Giftattacke auf Ex-Spion: Polizei und MI5 verfolgen Russen-Spur

Offiziell weiss in London noch niemand, was dem Ex-Spion Sergei Skripal widerfahren ist. Doch Aussenminister Boris Johnson hat Moskau bereits gewarnt.

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Das Paar auf der Bank im Maltings Shopping Centre benahm sich reichlich merkwürdig. So, «als hätten sie etwas ziemlich Starkes eingenommen», sagt Freya Church. Die Frau war am vergangenen Sonntagnachmittag im Einkaufszentrum von Salisbury im Süden Englands unterwegs, als ihr der ältere Mann und seine deutlich jüngere Begleiterin auffielen. «Sie lehnte sich an ihn. Es sah aus, als sei sie ohnmächtig», zitieren britische Zeitungen die einzige Zeugin. «Er machte seltsame Handbewegungen und blickte nach oben. Ich wusste nicht, ob ich etwas tun sollte. Ich dachte, sie seien einfach Obdachlose, die etwas geschluckt hätten.»

Ob die beiden etwas zu sich genommen hatten, was ihnen offenkundig nicht guttat – und wenn ja, was –, das versuchen seither die britischen Behörden herauszufinden. Nachdem der rasch herbeigerufene Rettungsdienst das Paar ins Salisbury District Hospital gebracht hatte, wurde als erste Diagnose bekannt gegeben, dass sie vermutlich einer «bisher noch nicht identifizierten Substanz ausgesetzt» gewesen seien.

War der Vorfall schon eigenartig genug, bekam er wenig später eine hochpolitische Dimension: Denn bald stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um Sergei Wiktorowitsch Skripal und seine Tochter Julia handelte. Skripal war einst russischer Spion – im Sold des britischen Geheimdiensts MI6.

Nach der mysteriösen Vergiftung ist am Mittwochmorgen der Sicherheitsrat der britischen Regierung zu einer Sondersitzung zusammengetreten. Das sogenannte Cobra-Komittee wolle unter dem Vorsitz von Innenministerin Amber Rudd den aktuellen Stand der Ermittlungen erörtern, verlautete es in der Nacht aus der Downing Street. Bereits zuvor kündigte Aussenminister Boris Johnson eine «angemessene und robuste Reaktion» an, falls sich der Verdacht auf eine Rolle Moskaus in der Erkrankung der zwei Opfer erhärten sollte. Noch gebe es zwar keine Beweise, dass Russland die Hand im Spiel habe, doch der Fall erinnere an den Giftmordanschlag auf den Ex-Spion und Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko im Jahr 2006.

Die «Times» berichtet derweil, dass die Polizei und der Inlandgeheimdienst MI5 den Fall nach ersten Erkenntnissen als einen staatlichen Mordanschlagsversuch behandeln. Spezifisch würden die Ermittler davon ausgehen, dass Verbindungen zu Russland bestünden, so die Zeitung.

Ausgetauscht gegen Chapman

Der heute 66-jährige Skripal war Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Im Jahre 2006 war er beschuldigt worden, in den 1990er-Jahren russische Geheimagenten in Europa an den MI 6 verraten zu haben. 100'000 US-Dollar soll er dafür erhalten haben. Skripal wurde zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt.

2010 aber begnadigte ihn der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew. Mit drei weiteren Gefangenen wurde er gegen zehn russische Spione ausgetauscht, die das FBI in den USA verhaftet hatte, unter ihnen auch Anna Chapman, die von den Medien als «glamouröseste Geheimagentin Russlands» bezeichnet wurde. Skripal wurde umgehend ins Vereinigte Königreich ausgeflogen, von den britischen Geheimdiensten verhört und bekam dann, wie sich nun zeigt, einen neuen Wohnsitz in der Grafschaft Wiltshire zugewiesen.

Am Sonntagabend war sein Haus in Salisbury von der Polizei abgeriegelt, ebenso ein italienisches Restaurant, in dem er und seine Tochter wohl zu Mittag gegessen hatten. Die Polizei veröffentlichte Bilder einer Sicherheitskamera, die einen Mann und eine Frau zeigen, welche kurz zuvor an der fraglichen Bank vorbeigegangen waren. Es handele sich um einen «sehr ungewöhnlichen Fall», sagte der stellvertretende Chef der Londoner Metropolitan Police und Leiter der britischen Anti-Terror-Behörde, Mark Rowley, am Dienstag. «Wenn man andere Fälle wie den von Alexander Litwinenko betrachtet, ist es denkbar, dass wir auch Anti-Terror-Einheiten in die Untersuchung einbeziehen.» Wenig später übernahm die Anti-Terror-Einheit der Londoner Polizei gleich die gesamten Ermittlungen, wie der «Guardian» berichtet.

Tatsächlich sind die Parallelen zur Ermordung Litwinenkos 2006 unübersehbar. Der Geheimdienstmann leitete die Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität beim KGB. Als er mit seinen Ermittlungsergebnissen über die Mafia bei Wladimir Putin kein Gehör fand, wandelte er sich zum Gegner des Präsidenten und floh nach Grossbritannien. Dort informierte er europäische Ermittler über die Tätigkeit der russischen Mafia in Europa, deren Spuren an die Spitze des russischen Staates führten. Am 3. November 2006 wurde er mit Erbrechen und Atembeschwerden in ein Londoner Hospital eingeliefert. Kurz vor seinem Tod wenige Wochen später stellte sich heraus, dass er mit radioaktivem Polonium vergiftet worden war.

Die diplomatische Dauerkrise zwischen London und Moskau, hat neue Nahrung erhalten.

Scotland Yard forderte damals die Auslieferung des ehemaligen KGB- und FSB-Mitarbeiters Andrei Lugowoi. Die Briten verdächtigten ihn, bei einem Treffen das Polonium in Litwinenkos Tee gemischt zu haben. Die Russen lehnten unter Verweis auf die parlamentarische Immunität des Duma-Abgeordneten Lugowoi ab. Die Folge war eine diplomatische Dauerkrise zwischen London und Moskau, die bis heute anhält. Gerade erst hat sie durch sich mehrende Hinweise auf den Einsatz russischer Twitter-Bots in der Anti-EU-Kampagne vor dem Brexit-Referendum neue Nahrung erhalten.

Tatsächlich gibt es Spionagegeschichten voller schillernder Details, die beide Länder verbinden oder, wohl besser gesagt, trennen. So lieferten sowjetische KGB-Agenten die Giftkapsel, mit der die Kollegen vom bulgarischen Geheimdienst den Dissidenten Georgi Markow ermordeten: durch einen Stich mit einem präparierten Regenschirm mitten auf der Londoner Waterloo Bridge. 1978 war das.

Philby und die «Cambridge Five»

Der wohl berühmteste Fall während des Kalten Krieges war aber die Enttarnung des russischen Spionagerings der «Cambridge Five» um den MI-6-Offizier Kim Philby. Der Spionagering war nach der Universitätsstadt benannt, in der dessen Mitglieder alle studiert hatten. Sie waren wohl während des Studiums in den 1930er-Jahren rekrutiert worden und versorgten die Sowjets im Zweiten Weltkrieg und danach mit Informationen. Philby lieferte bis 1963, ehe er von Beirut aus nach Moskau floh.

Der britische Schriftsteller Graham Greene war mit ihm befreundet. Der Fall inspirierte John le Carré zu seinem Spionagethriller «Dame, König, As, Spion». In einem Interview mit der «New York Times» sagte le Carré jüngst: «Die Mentalität, die Russland heute bestimmt, unterscheidet sich, was Putin angeht, absolut nicht von der, die die exotischsten Verschwörungen des Kalten Krieges motivierte.» In Grossbritannien glauben die meisten Kommentatoren, dass Skripal ein weiteres Opfer ebendieser Mentalität geworden ist. Er und seine Tochter sind weiterhin in kritischem Zustand.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 11:16 Uhr

Russland – Welt voller Neider

Der Kreml spielt den Vorfall herunter und gibt sich als Opfer. Das entspricht ganz Wladimir Putins Politik.

Eigentlich sollte die Woche mit guten Nachrichten von den russischen Geheimdiensten beginnen. Präsident Wladimir Putin verkündet gerade sehr viele gute Nachrichten, in weniger als zwei Wochen sind Wahlen, und er möchte ein eindrucksvolles Ergebnis für sechs weitere Jahre im Kreml. Am Montag lobte er die Erfolge des Geheimdienstes FSB. Mehr als 400 ausländischen Spionen sei 2017 das Handwerk gelegt worden, sagte er vor Offizieren des Dienstes, dessen Vorläufer KGB er einst diente und dessen Chef er später kurze Zeit war, bevor er in die Politik wechselte. «Wie Sie alle wissen, hat die Aktivität ausländischer Dienste stark zugenommen», sagte Putin.

Überprüfen lassen sich diese Angaben so wenig wie die Existenz diverser Wunderwaffen, die Putin in der vergangenen Woche vorgestellt hatte. Klar ist aber, dass Spionage und Gegenspionage für den ehemaligen KGB-Mann von grosser Bedeutung sind. Gleichwohl spielte der Kreml die Bedeutung des in Salisbury vergifteten Sergei Skripal herunter. Dass Moskau verdächtigt werde, sei zu erwarten gewesen, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow. Der Kreml verfolgt die Strategie, jeden Vorwurf dem Volk darzustellen als Bestätigung für den souveränen Kurs des Präsidenten und den Neid seiner Gegner. Seien es Dopingsperren oder der Fund von fast 400 Kilo Kokain in der Schule der russischen Botschaft in Buenos Aires.

Noch ist nicht einmal die Ursache für den Zustand Skripals, eines ehemaligen Oberst des Militärgeheimdienstes GRU, bekannt, von möglichen Motiven ganz zu schweigen. Es erscheint wenig sinnvoll, dass Moskau einen Verräter erst entlarvt und verurteilt, dann begnadigt und ausreisen lässt, um ihn dann aufwendig zu ermorden. Sollte Skripal noch über Geheimwissen verfügt haben, das er dem MI 6 nicht schon in seiner Zeit als Doppelagent verraten hat, hätte ihn Russland 2010 wohl kaum ziehen lassen. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen aber, dass sich die Tätigkeit russischer Dienste und der Mafia manchmal schwer trennen lassen. So starb Alexander Litwinenko 2006 nicht einfach als Putin-Kritiker, sondern als ehemaliger Sonderermittler gegen die organisierte Kriminalität. Das Polonium landete in seinem Tee, als er spanische Ermittler über die Aktivitäten Petersburger Mafiosi informierte.

Ohne den Druck von Litwinenkos Witwe wäre der Untersuchungsbericht des Londoner Richters Robert Owen wahrscheinlich nie zustande gekommen, der im Januar 2016 zum Schluss kam, die Täter hätten Litwinenko «wahrscheinlich» mit dem Segen des damaligen FSB-Chefs Nikolai Patruschew und von Präsident Wladimir Putin selbst vergiftet. Der ehemalige FSB-Offizier Andrei Lugowoi, der von der britischen Justiz als Mörder Litwinenkos verdächtigt wird, sitzt heute als Abgeordneter im russischen Parlament, im Ausschuss für Sicherheit und Korruptionsbekämpfung. Dem Sender Echo Moskaus sagte er am Dienstag, Sergei Skripal habe für Russland «keinerlei Bedrohung dargestellt».

Johnson droht mit WM-Boykott

Litwinenko ist nur der bekannteste Fall. Im Juni 2017 veröffentlichte das Internetportal Buzzfeed einen Bericht, wonach in den vergangenen Jahren 14 Menschen in Grossbritannien auf mysteriöse Weise zu Tode kamen. Unter Berufung auf Gespräche mit Verantwortlichen in Polizei und Geheimdiensten der USA und Grossbritanniens kommen die Autoren zum Schluss, dass auch in diesen Fällen Spuren nach Moskau führen. Um die Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht weiter zu belasten, sei diesen Spuren nicht weiter nachgegangen worden. Viele russische Superreiche haben ihr Vermögen in Grossbritannien in Sicherheit gebracht, was zum Boom der britischen Finanzmärkte beigetragen hat. Aussenminister Boris Johnson erwog am Dienstag einen Boykott der Fussball-WM in Russland, sollte sich der Verdacht erhärten, dass Moskau hinter dem Anschlag auf Skripal steht.
Julian Hans, Moskau

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