Strache hätte nur googeln müssen

Dass ausgerechnet eine geheimnisvolle «Nichte eines russischen Oligarchen» Österreichs Vizekanzler in die Falle lockte, erbost Moskau.

Sie wurden heimlich gefilmt: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache (Mitte), seine rechte Hand Johann Gudenus und dessen Frau in einer Villa auf Ibiza. Video: SZ

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Mit brüchiger Stimme erklärte Heinz-Christian Strache am Wochenende seinen Rücktritt als Vizekanzler, dabei hätte er sich den Skandal mit einer einfachen Suchabfrage im Internet ersparen können. Denn diese ergibt zwei Sachen: Es gibt zwei Tennisspielerinnen mit dem Namen Makarowa, und der angeblich schwerreiche Onkel der Frau, die Strache auf Ibiza Geld angeboten hatte, hat keine Geschwister.

«Es ist allgemein bekannt, dass ich das einzige Kind der Familie war», sagt der Milliardär Igor Makarow. «Folglich habe ich auch keine Nichte.» Und er kenne auch sonst keine Frau dieses Namens.


FPÖ-Chef Strache gibt seinen Rücktritt bekannt. Video: ORF

Das offizielle Russland gibt sich ebenfalls unbeteiligt. Der Skandal um das Video, das von der «Süddeutschen Zeitung» und dem «Spiegel» veröffentlicht worden war, sei eine innere Angelegenheit Österreichs, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. «Das hat nichts mit Russland zu tun, nicht mit dem Präsidenten, nicht mit der Regierung. Wir wissen nicht, wer diese Frau ist, diese Geschichte hat keinerlei Beziehung zu uns.»

Kreml ist begeistert, aber nicht spendabel

Strache selber sprach bei seinem Rücktritt nicht von einer Russin, sondern von einer Lettin. Doch das Stichwort «russischer Oligarch» hatte dem damaligen Vizekanzler offenbar gereicht. Er sei schon oft in Moskau gewesen, erzählte er redselig. Und er habe dort auch gute Freunde: «Alles gute Typen, die haben Kohle ohne Ende.» Daraus folgerte Strache offenbar – wie viele andere europäische Populisten auch –, dass diese reichen Russen ihr Geld am liebsten für seine politischen Abenteuer ausgeben.

Dabei betonen Experten, dass der Kreml zwar begeistert sei von den populistischen Parteien, aber keineswegs besonders spendabel. Natürlich unterstütze der Kreml rechte und linke Extremisten und Demagogen enthusiastisch, sagt der Osteuropa-Professor Mark Galeotti, doch oft mehr durch Medienhypes und politischen Sukkurs als durch Geld. Die Ibiza-Affäre zeige vielmehr, dass «in Europa und Amerika die wirkliche Gefahr von einer politischen und wirtschaftlichen Elite ausgeht, die oft von Gier getrieben wird, öffentliche Ämter als Mittel der persönlichen Bereicherung betrachtet und glaubt, sie stehe über dem Gesetz».

Von «internationalen Intrigen» gegen Russland ist die Rede.

Strache sei vermutlich von westlichen Geheimdiensten ganz gezielt in die Falle gelockt worden, heisst es in Russland. Dass dabei die Hauptrolle an eine angebliche reiche Russin ging, stösst jedoch auf Kritik. Von endlosen «internationalen Intrigen» gegen Russland ist die Rede, von einer Attacke auf eine «Annäherung Österreichs an Russland». Es sei typisch, dass die Europäer jedes Mal auf eine «russische Spur» verweisen, wenn die Populisten erstarken, welche man selber geschaffen habe.

Der russische Politberater Oleg Bondarenko bezeichnet das Video als «direkte Einmischung in österreichische Angelegenheiten», ein Vorwurf, den die USA Russland im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl machen. «Wie in Amerika ist der russische Faktor auch in Europa längst zu einem Instrument des inneren Kampfes um Geld und Macht geworden», kommentiert Timofei Bordatschjow, der Direktor des aussenpolitisch wichtigen Thinktanks Club Valdai. Doch die traditionellen Eliten in Europa hätten «nicht die Ressourcen, um die Zukunft zu gewinnen».

Van der Bellen lädt Putin ein

Klar ist für Moskau auch, dass das Video nicht nur der österreichischen Regierung, sondern auch der eigenen Politik schadet. Der Kreml habe auf Unterstützung aus Wien im Umgang mit der EU gehofft, schreiben russische Medien. Aussenminister Sergei Lawrow lobte Österreich mehrmals als «ehrlichen Makler». Auch die persönlichen Beziehungen nach Wien waren hervorragend, keineswegs nur zu Strache: Aussenministerin Karin Kneissl hatte Putin zu ihrer Hochzeit eingeladen und nach dem Tanz sogar vor ihm geknickst.

Allerdings hat Moskau so oder so keinen antirussischen Kurs zu befürchten. Beim Besuch von Alexander Van der Bellen Mitte letzter Woche im russischen Sotschi war die Stimmung bestens. Der grüne Bundespräsident bezeichnete die Beziehungen zu Russland als traditionell gut, ja als «ausgezeichnet». Vor allem wirtschaftlich arbeite man sehr eng zusammen. Die Krise in der Ukraine habe die Beziehungen zwischen der EU und Moskau «irritiert», sagte er, doch die Sanktionen schadeten beiden Seiten. Putin war sichtlich zufrieden mit seinem österreichischen Amtskollegen und bedankte sich auf Deutsch bei Van der Bellen für dessen persönliche Einladung an die Salzburger Festspiele.


Kanzler Sebastian Kurz kündigt Neuwahlen an. Video: Heute.at

Erstellt: 21.05.2019, 20:59 Uhr

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