tig ge­denkt», sagt Knig­ge ru­hig. «Das ist ei­ne Pro­vo­ka­ti­on von Über­le­ben­den und de­ren An­ge­hö­ri­gen, ein Ver­höh­nen der Opfer.»

Mit falschen Zahlen schockieren sie andere Besucher. Filme davon stellen sie ins Internet.

Vor ei­nem hal­ben Jahr kam es zu ei­ner wei­te­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit ei­nem Mitglied der AfD. Volk­hard Knig­ge hat kei­ne Lust, da­von zu er­zäh­len. Das sei doch al­les in der Pres­se ge­we­sen. Kurz: Der AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ste­phan Brand­ner woll­te der Ge­denk­stät­te Bu­chen­wald ei­nen of­fi­zi­el­len Be­such ab­stat­ten, wo­für er sich den 8. Au­gust 2018 als Ter­min aus­such­te. 8818, die­se Zah­len­kom­bi­na­ti­on ist et­wa in Brandenburg für Au­to­kenn­zei­chen ver­bo­ten, weil sich in ihr ein zahlensymbolischer Gruss an ei­nen Mann mit den In­itia­len A und H le­sen lässt.

Brand­ner bat da­mals auch um ein Tref­fen mit Volk­hard Knig­ge, um sich über die Ar­beit der Ge­denk­stät­te zu in­for­mie­ren. Knig­ge wil­lig­te un­ter der Vor­aus­set­zung ein, dass Brand­ner ihm sei­ner­seits ei­ni­ge Fra­gen zu problematischen Äusserungen von AfD-Mitgliedern be­ant­wor­te. Brand­ner ha­be sich jeg­li­cher Klä­rung ver­wei­gert, sag­te Knig­ge an­schlie­ssend, man wer­de in Zu­kunft nicht mehr in die­ser Wei­se mit AfD-Abgeordneten ver­keh­ren.

Leugnen oder beeindruckt sein

An ei­nem kal­ten son­ni­gen Vor­mit­tag wird die 10. Klas­se ei­ner Re­al­schu­le über das weitläu­fi­ge Ge­län­de des ehe­ma­li­gen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers ge­führt. Ei­ne Wei­le ste­hen sie vor dem Tor­ge­bäu­de. Der Gui­de, wie man ihn hier tun­lichst auf Eng­lisch nennt, um das deut­sche Wort zu ver­mei­den, er­klärt, dass das ge­sam­te Ge­län­de so gross ist wie 265 Fuss­ball­fel­der. Dass hier zwi­schen 1937 und 1945 cir­ca 266'000 Men­schen in­haf­tiert wa­ren. Dass ge­schätzt 56'000 Men­schen in Bu­chen­wald um­ka­men, an Hun­ger, Fol­ter, Krank­heit, me­di­zi­ni­schen Ex­pe­ri­men­ten oder durch ge­ziel­te Tö­tung.

Was Be­su­cher aus dem rechts­ex­tre­men Mi­lieu an­ge­he, hät­ten sich im Lau­fe der Neunziger­jah­re zwei Rich­tun­gen fest­stel­len las­sen, sagt Volk­hard Knig­ge. Zu­nächst seien haupt­säch­lich sol­che ge­kom­men, die den Ho­lo­caust oder die NS-Ver­bre­chen als Erfindung der Alliierten leug­ne­ten. Nach 1995 sei die­se Hal­tung zu­guns­ten ei­ner anderen et­was zu­rück­ge­gan­gen, Knigge nennt sie «po­si­ti­ven Be­ken­ner­be­such». Er meint Be­su­cher, die den Ho­lo­caust nicht leug­nen, son­dern die ihn gut fin­den. Die in eine NS-Ge­denk­stät­te kom­men, um wich­ti­ge Zeug­nis­se ei­ner wich­ti­gen deut­schen Epoche zu se­hen.

«Es geht ih­nen nicht dar­um, jemanden zu überzeu­gen, sie wollen ei­ne Be­su­cher­grup­pe aufmi­schen, see­lisch tref­fen, schockie­ren.» Volk­hard Knig­ge

In den letz­ten zwei Jah­ren will Knig­ge ei­ne neue Strö­mung aus­ge­macht ha­ben. Zwar sei­en die Vor­komm­nis­se sehr spo­ra­disch, doch kom­men sie ihm stra­te­gisch vor, weil sie im­mer dem­sel­ben Sche­ma fol­gen: Ein­zel­per­so­nen, Knig­ges Mei­nung nach rhe­to­risch ge­schult, schmug­geln sich in frei zu­gäng­li­che Füh­run­gen und ver­su­chen, an mar­kan­ten Stel­len, et­wa im Kre­ma­to­ri­um oder an Er­schie­ssung­s­er­in­ne­rungs­or­ten, mit revisionistischen Po­si­tio­nen oder fal­schen Zah­len zu pro­vo­zie­ren. Im­mer ge­nau unterhalb der Gren­ze des­sen, was straf­recht­lich ver­folgt wer­den müss­te. Ih­re Interventio­nen zeich­nen sie auf, um sie dann ins Netz hochzuladen. «Es geht ih­nen nicht dar­um, je­man­den zu über­zeu­gen, sie wollen ei­ne Be­su­cher­grup­pe auf­­mi­schen, see­lisch tref­fen, scho­ckie­ren. Das wird dann wie ein Tri­umph ins In­ter­net ge­stellt.»

Am 10. Ju­li die­ses Jah­res kam es in ei­ner an­de­ren deut­schen KZ-Ge­denk­stät­te zu ei­nem viel be­ach­te­ten Zwi­schen­fall. In Sach­sen­hau­sen, ganz im Nor­den des Ber­li­ner S-Bahn-Ge­biets gelegen, wur­de die Füh­rung ei­ner AfD-Be­su­cher­grup­pe ab­ge­bro­chen, weil Teilneh­mer mut­mass­lich den Ho­lo­caust leug­ne­ten. Die Grup­pe, 17 Mit­glie­der von Ali­ce Wei­dels Wahl­kreis Bo­den­see, befand sich auf Ein­la­dung der AfD-Frak­ti­ons­che­fin in Ber­lin. Wäh­rend der Füh­rung sol­len fünf oder sechs Per­so­nen durch Ein­wür­fe unterbro­chen und ge­stört ha­ben. Zwei sei­en als Wort­füh­rer in Er­schei­nung ge­tre­ten. Sie sollen NS-Ver­bre­chen ver­harm­lost und die Exis­tenz von Gas­kam­mern an­ge­zwei­felt haben, dem Gui­de un­ter­stell­ten sie Ma­ni­pu­la­ti­on. Die Staats­an­walt­schaft er­mit­telt.

AfD macht auch politisch Druck

Seit Ju­ni ist der 44-jährige Axel Dre­coll Lei­ter der Ge­denk­stät­te Sach­sen­hau­sen. Ein gro­sser blon­der Mann mit ei­ner be­ru­hi­gen­den Aus­strah­lung. Wäh­rend des In­ter­views sind Dre­coll und sein Pres­se­spre­cher dar­auf be­dacht, nur ja nicht den Ein­druck entstehen zu las­sen, sie sei­en all­zu be­un­ru­higt. Man neh­me den Vor­fall vom Ju­li sehr ernst, aber: Es hand­le sich um ei­nen Ein­zel­fall, ei­ne ab­so­lu­te Aus­nah­me, be­to­nen sie ab­wech­selnd. 700'000 Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher kä­men im Jahr in die Gedenkstätte Sach­sen­hau­sen, zu 99,8 Pro­zent lie­fen die­se Be­su­che voll­kom­men reibungs­los ab. «Ganz klar, die AfD in Ge­denk­stät­ten ist ein Pro­blem», sagt Dre­coll, «aber man darf ihr auch nicht mehr Raum ge­ben, als ihr zu­steht.»

NS-Ge­denk­stät­ten sind da­zu da, die Er­in­ne­rung an die jün­ge­re deut­sche Ver­gan­gen­heit wach­zu­hal­ten, in der Hoff­nung, das mö­ge als Mah­nung wir­ken, als Ab­si­che­rung, dass es nie wie­der ge­schieht. Die AfD aber wür­de die deut­sche Ge­schich­te ger­ne an­ders erzählen. Mehr aus Sicht der tap­fe­ren und ar­men Deut­schen. Alex­an­der Gau­land fin­det be­kannt­lich, die Deut­schen hät­ten das Recht, «stolz zu sein auf Leis­tun­gen deut­scher Soldaten in zwei Welt­krie­gen». So liegt in je­dem Kon­takt die­ser Par­tei zu ei­ner NS-Gedenk­stät­te die Ge­fahr von Ge­schichts­klit­te­rung.

In Wolfs­burg und Braun­schweig be­an­trag­te die AfD, kei­ne städ­ti­schen Gel­der mehr für die dor­ti­gen KZ-Ge­denk­stät­ten be­reit­zu­stel­len, in Stutt­gart woll­te sie der NS-Gedenkstät­te Gurs die För­der­gel­der kom­plett ent­zie­hen, was sie je­doch ge­ra­de wie­der zu­rück­zog, man ha­be sich ge­irrt. Ein wei­te­rer Stutt­gar­ter AfD-An­trag ziel­te dar­auf ab, Zu­schüs­se für Fahr­ten zu «Ge­denk­stät­ten na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­rechts» umzuwidmen für Fahr­ten zu «be­deut­sa­men Stät­ten der deut­schen Ge­schich­te». Weitere Bei­spie­le finden sich zuhauf.

«Wir müssen uns über­le­gen», sagt Dre­coll, «wie wir mit ei­ner solchen Par­tei umgehen.» Auch in Sach­sen­hau­sen wird deshalb über die Be­su­cher­ord­nung nachgedacht. Und soll­te sich Ähn­li­ches er­eig­nen wie im Ju­li, wer­de man dies so­fort anzeigen, sagt Drecoll.

Parteifunktionäre unerwünscht

In Nie­der­sach­sen, wo sich un­ter an­de­rem das ehe­ma­li­ge KZ Ber­gen-Bel­sen be­fin­det, wur­de im Fe­bru­ar ein Ge­setz ge­än­dert, um zu ver­hin­dern, dass die AfD ei­nen Sitz im Stif­tungs­rat der Ge­denk­stät­te er­hält. Sie klag­te da­ge­gen, der Staats­ge­richts­hof in Bücke­burg will im Ja­nu­ar ent­schei­den. Au­sser­dem be­rei­tet Nie­der­sach­sen Empfehlungen zu ei­nem ein­heit­li­chen Um­gang mit der AfD in Ge­denk­stät­ten vor.

In Nord­deutsch­land sorg­te der An­trag ei­nes Man­nes auf Mit­glied­schaft im Trä­ger­ver­ein ei­ner klei­nen Ge­denk­stät­te für Auf­re­gung. Es kam heraus, dass er ein AfD-Funk­tio­när war. Letzt­lich ent­schied man, den An­trag ab­zu­leh­nen. Oh­ne Be­grün­dung. Es wird nicht die letz­te Dis­kus­si­on die­ser Art ge­we­sen sein.

Knapp 300 Ge­denk­stät­ten für NS-Op­fer in Deutschland

Kom­men­des Jahr wird in Bran­den­burg ge­wählt, im Mo­ment ist die AfD dort ei­ne sehr star­ke Par­tei. Soll­te es, rein theo­re­tisch, ei­ne CDU-AfD-Ko­ali­ti­on ge­ben und einen Kultus­mi­nis­ter von der AfD, dann wä­re der Vor­sitz des Stif­tungs­rats Bran­den­bur­gi­sche Ge­denk­stät­ten in AfD-Hand und damit die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, dieser Ort des Er­in­nerns und des Ver­suchs, das Un­be­greif­li­che zu ver­ste­hen.

Es gibt in Deutsch­land knapp 300 Ge­denk­stät­ten für NS-Op­fer – die Be­su­cher­zah­len stei­gen stark. In den gro­s­sen, be­kann­ten wie auch in den klei­ne­ren und ganz klei­nen. Ein En­de die­ser Ent­wick­lung wird nicht er­war­tet, eher im Ge­gen­teil. Wor­an das stei­gen­de In­ter­es­se liegt, wur­de noch nicht un­ter­sucht. An den stei­gen­den Tou­ris­ten­zah­len; an der ge­rin­ge­ren per­sön­li­chen Ver­stri­ckung von jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen. Viel­leicht ist auch Trotz da­bei auf­grund der ak­tu­el­len po­li­ti­schen Si­tua­ti­on.

«Wir Ge­denk­stät­ten sind ein biss­chen wie Ärz­te», sagt Volk­hard Knig­ge. «Wir erkennen ei­ne Krank­heit und wis­sen, wie man sie be­han­deln muss.» Und dann entschlüpft ihm der ein­zig sa­lop­pe Satz: «Wir sind als Ge­denk­stät­ten auch da­zu da, den Na­zis auf die Müt­ze zu ge­ben.» Er sagt ihn wie je­mand, der schon so man­che Krank­heit hat kom­men und ge­hen se­hen.

Erstellt: 04.01.2019, 15:23 Uhr

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