Skipper «Tommy», die italienische Antwort auf Carola Rackete

Ein Sportsegler trotzt Innenminister Matteo Salvini. Dieser stellt nun jede Seenotrettung als Provokation dar.

Tommaso Stella fürchtet die italienische Justiz nicht. Foto: PD

Tommaso Stella fürchtet die italienische Justiz nicht. Foto: PD

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Von Tommaso Stella, einem 46-jährigen Mailänder, den alle «Tommy» rufen, haben die Segelfreunde Italiens bisher nur im sportlichen Zusammenhang gehört. Stella nahm in seiner Karriere an vielen internationalen Regatten teil, oft mit den Besten. «Ich war auf allen tollen Booten dabei», sagt der Sportsegler. Doch seine Mutter sei wohl erst jetzt so richtig stolz auf ihn. Skipper Stella hat am Wochenende die Alex, ein Segelschiff der italienischen Hilfsorganisation Mediterranea, mit 41 afrikanischen Migranten an Bord in den Hafen von Lampedusa gesteuert. Trotz Verbots der römischen Regierung. Er ist Italiens Antwort auf Carola Rackete.

Nun ermittelt die Justiz gegen den Skipper, was diesen aber nicht sonderlich zu bekümmern scheint. «Das ist mir egal», sagte Stella. «Ich bin ein glücklicher Mann, ich konnte 54 Menschen retten, die aus der Hölle Libyens geflohen sind.» Die Alex wurde beschlagnahmt, die Migranten konnten alle an Land gehen, die ganze Operation dauerte nur einige Stunden.

Es ging also alles viel schneller als zuletzt bei der Sea-Watch 3 und ihrer Kapitänin Carola Rackete, dem viel beachteten Lehrstück zum Umgang Italiens mit den Seenotrettern im Mittelmeer. Gut möglich, dass die anderen NGOs den Fall jetzt als Kehrtwende deuten, als Präzedenzfall. Mittlerweile nimmt Innenminister Salvini jede Rettungsoperation wie eine Provokation wahr, gegen ihn persönlich gerichtet. Jedenfalls tut er so. «Ich fühle mich allein gelassen», sagte er am Wochenende. Es ist ein bewährtes Motto: ich gegen alle.

Bei der Verteidigung der Grenzen, behauptet er, stünden ihm nicht einmal mehr seine Ministerkollegen bei. Wirtschaftsminister Giovanni Tria, der für die Zoll- und Steuerpolizei zuständig ist, griff er persönlich an, weil dessen Sohn für eine NGO arbeitet. Verteidigungsministerin Elisabetta Trenta wirft er vor, sie halte die Schiffe der Marine absichtlich zurück, statt mit ihnen die Seeblockade zu verstärken. Trenta konterte empört, sie habe ihre Hilfe mehrmals angeboten, jedoch ohne Erfolg.

Einträgliche Propaganda

Salvinis Popularität lebt vom selbst gefertigten Image des einsamen Streiters und Machers. Er sagt auch gern: «Ich bin ein Minister mit Eiern.» In einer Umfrage des «Corriere della Sera» befürworten 59 Prozent der befragten Italiener Salvinis unnachgiebige Haltung gegen die Flüchtlingshelfer. Darum macht er immer weiter. Er werde jetzt die Geldstrafen für NGOs erhöhen, sagte Salvini: von 50'000 auf eine Million Euro. Sein Sicherheitsdekret soll so umformuliert werden, dass die privaten Rettungsschiffe schon beim ersten Einsatz beschlagnahmt werden könnten.

Ich gegen alle: Das funktioniert auch deshalb so gut, weil die Italiener fast einhellig und völlig zu Recht der Auffassung sind, dass ihr Land in den vergangenen Jahren mit dem Mi­grationsstrom über das Mittelmeer allein gelassen worden sei – und zwar von den Partnerstaaten in der Europäischen Union, die ihnen nun Morallektionen erteilen. Salvini verdankt diesem Grundgefühl im Volk einen beträchtlichen Teil seines grossen Wahlerfolgs. Er nährt das Gefühl zusätzlich mit Hetze und Ge­polter gegen die Schwächsten und deren Helfer. Probleme löst er mit der Propaganda nicht.

Wenn seine europäischen Amtskollegen jeweils zusammenkommen, um über das Dubliner Abkommen zu reden, reist der Italiener nicht an, obschon Italien an einer Reform interessiert sein müsste. Salvini hat sich auch kaum je um neue Rücknahmeabkommen mit Herkunftsländern bemüht. Die Zahl der Rückführungen abgewiesener Zuwanderer ist unter Salvini kleiner als unter den Vorgängern. Die medialen Duelle mit den Hilfsorganisationen, mit den Skippern und Kapitäninnen, sind einfacher, plastischer, symbolhafter. Und sie bringen ihm Stimmen zuhauf.

Erstellt: 07.07.2019, 22:04 Uhr

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