Sie trinken Wasser aus der Toilette

In Griechenland stauen sich die Flüchtlinge, es droht eine humanitäre Krise – davon profitiert das Schleppergeschäft.

Ausharren in der Kälte: Gestrandete Flüchtlinge beim mazedonisch-griechischen Grenzübergang Idomeni.

Ausharren in der Kälte: Gestrandete Flüchtlinge beim mazedonisch-griechischen Grenzübergang Idomeni. Bild: Keystone

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Österreichs Plan scheint aufzugehen: Die Ankündigung der Regierung, eine Obergrenze einzuführen und in diesem Jahr maximal 37'500 Flüchtlinge ins Land zu lassen, führt zum gewünschten Dominoeffekt. Alle Länder auf der Balkanroute folgen dem Beispiel und begrenzen die Flüchtlingszahlen. Nach Serbien, Kroatien, und Mazedonien gab auch Slowenien bekannt, nur noch Menschen mit Ziel Deutschland und Österreich passieren zu lassen. Damit steigt der Druck auf Griechenland – genau das war die Absicht Österreichs. Man wolle Griechenland zur besseren Überwachung seiner Grenze zur Türkei zwingen, sagte Aussenminister Sebastian Kurz über die Entscheidung seiner Regierung.

Leidtragende sind die Flüchtlinge

In den ersten 20 Tagen dieses Jahres kamen nach UNO-Angaben bereits mehr als 35'000 Flüchtlinge aus der Türkei nach Griechenland – und immer mehr stecken dort fest. Opfer der Ankündigung Österreichs sind in erster Linie die Menschen auf der Flucht. Nachdem Mazedonien seine Grenze zu Griechenland zwei Tage lang komplett dichtmachte, stauten sich am Eisenbahnübergang von Idomeni die Flüchtlinge. Über tausend Menschen sollen laut Augenzeugenberichten in der Kälte auf ihre Weiterreise gewartet haben. Das improvisierte Camp bietet nur 500 Plätze in Zelten, die andere Hälfte harrte die Nächte über in Bussen und in einer Tankstelle aus.

Mittlerweile hat Mazedonien die Grenze zwar wieder geöffnet, eine erneute zwischenzeitliche oder gar längerfristige Sperrung ist laut Experten aber nicht auszuschliessen. SRF-Korrespondent Werner van Gent ist der Meinung, dass Griechenland das Problem nicht im Alleingang lösen kann. Sonst müssten innerhalb von zwei Wochen Aufenthaltslager für 30'000 Menschen gebaut werden. Das sei nicht realistisch, sagte er in der «Tagesschau». Schon jetzt sind die griechischen Behörden mit der Situation überfordert. Viele Flüchtlinge sitzen in der Kälte fest. Es droht eine humanitäre Krise.

Wasser aus der Toilette trinken

Mazedonien lässt nur Schutzsuchende aus den Herkunftsländern Irak, Syrien und Afghanistan passieren und lediglich dann, wenn sie erklären, nach Österreich oder Deutschland zu wollen. Migranten aus anderen Ländern wie Pakistan werden nach Angaben des griechischen Staatsfernsehens nach Athen zurückgeschickt. Wie der Lagebericht einer Reporterin des N-Ost (Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung) zeigt, hat ihre Zahl in den letzten Tagen zugenommen, was das ohnehin überforderte Griechenland an seine Belastungsgrenze bringt.

Schlecht ausgerüstet: Flüchtlingscamp in Athen. (Bild: Keystone/Thanassis Stavrakis)

Im ganzen Land stehen gemäss der Reporterin zurzeit nicht mehr als 1150 Unterbringungsplätze für Asylbewerber bereit. Und in den Aufnahmelagern herrschen prekäre Umstände. Flüchtlinge erzählen davon, Wasser aus der Toilette trinken zu müssen. Zudem sind sie gezwungen, ihre Asylanträge wegen des Personalmangels bei der Asylbehörde in Athen per Skype zu stellen. Die Behörden sind auch bei der Umsetzung der geplanten Hotspots auf den griechischen Inseln überfordert, die eine schnellere Registrierung der Ankömmlinge ermöglichen sollen. Bis auf denjenigen in Lesbos ist noch keiner einsatzbereit.

Gewalt von Schleppern

Die Notlage der Flüchtlinge wird einmal mehr von Schleppern ausgenutzt, deren Preise gemäss einer Reportage der deutschen «Tageszeitung» gestiegen sind. «Mit dem Boot sind wir sechs Stunden übers Meer gefahren. Die Überfahrt hat pro Person 3000 Euro gekostet», zitierte sie gestern einen Migranten, der über die Türkei nach Griechenland kam und am Grenzübergang Idomeni gestrandet war. Noch im Sommer habe die Überfahrt laut Aussagen von Flüchtlingen aus Kos, Leros und Lesbos 1200 Euro pro Person gekostet, berichtet die Zeitung.

Auch die Reporterin des N-Ost glaubt, dass das Schleppergeschäft wieder im Aufwind ist. Sie erzählt von Flüchtlingen, die auf Schlepper angewiesen sind, sich auf riskanten Routen verletzen und auch deshalb zu einer Rückkehr nach Athen gezwungen sind. Zudem werden viele Migranten Opfer von Gewalt seitens der Schlepper oder auch der mazedonischen Polizisten. Die Organisation «Ärzte der Welt» hat in Idomeni in den vergangenen zehn Dezembertagen 151 Verletzungen registriert, wobei 94 von ihnen durch Gewalt verursacht worden sind. Nach Griechenland abgeschobene Flüchtlinge berichten sogar von Organhandel. «Auf dieser Route sterben Menschen an Hunger, Kälte, durch kriminelle Übergriffe – und keiner spricht davon», zitiert die Reporterin eine Schutzsuchende, die eine Woche lang von Idomeni aus bis an die mazedonisch-serbische Grenze gelaufen ist. Auch sie sitzt jetzt wieder in Athen fest.

Erstellt: 22.01.2016, 12:06 Uhr

Tsipras fordert stärkere Unterstützung

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras hat eine bessere Zusammenarbeit der EU-Staaten in der Flüchtlingskrise gefordert. Nötig sei ein umfassendes Massnahmenpaket inklusive eines gut finanzierten Programms zur Neuverteilung und Ansiedlung der Migranten, sagte Tsipras am Donnerstag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Ausserdem müssten die EU-Behörden Transitländer wie Griechenland stärker unterstützen. Vorwürfe, sein Land sträube sich gegen ein stärkeres EU-Engagement auf den Ägäisinseln, wies Tsipras zurück.

Die griechische Küstenwache rettete am Donnerstag und Freitag nach Bootsunglücken vor Inseln in der Ägäis Dutzende Menschen, konnte aber nicht verhindern, dass mindestens 21 Flüchtlinge ums Leben kamen. Derzeit läuft ein Rettungseinsatz mit Hubschrauber, privaten Booten und Schiffen der Küstenwache, um weitere Überlebende zu finden. (wig./sda)

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