Spaniens Polizei interveniert in Katalonien mit grosser Härte

Beim Einsatz gegen das Unabhängigkeitsreferendum werden mehrere Hundert verletzt.

Die spanische Polizei geht mit Gewalt gegen Wähler vor. Hunderte Menschen wurden verletzt. (Video: Tamedia/Marc Chéhab/AP)

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Ministerpräsident Manuel Rajoy wandte sich am Sonntagabend bei einer Pressekonferenz an die spanische Nation: «Der Rechtsstaat hat sich durchgesetzt», es habe «kein Referendum» stattgefunden in Katalonien. Rajoy dankte der nationalen Polizei für ihren Einsatz.

Dieser Einsatz aber hatte es in sich, wie Pressebilder und Videoaufnahmen zeigen, die gestern um die Welt gingen: Polizisten der spanischen Guardia Civil prügeln mit Schlagstöcken auf katalonische Feuerwehrleute ein, die Wahllokale und Wähler zu schützen versuchen. Beamte in Barcelona setzen Gummigeschosse gegen unbewaffnete Bürger ein, die ihre Stimme abgeben wollen. Polizisten in Kampfmontur tragen Abstimmungsurnen aus Schulhäusern, konfiszieren Stimmzettel. Auf der Strasse erklingt der alte Schlachtruf der Republikaner gegen Francos Faschisten: «No pasarán!» (Sie werden nicht durchkommen!)

Die «New York Times» schreibt von «einem der ernstesten Tests für Spaniens Demokratie seit Ende der Diktatur» in den 70er-Jahren. Und der Chefanalyst der «Financial Times», Gideon Rachman, schrieb am Sonntag via Twitter, Spanien scheine «mit dem Bürgerkrieg zu flirten».

«Verantwortungslose Gewalt»

Über 800 Verletzte meldete die katalanische Regierung am Sonntagabend. Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau hatte «ein sofortiges Ende der Polizeieinsätze gegen die wehrlose Bevölkerung» gefordert. Kataloniens Präsident Carles Puigdemont sprach von «ungerechtfertigter und verantwortungsloser» Gewalt.

Spaniens konservative Regierung dagegen erachtet die eingesetzten Mittel als «angemessen». Sie nennt das vom spanischen Verfassungsgericht untersagte Referendum eine «Farce» und weist alle Verantwortung für Zwischenfälle der regierenden Separatistenkoalition zu. Gemäss Madrid sind bei den Einsätzen auch mehrere Polizisten verletzt worden. Wie viele der 5,3 Millionen Wahlberechtigten Kataloniens ihre Stimme abgegeben haben, war bei Redaktionsschluss unklar.

Die Macht der Bilder

Im Verlauf des Wahltags wandte sich Kataloniens Regierung hilfesuchend an die EU. Amadeu Altafaj, der Botschafter der Region in Brüssel, bat Jean-Claude Juncker und andere via Twitter, die Zurückhaltung aufzugeben: «Bitte interveniert und schützt die EU-Bürger Kataloniens.» In den sozialen Medien wurde die Frage laut, ob ein EU-Land ungestraft Gewalt gegen eigene Bürger anwenden darf.

Bilder: Abstimmungsschlacht in Katalonien

Katalonien hat nach Angaben von Regionalpräsident Puigdemont beim Referendum das Recht auf staatliche Unabhängigkeit gewonnen. Das Abstimmungs­ergebnis werde in einigen Tagen vor­liegen. Abgesehen vom Resultat dürfte auch die Eskalation der Lage den katalanischen Nationalisten nützen. Es gehe Barcelona um die Macht der Bilder, kritisiert der deutsch-spanische Historiker Carlos Collado Seidel. Die Regierung Rajoy hat dies nicht erkannt oder in Kauf genommen.

Erstellt: 02.10.2017, 00:01 Uhr

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Beamte der nationalen Polizei im Einsatz vor einem Stimmlokal in Barcelona. Foto: Geraldine Hope Ghelli (Bloomberg, Getty Images)

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