«So ein Politiker will ich sein»

Manfred Weber möchte Jean-Claude Juncker als Chef der EU-Kommission nachfolgen. Dafür geht der Niederbayer im Wahlkampf weite Wege.

Europa-Spitzenkandidat Manfred Weber (l.) beantwortet im politischen Salon der «Ostsee-Zeitung» in Rostock Fragen von Chefredaktor Andreas Ebel. Foto: Frank Sölner

Europa-Spitzenkandidat Manfred Weber (l.) beantwortet im politischen Salon der «Ostsee-Zeitung» in Rostock Fragen von Chefredaktor Andreas Ebel. Foto: Frank Sölner

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Sie wollen Manfred Weber kennen lernen, solange es noch geht. «Wenn er mal Präsident der EU-Kommission ist, sehen wir ihn hier nie wieder!» Wolfgang Zimmermann und Jörg Rau kichern. Die beiden Rentner sind kluge Zeitgenossen, an Politik schwer interessiert. Wie 100 andere ­Männer und Frauen sind sie zum politischen Salon der in Rostock heimischen «Ostsee-Zeitung» gekommen, um mit dem Europa-Spitzenkandidaten der deutschen und der europäischen Christ­demokraten zu debattieren.

Weder Rau noch Zimmermann wählen die CDU. «Auch Russland sieht man hier» – in der früheren DDR – «natürlich ganz anders als bei euch im Westen.» Aus ihrer Sicht ist Russland keine Bedrohung, sondern unverzichtbarer Nachbar und Partner. Von Weber wollen sie nicht nur wissen, wie es mit Moskau weitergehen soll, sondern mit der EU insgesamt. Europa drohe auseinanderzudriften. «Das Konzept geht nicht mehr auf.»

Streit ums Gas

Manfred Weber strahlt, als er Platz nimmt. Der 46-jährige Niederbayer, der auf grossen Bühnen hölzern wirkt, redet sich schnell frei. Er antwortet auf alle Fragen, nennt die Dinge beim Namen, hält häufig die Hand aufs Herz, wenn er seiner Überzeugung Nachdruck verleihen will. Im Laufe der eineinhalb Stunden argumentiert er zusehends leidenschaftlicher, das Publikum klatscht immer häufiger.

Im hohen deutschen Nordosten sind nicht die Flüchtlinge das drängendste Thema, auch nicht die Wohnungsnot, die AfD oder das Klima. Dafür geht es um Nord Stream 2, das russisch-deutsche Milliardenprojekt einer zweiten Gaspipeline durch die Ostsee. Rund 130 Kilometer östlich von Rostock erreicht die bald fertiggestellte Leitung Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern gilt Nord Stream 2 als Kürzel für Arbeitsplätze, Energie­sicherheit, Nähe zu Russland. Alle Parteien sind dafür.

Nur Weber ist dagegen. Werde er Chef der EU-Kommission, sagte er kürzlich einem polnischen Magazin, werde er alles dafür tun, um Nord Stream 2 zu stoppen. Er stellt sich damit nicht nur gegen Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch gegen die offizielle Position der deutschen Regierung. In dieser Frage sei ihm Europa wichtiger als Deutschland, begründet Weber. Nord Stream 2 sei vielleicht im Interesse Berlins und Moskaus, aber es spalte Europa und bedrohe Polen und die Ukraine.

«Europa ist das Versprechen, dass wir Probleme miteinander lösen.»Manfred Weber

«Wir müssen Energiesicherheit endlich europäischer denken.» Und da gelte es, die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl zu verringern, nicht noch zu verstärken. Weber anerkennt, dass CDU-Kanzlerin Angela Merkel wenigstens auf die Ängste von Polen und Ukrainern eingehe. Die SPD von Gerhard Schröder dagegen, dem Ex-Kanzler, Gas-Lobbyisten und Wladimir-Putin-Freund, stelle sich taub.

Europa bedeute nicht, dass es keine widerstreitenden Interessen mehr gebe, bilanziert Weber. «Europa ist das Versprechen, dass wir Probleme miteinander lösen.» Die EU müsse sich künftig mehr um die grossen Antworten kümmern und die kleinen wieder den Mitgliedern überlassen. Das gelte auch für den Wolf, dessen Ausbreitung im dünn ­besiedelten Nordosten viele Bewohner mit Sorge betrachten. ­Artenschutz sei wichtig, meint Weber. Aber wie Mecklenburg verantwortungsvoll mit dem Wolf umgehe, wüssten die Menschen vor Ort besser als Brüssel.

«Russland-Hasser»

Auf den Vorwurf aus dem Saal, Weber «hasse Russland» und paktiere lieber mit dem «Kriegstreiber USA», antwortet er nachdenklich. «Das Verhältnis zu Russland ist eine der schwierigsten Herausforderungen.» Er glaube an das alte Credo deutscher Ostpolitik, dass Handel Wandel herbeiführen könne. Doch die Zeiten hätten sich geändert. Unter Putin sei Russland auf Konfrontation mit dem Westen umgeschwenkt. In der Ukraine habe es erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder Grenzen mit Gewalt verschoben, auch die antieuropäische Propaganda im Internet werde zusehends aggressiver. Er bedaure das sehr. Aber die Augen davor verschliessen könne und dürfe man nicht.

Jean-Claude Juncker, der scheidende EU-Kommissionspräsident, habe Putin schon vor Jahren angeboten, eine gemeinsame europäisch-russische Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok zu schaffen. Als Junckers Nachfolger würde er dieses Angebot gerne erneuern. «Aber im Moment hat Europa dafür schlicht keinen Partner.»

Als Wolfgang Zimmermann fragt, wie Manfred Weber das Auseinanderdriften Europas zwischen Nord und Süd, West und Ost verhindern wolle, stellt dieser ihm seine eigene Beobachtung entgegen: «Ich erlebe jetzt, da ich überall unterwegs bin, ein anderes Europa.» Das Brexit-Chaos in Grossbritannien habe vielen Menschen vor Augen geführt, wie wertvoll die europäische Gemeinschaft sei. Die Zustimmungswerte seien heute so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Nach dem Schlussapplaus wird er umringt

Was die EU nach einer Dekade der Krisen aber unzweifelhaft brauche, sei ein neuer Aufbruch. Wie einst Helmut Kohl mit dem Euro müsse man jetzt mutig die künftige Sicherheits-, Asyl- und Klimapolitik entwerfen. Und sich nicht davon aufhalten lassen, dass einzelne Schritte zurzeit vielleicht noch unpopulär seien – wie der Euro damals auch. «So ein Politiker möchte ich sein.» Nun leuchtet Weber.

Nach dem Schlussapplaus wird er umringt, lässt sich erneut befragen und fotografieren. Dann zieht der Wahlkämpfer weiter, 280 Kilometer nach Westen. Im schleswig-holsteinischen Husum erwartet ihn die CDU Nordfriesland zum Frühlingsempfang. Am Tag darauf reist Weber nach Südtirol, am selben Abend noch nach Florenz, wo er mit den Spitzenkandidaten der anderen europäischen Parteienfamilien öffentlich streitet.

Wolfgang Zimmermann und Jörg Rau, die beiden pfiffigen Rentner, sind mit der Debatte ausgesprochen zufrieden. Russland sehen sie immer noch freundlicher als der Bayer. Aber sie schätzen, dass Manfred Weber dem Publikum nicht nach dem Munde redet, sondern seinen Widerspruch engagiert begründet. «Er behauptet auch nicht, dass es für alle Probleme einfache Lösungen gibt, die niemanden schmerzen.» So viel Ehrlichkeit sei nicht alltäglich.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.05.2019, 20:02 Uhr

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