Der geniale Kriminalist und «letzte Gefangene der RAF» ist tot

Er war der Chef des deutschen Bundeskriminalamtes und ein Prometheus der Polizei. Nun ist Horst Herold mit 95 Jahren gestorben.

Der Prometheus der deutschen Polizei: Horst Herold im Juli 1974.

Der Prometheus der deutschen Polizei: Horst Herold im Juli 1974. Bild: Heinz Wieseler/dpa/Keystone

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Google könnte auch Herold heissen. Horst Herold nämlich hat ein System wie Google erfunden, lang bevor es Google gab. Herold war wohl der genialste Polizist, den Deutschland je hatte. Er war der Prometheus der deutschen Polizei: Er brachte ihr den Computer. Aber er war, angeblich, computerwahnsinnig: Er erkannte die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung viel zu früh, schon zu einem Zeitpunkt, als die Jungunternehmer, die später dann mit der Informatik Millionen und Milliarden verdienten, noch nicht einmal geboren waren. Damals hatte das Wort Computer in den Ohren der meisten Leute noch einen Klang wie «Doktor Mabuse».

Dreissig Jahre bevor Google auf dem Markt war, hatte er sein Computer-Such-System für die Polizei schon installiert. Es hiess Inpol. Dort fasste Horst Herold, Präsident des deutschen Bundeskriminalamts seit 1971, alle im Staatsgebiet anfallenden kriminalpolizeilichen Erkenntnisse zusammen: So gelang ihm 1972 die Verhaftung von Ulrike Meinhof und Andreas Baader, so zerschlug er die Kerntruppe der ersten Generation der RAF, so klärte er die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz, so konnte er nach der Ermordung seines Freundes, des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, die Täter fassen.

Herold, gelernter Staatsanwalt und Ex-Polizeipräsident von Nürnberg, war ein unglaublich erfolgreicher Kriminalist. Er machte aus dem Bundeskriminalamt, das zuvor eine Kriminalklitsche war, eine High-Tech-Behörde, eine Bundeskriminalakademie, eine weltweit anerkannte kriminalistische Universität mit Fakultäten für Terrorismusanalyse, Spurensicherung und Sachbeweise. Hier entwickelte er seine Methoden zur rechnergestützten Spracherkennung und Auswertung von Handschriften. Was damals bei ihm «Sozialkybernetik» hiess und vielen suspekt erschien, heisst heute «Profiling» und ist für erfolgreiche Fahndung unverzichtbar. Im Bundeskriminalamt zu Wiesbaden war Herold der Feldherr der deutschen Regierung im Kampf gegen die RAF. Mit seiner ausgeklügelten Rasterfahndung und einem klaren Fahndungskonzept war er 1977 den terroristischen Entführern des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer nah auf der Spur.

Sofort nach der Entführung in Köln ordnete Herold eine Ringfahndung an, 20 Kilometer um die Stätte des Verbrechens herum. Im Halbkreis zwischen dem westlichen Rheinufer und der Fahndungsgrenze liess er jedes Hochhaus nach verdächtigen Mietern ausforschen. Lastwagen schafften die damals ungetüm grossen Geräte für die Datenverarbeitung heran. 15 Computer liess er mit dem von ihm entwickelten Fahndungssystem mit 70'000 Hinweisen füttern. Ein Polizeibeamter überprüfte die Bewohner eines Mietshauses in Erfstadt/Liblar, 19 Kilometer vom Tatort entfernt. Der Vermieter machte diesen auf eine gewisse Annerose Lottmann- Bücklers aufmerksam: Sie habe bei der Anmietung 600 Mark bar bezahlt, in der Handtasche habe sich noch ein ganzes Bündel Geldscheine gefunden. Über die Mieterin Lottmann-Bücklers waren in Herolds Computern bereits umfangreiche Erkenntnisse gespeichert.

Die Daten aus Erfstadt/Liblar wurden abgeglichen – und es glückte das Unglaubliche: Schleyer wurde in einem Überraschungsangriff aus dem «Volksgefängnis» im Mietshaus am Renngraben 8 befreit, zwei Terroristen an Ort und Stelle, ein Dutzend weitere in den nächsten Tagen verhaftet. Herold wurde zum Volkshelden und im Triumphzug durch Bonn gefahren, Kanzler Helmut Schmidt heftete ihm den höchsten Orden der Republik an die Brust. Das von ihm entwickelte Fahndungssystem wurde weltweit zum Vorbild. Herold war nicht nur berühmt, sondern wurde unglaublich populär, aus dem Computer-Kommissar wurde der erste Schutzmann des Landes. Und als 1979 Bundespräsident Walter Scheel auf eine zweite Amtszeit verzichtete, wurde er von allen Parteien gebeten, sich als erster Mann des Staates, als Bundespräsident zur Verfügung zu stellen.

Doch aus Herold wurde kein Volksheld

Aber es kam in Wahrheit ganz anders als im vorigen Absatz geschildert. Der fünfte Absatz dieses Artikels ist Fiktion: So hätte es sein können, so war es aber nicht. Bundespräsident wurde 1979 Karl Carstens von der CDU – und Horst Herold wurde, nach heftigen Anfeindungen, mit knapp 58 Jahren für «dienstunfähig» erklärt und in den Ruhestand geschickt. Denn die entscheidenden Daten aus Erfstadt/Liblar wurden damals nicht in den Computer eingegeben, das Fernschreiben mit dem Hinweis auf die verdächtige Mieterin war irgendwo verloren gegangen; die perfekt ausgeklügelte kriminalistische Technik des Horst Herold an menschlichem Versagen gescheitert. Schleyer wurde nicht befreit, sondern 43 Tage nach der Entführung erschossen im Kofferraum eines in Mühlhausen/Frankreich abgestellten Autos gefunden. Herolds Fahndungsmethoden gerieten in Misskredit, der Mann selber auch. Er hatte keinen politischen Kredit mehr. Die Kritik an seinen angeblich Orwell'schen Methoden schlug über ihm zusammen. Aus Herold wurde kein Volksheld, sondern ein wegen «Dienstunfähigkeit» vorzeitig in Ruhestand geschickter Beamter und der, wie er später selbst zartbitter formulierte, «letzte Gefangene der RAF».

Herold verbunkerte sich bis kurz vor seinem Tod

Wo sollte er hin? Er war der gefährdetste Mann der Republik. Wo war er einigermassen sicher? Der Staat wies dem ausser Dienst gestellten deutschen Chef-Polizisten ein Grundstücklein in der Ecke der Grenzschutz-Kaserne von Rosenheim zu. Nirgendwo anders wollte er seinen ausser Dienst gestellten Diener bewachen – nicht im Herold'schen Privathaus in Nürnberg, auch nicht in einer staatlichen Dienstwohnung. Der Staat hat sich die schützende «Lehmgrube», wie Herold das Areal in der Ecke der Kaserne nannte, teuer abkaufen lassen. Herold verkaufte sein Privathaus, um sich vom Erlös in aller Eile ein Fertighaus in der Lehmgrube bauen zu lassen. Der BKA-Präsident Herold war der Ministerialbürokratie zu mächtig gewesen. Jetzt liess die Bürokratie den Pensionär Herold ihre Macht spüren. Aber was blieb dem Mann anderes übrig? In dem Haus in der Kaserne lebte er dreissig Jahre lang, zuletzt weniger aus Gefährdungs- als aus Gewohnheitsgründen.

Hier verbunkerte sich der Mann zusammen mit seiner Frau vor den Anschlägen der RAF, jahrzehntelang, hier versteckte er sich vor der Öffentlichkeit, hier wehrte er Interviewer und Dokumentarfilmer ab, hier war er aber auch, wenn es seinen Freunden gelang, die Mauern zu überwinden, ein liebenswürdiger Gastgeber; hier sass ihm in schlaflosen Nächten der tote Hanns Martin Schleyer auf der Brust, hier war er mit sich, seiner Frau, den Soldaten der Kaserne und seinen Erinnerungen allein. Jeder Blick aus den Wohnhzimmerfenstern war wie ein Blick in die Vergangenheit: er sah die Erdwälle aufgeschüttet, zum Schutz vor Angriffen, und er wusste, warum er da war, wo er war. Er sah sich aus dem Amt gejagt wie ein Hund, glaubte, seine Ehre verloren zu haben und versuchte verbissen und akribisch, sie in Prozessen gegen Falschzitierer, Professoren, Publizisten und Politiker zurückzugewinnen, gegen die, die ihn als datensüchtig, als Mischung aus Big Brother und Daten-Dracula darstellten. Viele, viele Prozesse hat er geführt, fast alle erfolgreich. Vielleicht halfen ihm die Prozesse, nicht krank oder verrückt zu werden; er wurde nur melancholisch, aber später vertrieb das Internet die Melancholie immer öfter; und staunend genoss er, wie es gedieh. Google war ihm der Beweis, dass seine Ideen keine Spinnereien gewesen waren: Exakt so hatte er sein polizeiliches Intranet geplant.

Der Mann sei süchtig, hatte es in den siebziger, achtziger Jahren geheissen: Er saufe Informationen wie ein Alkoholiker seinen Fusel. Das war die Krankheit, die man damals Jahren bei ihm diagnostiziert und wegen der man ihn 1981 für dienstunfähig erklärte. Es war eine furchtbare und folgenschwere Fehldiagnose. Herold war nicht süchtig, er war auch nicht berauscht, er war aber wohl zu oft zu euphorisch, der Zeit zu weit voraus. Er war ein kriminalistisches Genie, ein Visionär – und einer, der sich in den zu verfolgenden Gegner hineindachte. «Lösungen dürfen nicht in den Köpfen erfunden, sondern in der Wirklichkeit gefunden werden» – so las er es in den Schriften der Ulrike Meinhof. Herold machte sich diese Sätze zu eigen.

Seine Nachfolger hat er mit öffentlichen Ratschlägen verschont, auch wenn die Erfolglosigkeit der Fahndungen ihn umtrieb – seit 1985 wurde kein RAF-Mord mehr aufgeklärt. Herolds Nach-Nachfolger gestand, man habe die RAF «vom Radarschim verloren». Aber Herold kritisierte nicht, er äusserste sich viele Jahre lang gar nicht, und später nur ganz selten in der Öffentlichkeit – sehr loyal: Seine Nachfolger hätten es eben viel, viel schwieriger als er; die Terroristen hätten gelernt. So viele Geschichten trug dieser Mann mit sich herum, Geschichten, die Tatort-Kommissare wie Langweiler aussehen lassen. Geschichten und Geschichte. Mit Herold hätte man ganze Ringvorlesungen an den Universitäten bestreiten können. Er hätte den Juristen erklärt, wie im Kampf gegen die Terroristen zum erstenmal in der Kriminalgeschichte Täter überführt wurden, ohne dass der Zeugenbeweis eine Rolle spielte – weil das BKA den Beweis aufgrund von Spuren gerichtsfest perfektionierte. Er hätte zusammen mit den Politikwissenschaftlern über die exzessive Repression nachgedacht, mit welcher der Staat in den frühen siebziger Jahren auf die keimende Gewalt reagiert hat.

Was wäre gewesen, wenn der Staat frühzeitig die Weichen anders gestellt hätte? Wenn er Deeskalation nicht erst qualvoll hätte lernen müssen? Vielleicht hätte es dann eine RAF gar nicht gegeben, vielleicht wäre eine Ulrike Meinhof heute sogar Familienministerin. Derlei Gedanken trug Herold mit sich herum. Er war in den dreissig Jahren als Pensionist, die den aktiven dreissig Jahren folgten, ein Kriminalphilosoph geworden, ein freundlich grübelnder Weltverbesserer. Und immer mehr sah er so aus, als sei es ihm doch noch gelungen, halbwegs Frieden zu schliessen mit denen, die seine Gegner waren – mit der RAF einerseits, und mit der Öffentlichkeit von damals andererseits, die ihn zum Gottseibeiuns gemacht hatte. Kurz vor seinem 94. Geburtstag und nach dem Tod seiner Frau, die er jahrelang hingebungsvoll gepflegt hatte, brach Herold aus aus seinem Rosenheimer Gefängnis und zog wieder in seine Heimatstadt Nürnberg. Es war seine Heimkehr.

In seinen späten Rosenheimer Jahren verabredete sich Horst Herold alle paar Monate mit dem früheren Münchner Polizeipräsideneten Manfred Schreiber im Münchner Spatenhaus, links hinten am Tisch in der Nische. Der Autor dieser Zeilen durfte dabei sein bei diesem Mittagskrimi mit Knödeln. Auf der Speisekarte stand gefüllter Kalbsbraten und auf der Tagesordnung die innere Sicherheit. Schreiber trieb bei dieser Gelegenheit seinen Freund Herold mit Fragen und Sticheleien zu kriminalistischen Höhenflügen; er nahm ihn, dann und wann, mit freundschaftlichem Spott auch ein wenig auf den Arm. Dann lachten die beiden wie die Buben. Diesen kleinen Stammtisch der grossen Kriminalisten gibt es nicht mehr. Manfred Schreiber ist schon im Mai 2015 gestorben. Jetzt folgte ihm sein Freund in den Tod. Horst Herold ist am Morgen des 14. Dezember, nach kurzer schwerer Krankheit, wenige Wochen nach seinem 95. Geburtstag in Nürnberg gestorben.

Erstellt: 14.12.2018, 20:25 Uhr

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