SPD räumt Gabriel ab

Aussenminister Sigmar Gabriel wird der nächsten Regierung nicht mehr angehören. Damit endet die Karriere des prägenden SPD-Politikers.

Als Politiker eine Wucht – und eine Zumutung: Sigmar Gabriel. Foto: DPA, AFP

Als Politiker eine Wucht – und eine Zumutung: Sigmar Gabriel. Foto: DPA, AFP

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Sigmar Gabriel war eine Wucht. Alle paar Tage kamen ihm neue Ideen, die er sogleich unter die Leute bringen musste. Er war strategisch brillant, kannte jeden machtpolitischen Unterzug und wusste sich durchzusetzen, zur Not auch brutal. Er beherrschte die wichtigen Dossiers bis in den letzten Winkel und behielt doch die grossen Linien im Auge. Er spürte die Bauchgefühle der Wähler wie kein Zweiter. Und er debattierte mit solcher Kraft, dass man richtig fühlen konnte, wie die Stimmung im Saal sich zu ihm hin bewegte.

Und Sigmar Gabriel war eine Zumutung. Seine Ausbrüche und politischen Bocksprünge terrorisierten seine Mitarbeiter. Immer musste er alles an sich reissen, immer sprengte er alleine voraus, während hinter ihm fleissige Helfer alle Mühe hatten, seine Geistesblitze und Kehrtwendungen wieder einzufangen. Zweimal drückte er sich um die Kanzlerkandidatur, was ihn im Wahlkampf keineswegs daran hinderte, alles besser zu wissen und permanent hineinzufunken, zur Verzweiflung von Peer Steinbrück und Martin Schulz.

Zuletzt klafften die Ansichten über den 58-jährigen Sozialdemokraten scharf auseinander: Bei den Deutschen war er beliebt wie nie, in der Parteispitze hatte er jeden Rückhalt verloren. In der Vergangenheit war es eigentlich immer umgekehrt gewesen. Sieben Jahre war Gabriel Parteichef gewesen, bevor er den Vorsitz an Schulz abgab. Länger hatte sich nur Willy Brandt an der Spitze dieser notorisch unregierbaren Partei gehalten. 2013 hatte er die SPD praktisch im Alleingang in die Grosse Koalition geführt, wurde Vizekanzler, erst Wirtschafts-, dann Aussenminister. Und Chefdiplomat wäre er auch in der neuen Grossen Koalition gerne geblieben.

Verbale Blutgrätsche

Daraus wird nun nichts. Andrea Nahles und Olaf Scholz, das neue starke Duo, haben Gabriel kühl abserviert. Dieser verabschiedete sich, typisch Gabriel, lieber selber, und zwar einen Tag bevor die SPD heute Freitag ihre Ministerliste offiziell bekannt gibt. Er tat es eher nobel: nicht ohne seinen Mitstreitern zu danken, nicht ohne auf eigene Verdienste hinzuweisen, aber ohne jede Stichelei. Nahles und Scholz trauen Gabriel seit längerem nicht mehr über den Weg. Beide haben viele gute Gründe dafür, ihn von den Schaltstellen der Partei und der Regierung nun auf Dauer fernzuhalten.

Zuvor hatte schon Martin Schulz versucht, Gabriel als Aussenminister auszubooten, war aber am Ende selber über das Manöver gestürzt. Aus Wut über den angeblichen «Verrat» hatte sich Gabriel damals zu einer verbalen Blutgrätsche hinreissen lassen, indem er seiner fünfjährigen Tochter ein abschätziges Zitat über den «Mann mit den Haaren im Gesicht» in den Mund legte. Danach war Gabriels Kredit in der Parteispitze endgültig aufgebraucht.

Künftig wird Gabriel als einfacher Abgeordneter im Bundestag sitzen. Wie Schulz. Er hat einen Lehrauftrag der Uni Bonn angenommen, man darf aber bezweifeln, dass solche Kinkerlitzchen einen Tausendsassa wie ihn auf Dauer zufriedenstellen. Da wäre der Chefposten der Friedrich-Ebert-Stiftung, des millionenschweren SPD-eigenen Thinktanks, ungleich verlockender. «Ich war immer verliebt ins Machen», sagte Gabriel vor Wochen dem «Spiegel». «Jetzt merkt man: Du wirst nicht mehr gebraucht. Das ist der eigentliche Einschnitt.»

Gabriel wird neuer Bundesregierung nicht angehören. Das teilte der Bundesaussenminister auf Twitter mit. Video: Tamedia/Marco Pietrocola

Da sich mit Gabriel und Schulz die beiden begabtesten Aussenpolitiker der Partei gegenseitig aus dem Weg räumten und Frank-Walter Steinmeier längst Bundespräsident ist, fällt es der Partei nicht ganz leicht, das prestigeträchtige Amt angemessen zu besetzen. Am Donnerstag sickerte durch, dass einer der SPD-Stars des bisherigen Kabinetts Gabriel ersetzen soll: Justizminister Heiko Maas. Der 51-jährige Saarländer ist in Wesen und Auftritt so ziemlich das Gegenteil seines Vorgängers.

Obwohl die Entscheide der Parteispitze erst am Freitagmorgen fallen, nannten Medien auch schon Namen für die restlichen Posten: Neben Maas und dem als Finanzminister und Vizekanzler gesetzten Olaf Scholz sollen Katarina Barley (Arbeit und Soziales oder Justiz) und Franziska Giffey (Familie) ins Kabinett einziehen, dazu allenfalls Svenja Schulze, Matthias Miersch oder Hubertus Heil. Von den fünf Letztgenannten sind vier unter 50 und Giffey sogar unter 40 Jahre alt – die SPD würde also einige neue Talente mit Kraft in die erste Reihe befördern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 21:26 Uhr

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