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Tage des Zorns

Nach Boris Johnson krachendem Wahlsieg wäre es an der Zeit, dass die vielen Journalisten und Experten, die sich so oft geirrt haben, sich einmal ­selber infrage stellten.

Was für ein Triumph: Man hat Boris Johnson tausendfach abgeschrieben und auf den Misthaufen der Geschichte geworfen. Und doch hat er sich durchgesetzt.
Was für ein Triumph: Man hat Boris Johnson tausendfach abgeschrieben und auf den Misthaufen der Geschichte geworfen. Und doch hat er sich durchgesetzt.

Noch vor einem Jahr schien Boris Johnson am Ende, als Hinterbänkler sass er im Parlament, hatte nichts mehr zu sagen und zu melden, seine politische Zukunft galt als Geschichte, bevor sie vergangen war. Das Einzige, was ihm auf sicher blieb, war der Spott: Der Mann, der ­unbedingt Premierminister werden wollte, würde nur deshalb je wissen, wie es sich anfühlte, Premierminister zu sein, weil er ein Buch über Churchill, den Premierminister, geschrieben hatte. Eine Art Gebrauchsanleitung, wie man an die Macht kommt, für einen, der sie nie gebrauchen kann. Bloss ein Jahr später, am letzten Donnerstag, hat der gleiche Johnson eine der grössten absoluten Mehrheiten der britischen Geschichte errungen und zieht unan-­gefochten für fünf Jahre in die Downing Street ein, den Amtssitz des Regierungschefs. Johnson hat alles gewagt und alles gewonnen. Nie war er mächtiger.

Was für ein Triumph: Man hat diesen Mann tausendfach abgeschrieben und auf den Misthaufen der Geschichte geworfen. Man hat gesagt, er würde nie Chef der Konservativen – und er wurde es. Man hat geschrieben, er bringe es nie fertig, die EU zu einem neuen Abkommen zu bewegen – und er schaffte es. Man war sich sicher, dass er nie vorgezogene Wahlen bekommen würde – und doch erhielt er sie. Man spekulierte, gab zu Bedenken und legte jeden Tag eine noch furchterregendere Meinungsumfrage vor, bis es allen klar schien, dass er nie gewinnen könnte – und er entschied die Wahlen in einer Deutlichkeit für sich, wie dies das letzte Mal nur Margaret Thatcher geglückt war. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die vielen Journalisten und Experten, die sich so oft geirrt haben, sich einmal ­selber infrage stellten. Es wird nicht geschehen. Wer das erwartet, hat nicht verstanden, was es heute heisst, ein ­Intellektueller zu sein. Nie richtigliegen, immer recht ­haben: Stattdessen warnen sie schon wieder – Johnson werde es keinesfalls zustande bringen, in bloss einem Jahr einen Freihandelsvertrag mit der EU auszuhandeln, heisst es nun. Wir werden sehen.

«Ob Johnson eitel ist, ob er zu viele Frauen liebt, ob er die Details des vierten Gesetzesentwurfs, Paragraf 48, alle kennt: Das kümmerte niemanden.»

Johnson ist ein Naturtalent. Selten hat man in Europa in den letzten Jahren einen erstaunlicheren Durchbruch erlebt. Wer seinen Wahlkampf studiert, kann etwas lernen: Johnson hat eine einzige Botschaft formuliert: «Get Brexit done» – endlich den Brexit erledigen –, und diese hat er unablässig wiederholt, bis selbst sein Hund sie begriff. Keine Gelegenheit liess er aus, sie zu verbreiten, noch seine erste Rede nach dem Sieg hat er dazu benutzt. Statt sich mit nichtssagenden Floskeln zu bedanken und selber zu feiern, kam er gleich zur Sache, seinem Anliegen, dem Brexit, um den Druck aufrechtzuerhalten – auf das Parlament, auf die EU, auf die Bedenkenträger in der Diplomatie – und machte seinen Anhängern damit klar, dass er nicht ruht, bis vollzogen ist, was er versprochen hatte – und was so viele Briten zu den Konservativen gezogen hat. Er ist ein durch und durch politischer Mensch – viel politischer als seine Kritiker, die sich lieber obsessiv mit seiner Person befassen als mit der Zukunft des Landes, wozu ihnen nichts einfällt.

Aber darum ging es den Menschen im Land – allein darum. Ob Johnson eitel ist, ob er zu viele Frauen liebt, ob er die Details des vierten Gesetzesentwurfs, Paragraf 48, alle kennt: Das kümmerte niemanden. Dem Politiker, der an die besten Schulen des Landes gegangen ist, einem Dandy, einem Mann der Oberklasse, der trotzdem so reden kann, dass ihn in jedem Pub alle verstehen: Diesem Politiker vertrauten die Wähler mehr als dessen Gegner, dem altmarxistischen und antisemitischen Jeremy Corbyn, der zwar so tat, als kümmerte er sich um die einfachen Leute, aber darunter bloss verstand, ihnen Almosen zuzuwerfen und sozialistische Rezepte aufzutischen, die noch überall missraten sind. Corbyn nahm die eigenen Wähler nicht ernst. Besonders in jener Frage, die die Wahl entschied: dem Brexit. Nichts hat Labour mehr geschadet als die Tatsache, dass ihr Leader nun auch ein zweites ­Referendum angestrebt hatte.

Get Brexit done: Johnson drückte aus, wonach die meisten sich sehnten, selbst wenn sie seinerzeit gegen den Brexit gestimmt hatten. Drei Jahre lang wurde der Volksentscheid verschleppt. «Natürlich können Sie die ­Demokratie ignorieren», sagte Ian Lavery, ein Labour-Führer, der nur knapp wiedergewählt worden war, «aber Sie zahlen dafür einen Preis.» Labour hat Wahlkreise verloren, die es seit 1918 ununterbrochen gehalten hatte. Tage des Zorns. Am 12. Dezember 2019 hat das britische Volk die Demokratie wiederhergestellt.

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