Sie will kein Maskottchen mehr sein

Die Journalistin und Historikerin Lucetta Scaraffia probt im Vatikan den Aufstand.

Scaraffia kann den Eigensinn nicht lassen kann. Sie ist das Feindbild der innerkirchlichen Rechten.

Scaraffia kann den Eigensinn nicht lassen kann. Sie ist das Feindbild der innerkirchlichen Rechten. Bild: Keystone

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Als sie zwei Jahre alt war, mochte Lucia Scaraffia nicht mehr Lucia heissen; alle sollten sie von nun an Lucetta nennen. Sie setzte sich durch. Jetzt ist Lucetta Scaraffia 70 Jahre alt, und ihr Wille ist so eisern wie vor 68 Jahren: Gerade ist sie als Chefredaktorin der Beilage «Donne Chiesa Mondo» (Frauen, Kirche, Welt) zurückgetreten, gemeinsam mit allen anderen Redaktorinnen der monatlichen Frauenbeilage der offiziellen Vatikan-Zeitschrift «Osservatore Romano».

Scaraffia hat in ihrem Blatt den weltweiten sexuellen Missbrauch von Nonnen zum Thema gemacht. Nun wirft sie den Kirchenmännern vor, dass die sie ans Gängelband nehmen wollten, «dass man zu den alten, vertrockneten Sitten zurückkehrt, unter der direkten Kontrolle von Männern Frauen auszuwählen, die als vertrauenswürdig gelten», wie sie in einem zornigen Brief an Papst Franziskus schreibt. Es ist ein Weiberaufstand, wie ihn der Vatikan noch nicht gesehen hat, angeführt von einer Frau, in der sich Frömmigkeit und Rebellion in katholischer Weise vereinen.

Das Mädchen fürchtete, Nonne werden zu müssen.

Die Eltern jedenfalls wollten Lucetta, die Eigensinnige, sehr katholisch erzogen sehen. Die Regeln auf dem Lyzeum in Mailand waren streng, Jeans und Kino waren tabu, die Angst vor Sünde und Sex vor der Ehe allgegenwärtig. Das Mädchen fürchtete, Nonne werden zu müssen. Sie betete zehn Ave-Marias am Tag, dass der Herr sie verschonen und ihre kommunistische Tante bekehren möge.

Das erste Anliegen erhörte der Herr, das zweite nicht. Im Gegenteil: Als Studentin brach Lucetta Scaraffia mit der Kirche und wandte sich den 68ern zu; die erste Demonstration absolvierte sie im biederen Kostüm, was ihr die Verhaftung ersparte. Sie wurde Feministin; das Mackertum der linken Männer regte sie so auf wie der Dreck, den sie überall hinterliessen. Sie heiratete und trennte sich, bekam ledig eine Tochter.

«Leidenschaftlich katholisch»

Die Bekehrung kam an einem Sonntag Ende der 80er-Jahre. Im römischen Stadtteil Trastevere wurde die Rückkehr einer restaurierten Marien-Ikone gefeiert. Der byzantinische Gesang, die Liturgie, das alles ergriff sie so sehr, dass sie seitdem wieder «leidenschaftlich katholisch» fühlt, wie sie sagt. Sie wurde zur Protagonistin eines weltoffenen Katholizismus, stritt in Talkshows und Zeitungsbeiträgen für eine restriktive Bioethik. 2012 übernahm sie die Schriftleitung der Beilage «Donne Chiesa Mondo». Konnte es eine bessere Wahl geben als die sprachmächtige bekehrte Intellektuelle?

Nur dass Scaraffia den Eigensinn nicht lassen kann. Sie ist das Feindbild der innerkirchlichen Rechten. Diese empören sich, wenn sie schreibt, dass sie zwar gegen Abtreibung sei, aber verstehe, dass ein Staat Schwangerschaftsabbrüche regeln müsse. Dass sie für ein Diakonat für Frauen eintritt, hat den Ärger vertieft. Über die Familiensynode 2015 schrieb sie: «Was mich bei diesen Geistlichen am meisten erstaunt, ist ihre vollkommene Unkenntnis des Weiblichen.» Immerhin lasse man sie nun als eine Art Maskottchen gelten.

Der Chefredaktor des «Osservatore Romano» schwört, Scaraffia habe alle Freiheiten gehabt. Aber ihr war das nicht genug: Sie will Veränderungen und nicht mehr Maskottchen sein.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.03.2019, 22:39 Uhr

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