Staatskunde des Schreckens

Sollen deutsche Schulen Pflichtexkursionen zu KZ-Gedenkstätten durchführen? Es gibt dümmere Vorhaben. Auch die Tiefpunkte einer Nation gehören zum Lehrplan.

Auschwitz liegt in Polen, gehört aber zu Deutschland wie Goethe, Mercedes, Boris Becker. Foto: Getty

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Wer in Deutschland lebt, sollte einmal im Leben ein KZ von innen gesehen haben. Mit diesem Vorschlag sorgt die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli für Diskussionen. Im Gespräch mit der «Bild am Sonntag» spricht Chebli sich für eine «Pflicht» zum Besuch einer KZ-Gedenkstätte aus. Sie soll für gebürtige Deutsche gelten wie für jene, «die neu zu uns gekommen sind», Chebli erhofft sich von der Massnahme integrative Wirkung. Sie selber ist 1978 in West-Berlin geboren, entstammt einer palästinensischen Familie und ist Muslimin.

Unterstützung erfährt sie vom Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Er hatte schon letztes Jahr KZ-Pflichtbesuche für alle Schüler Deutschlands gefordert, um dem Antisemitismus im Land zu begegnen. In Gedenkstätten, sagte Schuster dem Sender MDR, könne jeder sehen, «wohin die Diskriminierung und Verfolgung einer Minderheit im Extremfall führen» könne. Auch Schuster hatte Zuwanderer besonders im Auge, muslimische Flüchtlinge und deren Kinder. Im April hatte er den Besuch von KZ-Gedenkorten in Integrationskursen angeregt.

Orte des nationalen Versagens

Die Leitmedien sind skeptisch. «Gut gemeint, schlecht gelöst», kommentiert die «Süddeutsche Zeitung» den Vorschlag Cheblis. Das Wort «Verpflichtung» löse bei den meisten doch gesundes Misstrauen aus, provoziere unter Schülern «eher pubertären Widerstand als Empathie». In der Tat hat sich die Leitung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald letztes Jahr gegen Pflichtbesuche ausgesprochen. Die Erfahrung zeige, dass bei freiwilligen Besuchen die Motivation «deutlich höher» sei, sich nachhaltig mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Sehr viele deutsche Schulen führen bereits Exkursionen zu KZ-Gedenkstätten durch.

Andere Kommentatoren stören sich an der Andeutung, Antisemitismus sei in erster Linie ein Importproblem, das sich durch «Flüchtlingserziehung» lösen lasse. Solches Denken ignoriere die einheimische Judenfeindlichkeit. Das mag sein, ändert aber nichts daran, dass die Ablehnung Israels und antijüdische Vorurteile unter muslimischen Zuwanderern besonders stark verbreitet sind, wie erste Studien zeigen. Letzten Monat haben junge Muslime in Berlin israelische Flaggen verbrannt, aus Protest gegen die US-Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt.

Müssen sich Neuankömmlinge «wirklich in gleicher Weise für unsere Geschichte verantwortlich fühlen»?Frage in der FAZ

Sawsan Chebli, die Berliner Politikerin, ist überzeugt, dass man viele dieser Jugendlichen «erreichen und zurückgewinnen» kann. Doch wird das in der KZ-Gedenkstätte gelingen, werden Betroffenheit und Täteridentifikation aufkommen? Und überhaupt: Müssen sich Neuankömmlinge «wirklich in gleicher Weise für unsere Geschichte verantwortlich fühlen wie wir», fragt die sonst stets für Leitkultur eintretende «Frankfurter Allgemeine Zeitung»? Offenbar soll die Aufarbeitung der Naziverbrechen nicht alle Bewohner Deutschlands gleich viel angehen.

Doch das ist verkehrt. Auschwitz, Dachau und Buchenwald gehören genauso zu Deutschland wie Goethe, Mercedes und Boris Becker. Nur der rechtsnationale Rand ist heute wirklich der Ansicht, über Schuld und Schande des Zweiten Weltkriegs sei nun genug geredet worden.

Sicher, je mehr Zeitzeugen sterben, je ferner die Geschichte rückt, desto zahlreicher werden solche Stimmen. Doch noch gilt, was der Autor Navid Kermani unter dem Titel «Auschwitz morgen» formuliert hat: «Wer sich in Deutschland einbürgern lässt, wird auch die Last tragen müssen, Deutscher zu sein.» Wer bei der Nation mitmacht, muss auch ihre Schuld mittragen.

Tiefpunkte der Nation vermitteln

Dieser Gedanke sollte sich auch ausserhalb Deutschlands durchsetzen. Einbürgerungswillige und Schüler, also angehende Staatsbürger, sollten neben den Lichtgestalten und Heldentaten der Heimat auch die Tiefpunkte der Nation vermittelt bekommen. Schulreisen an Orte des Versagens wären genauso wichtig wie patriotische Erbauung. Neben Tellsplatte und Swissminiatur kann es also auch einmal zu einem Schweizer Grenzposten gehen, an dem im Zweiten Weltkrieg jüdische Flüchtlinge abgewiesen wurden. Oder in einen Tresorraum unterm Zürcher Paradeplatz.

Das hat mit Masochismus nichts zu tun, sondern mit Staatskunde. Und wenn das zu viele nicht mehr einsehen, verträgt es ein Obligatorium.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 18:54 Uhr

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