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Verachtung für Macron, Solidarität mit den Gelbwesten: Drei berühmte Denker Frankreichs treffen sich.

Kurze Pause vom Protest: Gemäss einer wissenschaftlichen Studie sind das Gros der französischen Gelbwesten Angestellte, Bauern, Händler und Arbeiter. Foto: AFP

Kurze Pause vom Protest: Gemäss einer wissenschaftlichen Studie sind das Gros der französischen Gelbwesten Angestellte, Bauern, Händler und Arbeiter. Foto: AFP

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Seit drei Wochen erstickt Paris jeweils am Wochenende im Tränengas-Nebel. Und während einige sich noch darüber klar werden wollen, wie die neue Massenbewegung der «gilets jaunes» einzuschätzen ist, sind andere mit dem argumentativen TGV unterwegs: Wie kann man sich bloss mit einer solchen Bewegung solidarisieren? Mit Westenträgern, die knietief, so scheint es, im braunen Sumpf des Front National stehen, die sich rassistisch und homophob gebärden – also all das verspotten, was linke Politik ausmacht, was sie erreichen will?

Formuliert werden die an­klägerischen Fragen von der deutschsprachigen Linken; adressiert sind mit ihnen die Superstars des französischen Denkens: der Soziologe Didier Eribon, der Philosoph Geoffroy de Lagas­nerie und der Autor Edouard Louis. Seit einiger Zeit positionieren sich die drei Freunde mit gemeinsamem politischem Argumentarium. Sie zeigen sich gerne zusammen auf Twitter und Instagram – auch bei den Protesten der «gilets jaunes», die sie alle begrüssen: «Ich habe nicht nur Sympathie für die Bewegung, ich unterstütze sie voll und ganz», sagt der 36-jährige Geoffroy de Lagasnerie.

Gewichtige Stimmen

Im Kern seien die Gelbwesten eine linke Bewegung, die mit Protesten ihre prekäre Situation verbessern will. So de Lagasneries Begründung für seine Solidarität mit den «gilets jaunes». «Diese Bewegung muss weitergehen», weil sie «endlich die Gesichter und Stimmen sichtbar und vernehmbar macht, die normalerweise in die Unsichtbarkeit gebannt werden», schrieb Edouard Louis in einem Essay, den die «Zeit» veröffentlichte. Ähnlich wie seine beiden Mitstreiter soll sich auch Didier Eribon bei einer Konferenz zum Jubiläum der 68er-Revolution in Berlin geäussert haben.

Was die drei sagen, hat Gewicht: weil sie in ihren Texten die sozialen Ausschlussmechanismen kraftvoll skelettiert haben, weil sie diese für den Aufstieg der Populisten verantwortlich machen. Und weil sie die Schuld für Verrohung und Gewalt nicht bei den Einzelnen, sondern bei der Gesellschaft ausmachen. Institutionen wie die Schulen und Universitäten würden die Ungerechtigkeiten re­produzieren, sagen sie. «Gesellschaft als Urteil» heisst ein Buch von Didier Eri­bon, das er im Nachgang zu seinem Bestseller «Rückkehr nach Reims» veröffentlichte.

«Eine politische Bewegung, die von allen Widersprüchen gereinigt ist, gibt es nicht.»Didier Eribon, Soziologe

Wenn sie über die gesellschaftlichen Verhältnisse reden, sprechen die drei Franzosen mit grosser Selbstverständlichkeit von «sozialer Gewalt», die alle Verhältnisse präge. So ist das auch an dieser Abendveranstaltung mit Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie, die Edouard Louis aus dem Publikum verfolgt: Sie weisen auf die sozialen Selektionsmechanismen hin – hier an der Universität Lausanne, wo an diesem Mittwoch eine Diskussion zur Funktion philosophischer Kritik stattfindet. Und die immer dann so richtig Fahrt aufnimmt, wenn von den «gilets jaunes» die Rede ist.

Wer eine politische Bewegung wolle, die von allen politischen Widersprüchen gereinigt ist, jage ein Phantasma, sagt Didier Eri­bon. Denn so etwas gibt es ihm zufolge nicht. Nicht anders sei das 1968 gewesen: Die Arbeiter hätten die Feministinnen und die Schwulen von ihren Protesten ausgeschlossen. Von einer einheitlichen Bewegung, einer «Konvergenz» der politischen Kämpfe, könne nicht die Rede sein, das sei nichts anderes als «Mythologie». Gegen die Idealisierung führt Eribon einen Text von Jean-Paul Sartre an, in dem dieser über den Rassismus der Arbeiter schreibt, der im Zuge der Streiks von 1968 verschwunden sei. Eine politische Bewegung kann also eine transformierende Wirkung haben: Sie kann Menschen zum Besseren hin wandeln.

Das Erbe Foucaults

Sartres Text gibt Eribon Hoffnung bezüglich der «gilets jaunes»; die Statistik gibt ihr zusätzlich Nahrung: Am Tag der Veranstaltung in Lausanne sind in «Le Monde» Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie zu den Protestlern erschienen. Das Gros der Gelbwesten sind demnach Angestellte, Bauern, Händler und Arbeiter; im Schnitt sind sie 45 Jahre alt – und sagen von sich selbst, sie seien eher links (40 Prozent) oder keinem politischen Lager zuzuordnen (33 Prozent). Auch was sie wollen, scheint klar: die Kaufkraft erhöhen (53 Prozent), weniger Steuer bezahlen (41 Prozent) und eine bessere Verteilung des Reichtums (19,9 Prozent). Nur 18,7 Prozent der «gilets jaunes» verstehen sich als Opposition zu Macrons Regierung – zumindest in der Statistik, die an den ersten beiden Wochenenden der Krawalle erhoben wurde.

«Die Verhältnisse der Macht sind heterogen und chaotisch. Jeder politische Kampf ist einzigartig.»Geoffroy de Lagasnerie, Philosoph.

Eribon, de Lagasnerie und Louis haben nie ein Geheimnis aus ihrer Verachtung für Emmanuel Macron gemacht: Der Präsident sei ein «autoritärer Typ», der auf Kosten der Schwachen den Staatsapparat und sich selbst vergrössern wolle, sagt de Lagasnerie. An diesem Abend argumentiert der Philosoph gegen eine Orientierung der politischen Kämpfe auf Macron – trotz einem Einwurf aus dem Publikum, der in diese Richtung zielt: Die repressive Gewalt des Staates, die de Lagasnerie in seinem Buch über das französische Gerichtssystem untersuchte, habe direkt nichts mit dem Neoliberalismus zu tun. Die Machtverhältnisse seien «chaotisch» und viel zu heterogen. Es sei daher nicht möglich, den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten auf ein Ziel, auf eine Person auszurichten – oder eine Konvergenz der Kämpfe zu erreichen, wie es sich einige Linke geradezu obsessiv wünschten. Stattdessen müsse man auf der Einzigartigkeit der Kämpfe insistieren, das sei das Erbe des Philosophen Michel Foucault, sagt sein Biograf Didier Eribon.

Vom Neoliberalismus lernen

Es gelte, sich auf die dringlichsten Kämpfe zu beschränken. Man dürfe sich nicht verzetteln, ergänzt Geoffroy de Lagasnerie. Er selbst ist als Teil eines Komitees mit den Gelbwesten mitmarschiert, das nicht nur seinen allgemeinen Unmut zum Ausdruck bringt, sondern sich für etwas Konkretes starkmachte: Gerechtigkeit für Adama Traoré, der im Juli 2016 unter unklaren Umständen in einer Pariser Polizeistation starb. Traoré sei Opfer von Polizeigewalt geworden, argumentiert das Komitee, für das sich de Lagasnerie einsetzt.

Geoffroy de Lagasnerie (hier ganz links) mit dem Komitee Adama bei den Demonstrationen der «gilets jaunes» in Paris

Es ist fraglich, ob die Proteste der «gilets jaunes» über Weihnachten andauern werden: Am letzten Wochenende ging die Polizei mit aller Härte gegen die Demonstranten vor. Nun werden die Tage immer kälter. Und seit Dienstag dominiert das Attentat von Strassburg die Aktualität.

«Die Bewegung der ‹gilets jaunes› muss weiter bestehen, weil sie Unsichtbare sichtbar macht.»Edouard Louis, Schriftsteller.

Geoffroy de Lagasnerie will aber auch diesen Samstag auf die Strasse gehen. «Kommst du auch?», fragt er Edouard Louis nach der Konferenz. Am Abend in Lausanne hat de Lagasnerie aber auch Methoden im Gepäck, mit denen die Linke nachhaltig Erfolg haben könnte: «Wir müssen von der letzten erfolgreichen Revolution lernen», sagt de Lagasnerie. Das ist für ihn der Neoliberalismus, der es geschafft habe, in die «Gehirne der Eliten» einzudringen – und dort das Denken auf den Kopf zu stellen.

Damit eine solche Kopfre­volutionen im Stil des Neoliberalismus gelingen könnte, müsse man die Institutionen infiltrieren. «Werdet Richter, hohe Beamte oder Verfassungsräte», ist Geoffroy de Lagasneries Appell an Anarchisten. «Da könnt ihr am meisten bewegen. Ich selbst hätte kein Problem damit, Kultur- oder Innenminister zu werden, wenn Jean-Luc Mélenchon demnächst Präsident ist», sagt er. Es könnte durchaus sein, dass man noch viel von de Lagasnerie und seinen Freunden hören wird.

Erstellt: 14.12.2018, 20:21 Uhr

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