Spaniens neue Unabhängigkeitsbewegung

Eine Internetgruppierung will die katalanischen Separatisten mit ihren eigenen Waffen schlagen und «Tabarnia» für unabhängig erklären. Die Idee stösst auf überraschend viel Zuspruch.

Eine Flagge gibt es bereits: Tabarnia, abgegrenzt vom restlichen Katalonien. Bild: Twitter / Tabarnia Oficial

Eine Flagge gibt es bereits: Tabarnia, abgegrenzt vom restlichen Katalonien. Bild: Twitter / Tabarnia Oficial

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Eigentlich ist das Ganze ein Internet-Witz, bloss nimmt ihn eine wachsende Anzahl Personen ernst, unter ihnen auch einflussreiche Politiker. Wider Erwarten haben bei den katalanischen Wahlen vom 21. Dezember jene Parteien, die sich für die Unabhängigkeit von Spanien einsetzen, eine Mehrheit der Parlamentssitze erobert. In den Provinzen Barcelona und Tarragona behielten jedoch die spanientreuen Kräfte die Oberhand. Deshalb vertritt eine Gruppierung die Idee, «Tabarnia» – die Bezeichnung setzt sich aus den Namen der beiden Provinzen mit ihren jeweils gleichnamigen Hauptstädten zusammen – könnte sich seinerseits von Katalonien unabhängig erklären.

Geografische Verteilung der Separatismus-Befürwortung in Katalonien (rot: dagegen, blau: dafür). Grafik: Bcnisnotcat.es

Die Tabarnia-Sezessionisten, und dies ist die Pointe der Idee, führen gegenüber dem restlichen Katalonien genau dieselben ökonomischen, kulturellen und demografischen Argumente an, die Carles Puigdemont und seine Getreuen gegenüber Spanien geltend machen: Barcelona und Tarragona (also Tabarnia) bezahlen mehr in den gemeinsamen Haushalt ein, als sie zurückerhalten. Die Bürger von Tabarnia haben das Recht, demokratisch über ihre Zukunft zu entscheiden. Die Korruption der katalanischen Politiker hat Tabarnia ins Elend gestürzt. Tabarnia ist eine urbane, multikulturelle, dynamische Region, die nicht so recht zum übrigen Katalonien passen will.

Das meistdiskutierte Thema der Welt

Eigentlich ist das Phantom Tabarnia schon einmal im Internet herumgegeistert, nämlich, als eine Gruppe von Aktivisten im September 2015 die Homepage Bcnisnotcat.es schufen, für «Barcelona is not Catalonia». Die Wahlen vom 21. Dezember haben die Tabarnia-Bewegung zurück ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Im Internet diskutieren Tausende über die Idee, und auf Twitter war der entsprechende Hashtag gestern mit über 600'000 Einträgen das globale trending topic, also das meistdiskutierte Thema der Welt.

Die Internetaktivisten haben mittlerweile eine Vorstellung davon, wie gross Tabarnia künftig sein soll (gut 5000 Quadratkilometer), wie viele Einwohner es zählen soll (gut 6 Millionen) und wie seine Flagge aussieht. «Tabarnia umfasst ein Territorium, das stolz auf seine Zweisprachigkeit ist und tiefe kulturelle sowie wirtschaftliche Verbindungen zu Spanien hat», steht auf der Homepage. Sogar der Zeitpunkt des Referendums, um Tabarnia vom restlichen Katalonien zu trennen, soll bereits feststehen: im Oktober 2019.

Die ursprünglich ironische Absicht der «Tabarnia»-Aktivisten erhält nicht nur durch den grossen Widerhall im Internet eine gewisse Bedeutung, sondern auch dadurch, dass sich namhafte Politiker damit auseinandersetzen.

Die katalanische Spitzenkandidatin der konservativen, spanientreuen Partei Ciudadanos, Inés Arrimadas, schrieb auf Twitter: «Der Nationalismus verteidigt ein homogenes Katalonien und kollidiert mit seiner eigenen Widersprüchlichkeit.»

Immer mehr Anhänger

Die Ciudadanos gehören zu den grossen Wahlsiegern des 21. Dezembers, sind sie doch in Katalonien zur stärksten Einzelpartei geworden. Ihr nationaler Anführer Albert Rivera schreibt: «Wenn die Nationalisten auf das inexistente Recht zur Spaltung pochen, kann das jeder tun. Ich ziehe Verschiedenheit und Einheit vor.»

Die konservative spanische Zeitung «El Mundo» betonte, die Tabarnia-Bewegung könnte durchaus zu einem Problem für die Anführer der katalanischen Unabhängigkeit werden, weil sie immer mehr Zulauf erhalte. Auftrieb verleiht ihr nicht zuletzt die unbestreitbare Tatsache, dass die ländlichen und ärmeren Gebiete Kataloniens, in denen die Loslösung von Spanien besonders populär ist, aus wahlarithmetischen Gründen ein überproportionales Gewicht im Parlament haben. Dies empfinden die Bewohner der urbanen Gebiete als ungerecht.

«Wenn die Nationalisten auf das inexistente Recht zur Spaltung pochen, kann das jeder tun.»Albert Rivera

Zuspruch und mediale Aufmerksamkeit ermuntern die «Tabernisten» offensichtlich, ihre Vision vom «Tabernexit» tatsächlich realisieren zu wollen. Auf ihrer Homepage schreiben sie: «Falls jemand von uns jemals daran gezweifelt hat, dass sich dieses Projekt verwirklichen lässt, sind die Zweifel nun zerstreut. Wir haben zahllose Mails von Anhängern bekommen, die uns ihre volle Unterstützung zugesagt haben. Wir werden alles daran setzen, das Projekt voranzutreiben.»


Erstellt: 28.12.2017, 19:19 Uhr

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