Theater der Stärke

Das Treffen der G-20 in Hamburg hat gezeigt: Die Polit-Show spielt heute nach neuen, globalen Regeln.

Trump habe das Treffen in eine «nationalistische Machoshow» verwandelt, schreibt der Spiegel. Foto: Olivier Douliery

Trump habe das Treffen in eine «nationalistische Machoshow» verwandelt, schreibt der Spiegel. Foto: Olivier Douliery

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Die Mächtigen der Welt haben sich zum G-20-Gipfel getroffen. Durchgesetzt hätten sich dabei die Gegner des amerikanischen Präsidenten, notierte die «Süddeutsche Zeitung». Ihnen sei es gelungen, den Prinzipien des Freihandels Nachdruck zu verleihen. Im Gegenteil, schrieb der «Spiegel». Trump habe das Treffen in eine «nationalistische Machoshow» verwandelt und dabei das bekommen, was er wollte. In den sozialen Medien geht hingegen vor allem Putin als Sieger vom Platz, schliesslich habe das Pokerface aus dem Kreml den Narzissten vom Weissen Haus eingeseift und über den Tisch gezogen.

Es ist wie im Theater: Alle haben dasselbe Stück gesehen, und doch herrscht keine Einigkeit über die Qualität der Aufführung.

Etwas hat der G-20-Gipfel in Hamburg jedoch klar gezeigt: Die Show spielt heute nach neuen, globalen Regeln. Lange Zeit bewegte sich die Politik vornehmlich im nationalen Rahmen. Dies gilt nicht nur für die einst nationalstaatlich ausgerichteten Wohlfahrtsstaaten, es gilt auch für die öffentliche Darstellung von Politik. Diese fand vor nicht allzu langer Zeit primär auf nationalen Bühnen mit jeweils eigenen Traditionen der Inszenierung statt.

Plötzlich diese Rüpel überall

In Lateinamerika zum Beispiel dominierte die politische Inszenierung des Caudillismo, geprägt von autoritär-charismatischen Herrschern mit revolutionärer Geste. Die in West- und Nordeuropa verbreitete spröde Intellektualität liess dagegen vornehm zurückhaltende Staatenlenker gedeihen wie Helmut Schmidt oder François Mitterrand. Breitbeinige Machoshows galten hier als vulgär. Es zählte, das argumentative Florett geschickt zu führen und sich dabei an eine Vielzahl ungeschriebener Regeln zu halten.

Die Globalisierung der Kommunikation entfaltet erst heute ihre volle Wirkung.

Doch die Globalisierung hat nationale Trennwände eingerissen und dabei nicht nur geschützte Arbeitsmärkte und Wohlfahrtsstaaten unter Druck gebracht. Sie schafft auch eine direkte Konkurrenz zwischen unterschiedlichen politischen Inszenierungstraditionen. Anders als die wirtschaftliche entfaltet die Globalisierung der Kommunikation erst heute ihre volle Wirkung. Denn erst heute nimmt die Weltgemeinschaft das Händewettdrücken der Staatspräsidenten auf Facebook und Youtube in Zeitlupe wahr.

Obamas grösstes Versagen

Die westeuropäische Politikkultur wird dabei mehr als nur erschüttert. Es ist, als müsste die hochkulturell geprägte Theatergruppe einer Eliteschule ihre Aufführungen plötzlich auf dem Pausenhof der Gesamtschule halten – dort, wo sonst eher Gestalten vom Schlage Wladimir Putins, die sich in autoritären Halbdemokratien an die Spitze gekämpft haben, das Setting beherrschen. Putins Intervention in der Ukraine hat sich zwar längst als Desaster herausgestellt, und die russische Wirtschaft darbt, doch der russische Präsident beherrscht die Inszenierung von Stärke wie kein anderer.

Es ist womöglich Barack Obamas grösstes politisches Versagen, dass er sich der Inszenierung von Stärke systematisch entzogen hat. Der frühere US-Präsident gab sich differenzierter und europäischer, als es die amerikanische Action- und Blockbuster-Kultur eigentlich erlaubt. Damit hat er sich nicht nur selber unnötig schwach erscheinen lassen, er hat die Sehnsucht der amerikanischen Wählerbasis nach undifferenzierter Grossspurigkeit erst richtig geweckt.

Edel und gut, niemanden kümmerts

Die europäischen Wohlfahrtstaaten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten auf die Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung einstellen müssen. Heute kommt das europäisch geprägte Politiktheater nicht umhin, sich den Bedingungen globalisierter Kommunikation zu stellen. Es hilft der liberalen, weltoffenen Demokratie wenig, wenn sie zwar edel ist und gut, aber mehr und mehr ihr Publikum verliert.

Gänzlich der falsche Weg wäre es jedoch, einfach auf den Caudillo-Zug aufzuspringen. Westeuropa verlöre dadurch den Kern der eigenen Identität. Die Aufgabe ist eine Gratwanderung, und keiner hat sich bis heute so forsch auf diesen Grat gewagt wie Emmanuel Macron. Der dramaturgisch geschulte neue Präsident Frankreichs kämpft ebenso beherzt für die europäische Idee, wie er französisches Selbstbewusstsein inszeniert. Ein fester Händedruck gehört da durchaus mit dazu. Doch statt wie ein eitler Geck gleich allen von seiner Heldentat zu erzählen, müsste er schleunigst von Putin lernen. Regel Nummer eins: Ein Pokerface lässt sich nicht in die Karten blicken.

Erstellt: 11.07.2017, 00:04 Uhr

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