Alles auf Anfang

Ausser Alexis Tsipras scheint in Griechenland keiner mehr an einen Sieg der Linken zu glauben. Bei der Wahl am Sonntag könnten die Konservativen gewinnen – ausgerechnet.

«Sie werden uns nicht so schnell los»: Alexis Tsipras bei einem Wahlkampfauftritt in Thessaloniki. Fotos: K. Tsakalidis (AFP), NurPhoto, Bloomberg

«Sie werden uns nicht so schnell los»: Alexis Tsipras bei einem Wahlkampfauftritt in Thessaloniki. Fotos: K. Tsakalidis (AFP), NurPhoto, Bloomberg

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Es gibt diese eine Geschichte, sie handelt vom Zusammenstoss zweier Galaxien. Ein griechischer Reeder hatte den linken Ministerpräsidenten Alexis Tsipras mit Begleitung zum Essen eingeladen, es sollte Hummer geben. Der Koch sagte, zu dieser Jahreszeit könne er aber keinen frischen Hummer bieten. Da sagte der Reeder zum Koch: Nimm gefrorenen, die merken den Unterschied sowieso nicht.

Erzählt man diese Anekdote Rena Dourou, der Gouverneurin von Attika, lacht sie laut und kehlig. «Das ist doch erbärmlich», sagt sie. «Ich habe auch immer lieber Chardonnay getrunken als billigen Retsina, obwohl ich eine Linke bin, die Tochter eines Polizisten und einer Hausfrau.»

Rena Dourou ist die prominenteste Politikerin der Linkspartei Syriza, nach Tsipras. Sie ist eigentlich schon abgewählt, was dem Premier erst bei der Parlamentswahl am Sonntag bevorstehen dürfte. Dourou, 44, gross, blond, schlank, war fünf Jahre lang Präfektin von Attika, der grössten Region des Landes. Fast die Hälfte der Griechen lebt hier, Dourou bekam bei ihrer ersten Wahl 50,8 Prozent. Rekord. Präfektin von Attika, das ist eine Art kleiner Regierungschef. Sie war die erste Frau in diesem Amt, und das erste Mitglied von Syriza.


«Ich habe meine Wahlniederlage noch nicht analysiert.»
Rena Dourou

Anfang Juni hat Dourou dann die Kommunalwahl verloren, aber sie sitzt noch immer in ihrem Büro, das so geräumig ist, dass man darin Tennis spielen könnte, an einer Wand hängt ein Basketballkorb. Schaut sie aus dem Panoramafenster, sieht sie die Akropolis, die im Licht des Nachmittags golden leuchtet. Weil das griechische Kommunalwahlrecht den Abgewählten eine Art Gnadenfrist gewährt, muss Rena Dourou erst von September an auf diesen Ausblick verzichten. Die Weite des Meeres sei ihr ohnehin lieber als die enge Stadt, sagt sie. «Aber ich bin nicht in den Ferien, ich arbeite noch.»

Wenn man also wissen will, warum ausnahmslos alle Umfragen der Tsipras-Regierung am Sonntag eine Niederlage vorhersagen, könnte Dourou vielleicht ein paar Antworten geben. «Ich habe das noch nicht analysiert», sagt sie über ihre eigene verlorene Wahl.

Ein Sozialist auf der Jacht

Vielleicht hatten viele Griechen einfach andere Erwartungen an eine linke Partei, die sich offiziell «Koalition der radikalen Linken» nennt, als sie ihr im Januar 2015 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise zu einem bemerkenswerten Aufstieg verhalfen? «Wutfänger» hiess Tsipras damals, weil er versprach, er werde die Spardiktate der EU «zerreissen». Womöglich haben viele gedacht, dass sich dieser Premier eben nicht gemein macht mit den Reichen im Land. Mit den Reedern etwa, die laut Verfassung keine Steuern zahlen, sondern nur einen «freiwilligen Beitrag» zum Staatsbudget. Erst vor kurzem tauchten Fotos von Tsipras auf, da sass er entspannt auf der Jacht einer Schiffseignerfamilie.

«Ist einer korrupt, nur weil er auf so ein Boot steigt?», fragt Dourou. Das müsste doch auch für alle rechten Politiker gelten, die sich auf Jachten einladen lassen. «Ich bin in die Politik gegangen, um Schluss zu machen mit diesen Klassenkämpfen.»

Evangelos Mytilineos hat auch einen schönen Ausblick. Es wirkt, als sei der Parthenon von seiner Terrasse aus fast auf Augenhöhe, höher geht nicht, schliesslich gilt es als Hybris, sich über den Göttertempel zu erheben. Der Unternehmer ist einer der ganz grossen im Energie- und Aluminiumgeschäft in Griechenland, er macht auch gute Umsätze im Ausland, die Gewinne sind zuletzt wieder stark gewachsen. Von der Terrasse aus, auf der er seinen Drink nimmt, wirkt die chaotische griechische Hauptstadt auf einmal sehr übersichtlich. «Tsipras wird verlieren», sagt Mytilineos, «aber wir sollten ihn nicht verdammen.» Der Linkspremier sei ein «tough guy», einer, der hart austeilen kann. Und hart einstecken.


«Yanis Varoufakis hätte das Schiff beinahe auf den Felsen gesetzt.»
Source

Evangelos Mytilineos ist 64 Jahre alt, Unternehmer in dritter Generation, er klingt, als habe er eine Schwäche für den 20 Jahre jüngeren Ministerpräsidenten. Man habe oft miteinander gesprochen, sagt er. Tsipras habe zugehört. Leider habe der Regierungschef aber auch auf andere gehört, sagt Mytilineos, zum Beispiel auf Yanis Varoufakis, der fünfeinhalb Monate lang Finanzminister war, vom 27. Januar bis zum 6. Juli 2015. «Ein totales Desaster. Der hätte das Schiff beinahe auf den Felsen gesetzt.» Die Aktien im Keller, die Europäer zum Feind, Panik. So war das damals. Mytilineos ist studierter Ökonom, er hebt die Hände Richtung Himmel, als wolle er den Göttern danken dafür, dass Tsipras Varoufakis wieder losgeworden ist.

Das war nach dem Referendum im Juli 2015, in dem Alexis Tsipras die Griechen entscheiden liess, ob sie die europäischen Sparauflagen mittragen oder doch lieber den Euro verlassen wollen. Letzteres stand so nicht auf dem Stimmzettel, aber darum ging es. 61 Prozent sagten Nein zu dem Sparpaket, die Wahlbeteiligung lag bei 62 Prozent. Ein klares Votum. «Varoufakis dachte danach, jetzt geht es zurück zur Drachme», sagt Mytilineos. Tsipras trennte sich am Morgen nach dem Referendum von seinem glamourösen Finanzminister, der zuvor alle mit der Botschaft überrascht hatte: «Wir brauchen kein Geld, wir wollen keine neuen Kredite.»

Dabei waren die Kassen in Athen leer. Am Anfang der Tsipras-Regierung gab es nicht mal genug Geld, um die Beamten für einen Monat zu bezahlen, erzählen Leute, die dabei waren.

Wieder ein Mann aus einer griechischen Politikerdynastie

Während Varoufakis also von der griechischen Bühne verschwand, vorläufig zumindest, machte Tsipras nach der Volksbefragung eine «kolotumba», einen Purzelbaum, wie die Griechen das nennen, wenn einer genau das Gegenteil von dem tut, was er versprochen hat. Er erfüllte die Forderungen der Kreditgeber. «Bis zum letzten Komma», sagt Mytilineos, es klingt anerkennend. Aber der Preis dafür, sagt der Unternehmer, war hoch. Die Kreditgeber verlangten, dass Athen einen Haushaltsüberschuss – ohne Schuldendienst – von 3,5 Prozent aufbringen muss, bis 2022, danach sind es zwei Prozent. Eine Art Bestrafung sei dies gewesen für die verlorenen Monate davor, die Varoufakis-Zeit, «damit die Griechen auf Kurs bleiben».

Wird Tsipras verlieren, weil er sich mit den falschen Leuten umgab? «Alle Premierminister der Krise seit 2009 haben verloren», sagt Mytilineos. Nichts zu machen.

Vor Alexis Tsipras hat in Griechenland die konservative Nea Dimokratia, die ND, regiert, abwechselnd mit den Sozialisten, zuletzt sogar in einer Koalition. Beide Parteien sind mitverantwortlich für die Krise, sie haben zu viele Schulden gemacht, zu viele Beamte beschäftigt in einer labyrinthischen Verwaltung. Die Pasok-Sozialisten haben dafür bezahlt, ihre Partei ist nicht mehr existent. Die Konservativen aber sind zurück, ihr neuer Chef ist 51, jünger als die alte, einflussreiche Garde der Partei, und er hat einen klingenden Namen. Kyriakos Mitsotakis ist der Sohn des früheren Ministerpräsidenten Konstantinos Mitsotakis. Wieder ein Mann aus einer griechischen Politikerdynastie.

Mitsotakis hofft auf eine absolute Mehrheit, und er will, wenn er am Sonntag gewinnt, die Steuern wieder senken. Die Europäer will er überreden, die 3,5-Prozent-Schwelle zu schleifen, andernfalls hätte er kaum Spielraum für sein Programm. Und wer weiss, was er noch alles ändern will. Die Politikerin Rena Dourou hat es so gesagt: «Syriza wird wiederkommen.» Davor werde die Partei im Parlament eine harte Opposition machen. Sie rechnet auch mit einer Niederlage am Sonntag.

Die Hoffnung lebt

Nur Alexis Tsipras glaubt offenbar noch, dass es anders ausgehen kann. Vor wenigen Tagen trat er in Drapetsona auf, einer der ärmsten Ecken von Piräus, nah am Hafen, wo Fabriken stehen, die schon lange geschlossen sind. Nun haben sie dort einen Park. Er gab wieder den Rebellen, im offenen weissen Hemd, mit gereckter Faust im milden Abendlicht. «Sie werden die Linke nicht so leicht los», sagte er, «wir, ihr alle, haben das Land von den Kreditgebern befreit.» Im vergangenen August hat Griechenland das Hilfsprogramm verlassen. Es waren etwa tausend Leute bei der Kundgebung in Drapetsona, sie jubelten.

Es gibt Leute, die Syriza nahestehen und glauben, dass der Premier in letzter Zeit zu abgeschottet war. Von Dourou, der Gouverneurin, sagen sie das auch. Die internen Kritiker verbergen ihre Enttäuschung nicht. Zum Beispiel darüber, dass eine lange Liste, auf der mehr als 2000 Namen mutmasslicher griechischer Steuerhinterzieher mit Konten bei einer Schweizer Privatbank standen, von der Tsipras-Regierung genauso wenig abgearbeitet wurde wie von ihren Vorgängern, und zwar seit 2010. Als das grosse Feuer vor einem Jahr im Küstenort Mati wütete und 100 Menschen in den Flammen und im Meer starben, zeigte sich die ganze Hilflosigkeit einer schlecht organisierten Verwaltung. Rena Dourou ist deshalb angeklagt, wegen fahrlässiger Tötung. «Zu Unrecht», sagt sie. «Wenn es brennt, ruft man doch die Feuerwehr», nicht die Gouverneurin. Dass die Feuerwehrleute aber kein Wasser in Mati fanden, und die Menschen keinen Weg zum Strand – wer ist dafür zuständig?

«Man kann ja vieles über uns behaupten, aber wir waren nicht korrupt.»Rena Dourou

Direkt hinter dem Parlament liegt das Megaro Maximou, das Premieramt. Als Alexis Tsipras dort zum ersten Mal durch die weissen Marmorsäulen trat, im Januar 2015, fehlte der Vorgänger. Es ist Tradition, dass der scheidende Premier dem neuen das Haus übergibt. Aber Antonis Samaras, der abgewählte Regierungschef der ND, wollte nicht. Er war einfach nicht da. Später erzählten Tsipras’ Begleiter, sie hätten im Amt nicht einmal Seife und Toilettenpapier vorgefunden. Das war lustig, weil eine konservative Politikerin den Griechen zuvor geraten hatte, für den Fall eines Syriza-Sieges Klopapier zu bunkern.

«Man kann ja vieles über uns behaupten, aber wir waren nicht korrupt», sagte Dourou. Das hatte, so ähnlich, auch Evangelos Mytilineos gesagt. Nein, von Korruption wisse er nichts. «Ich bin niemals von jemandem aus der Regierung nach Geld gefragt worden.»

Erstellt: 06.07.2019, 20:44 Uhr

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