Sonderzug nach Wladiwostok

Kim Jong-un will bei seinem Russland-Besuch weiter aus der internationalen Isolation heraus. Wladimir Putin dürfte das Treffen nutzen, um Einfluss in der Korea-Frage zu gewinnen.

Kim kommt: Die Insel Russki ist bereit für den Besuch des nordkoreanischen Diktators. Foto: Yuri Smityuk (Getty Images)

Kim kommt: Die Insel Russki ist bereit für den Besuch des nordkoreanischen Diktators. Foto: Yuri Smityuk (Getty Images)

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Zum ersten Mal trifft sich Kim Jong-un mit Wladimir Putin, ein Besuch, auf den der russische Präsident seit längerem hofft. Der nordkoreanische Macht­haber soll an diesem Mittwoch in seinem Spezialzug in der russischen Hafenstadt Wladiwostok ankommen. Am Mittwochabend wird Putin für ihn dort ein Bankett ausrichten, am Donnerstag wollen sich die beiden zu ihrem Gipfel in der Föderalen Fernost-Universität auf der Insel Russki vor Wladiwostok zusammensetzen. Nach dem Treffen wird Kremlchef Putin zum Seidenstrassen-Gipfel nach Peking weiterfliegen. Kim wird bis Freitag in Wladiwostok bleiben.

Ungewöhnlich für Nordkorea hat die staatliche Nachrichtenagentur KCNA Kims Reise, seine erste nach Russland, vorab angekündigt. Allerdings nannte sie kein Datum oder andere Details. Medien in Südkorea und Russland haben diese aufgrund der Vorbereitungen präzisiert. Demnach sollen Kim und sein Tross von 230 Nordkoreanern in Wladiwostok an Bord des Sonderzugs übernachten.

Signal an Trump

Bei den Gesprächen geht es um das nordkoreanische Atomprogramm, die Sanktionen gegen Nordkorea sowie die wirtschaftliche Zusammenarbeit, wie aus Moskau verlautete. Russland hatte an den Sechsparteiengesprächen zur Denuklearisierung des Nordens in Peking mit den USA, China, Japan und Südkorea teilgenommen, die vor zehn Jahren platzten. Seither hat Moskau in der Nordkorea-Frage an Einfluss verloren.

Putin dürfte es als aussichtslos betrachten, Nordkorea zur Abrüstung zu drängen. Vermutlich wird er sich darum bemühen, den Status quo zu erhalten und eine weitere Aufrüstung zu vermeiden. Nachdem der zweite Gipfel zwischen US-Präsident Donald Trump und Kim in Hanoi scheiterte, könnte Putin auch eine Chance sehen, sich als Vermittler ins Spiel zu bringen.

Dem bis vor 14 Monaten isolierten Kim bietet das Treffen erneut die Gelegenheit, sich als Staatsmann zu präsentieren. Er werde die geografische Lage seines Landes ausnützen und den USA demonstrieren, dass er auch auf andere Partner setzen könnte, analysierte eine südkoreanische Nachrichtenagentur. «Er wird Trump zeigen wollen, dass es nicht weise ist, den Druck auf Nordkorea zu erhöhen», so der Politologe Nam Chang-hee von der Inha-Universität in Seoul. Solange Trump auf dem «grossen Deal» zur kompletten Atomabrüstung des Nordens bestehe, habe er keine Hoffnung für einen Durchbruch.

Zugräder werden gewechselt

Für Russland ist mehr wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Nordkorea kaum möglich. Moskau hält sich offiziell an die UNO-Sanktionen, auch wenn Aussenminister Sergei Lawrow deren Lockerung fordert. Obwohl Russland seine Bahnlinie in die Freihandelszone um Nordkoreas Hafen Rason modernisiert hat, bleibt der Handel zwischen den Ländern eher unbedeutend. Er erreichte 2017 einen Wert von knapp 78 Millionen Dollar und ist seither um mehr als die Hälfte eingebrochen. Moskau will laut der Tageszeitung «Kommersant» nun einen Mechanismus einführen, mit dem Waren ohne Geldüberweisung ausgetauscht werden, allerdings nur für Produkte, die nicht auf der UNO-Sanktionsliste stehen.

Stark gesunken ist auch die Zahl nordkoreanischer Gastarbeiter in Russland, derzeit dürften es noch 10'000 sein. Wegen der Sanktionen müssen sie Russland bis Ende des Jahres verlassen, auch darüber wollen Kim und Putin sprechen.

Zuvor aber müssen technische Probleme gelöst werden. Der nordkoreanische Zug muss am Grenzübergang seine Räder wechseln. Für russische Schienen müssen sie breiter sein als für die nordkoreanischen. Eine weitere Hürde ist das Tor am Bahnhof von Wladiwostok: Kims Limousine ist zu hoch. Deshalb wurde 20 Zentimeter Erde abgetragen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.04.2019, 21:01 Uhr

Gesten für den Westen

Wenn Wladimir Putin nun im Fernen Osten Russlands den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un empfängt, dann wollen beide ein Zeichen Richtung Westen senden. Es treffen sich in Wladiwostok zwei Verschmähte, die einander ein Stück weit aus ihrer Isolation helfen möchten.

Der russische Präsident träumt – anders als Donald Trump – nicht davon, für den Friedensnobelpreis nominiert zu werden. Er möchte ein wenig internationales Gewicht zulegen. Zwar fühlt sich Russland unwohl mit den Atomwaffen des Nachbarn. Trotzdem dürfte es Putin gut gepasst haben, dass sich der US-Präsident mit Kim im Februar nicht auf eine Abrüstung einigen konnte. Erstens machte dieses Scheitern Putin zu einem interessanten Gesprächspartner für Kim, der auf die Lockerung der UNO-Sanktionen hofft. Zweitens wittert Putin eine Chance, sich als Vermittler im Atomstreit zwischen den USA und Nordkorea ins Spiel zu bringen.

Bleibt die Frage, was er dem nordkoreanischen Diktator zu bieten hat. Moskau leidet selbst unter US-Sanktionen, das wirtschaftlich geschwächte Russland ist für Pyongyang als Handelspartner nicht mehr so wichtig wie einst. Putin bringt wenig Verhandlungsmasse mit. Auch das zeigt, dass es in Wladiwostok weniger um Inhalte geht als um Gesten.

Silke Bigalke

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