Titos Möwe rostet vor sich hin

Das Schiff des einstigen Diktators soll zu einem Museum werden. Doch die Kroaten sind sich über Titos Erbe uneins.

Auf der Galeb verbrachte Tito insgesamt 549 Tage und besuchte dabei 33 Länder: Die 117 Meter lange Jacht wartet im Hafen von Rijeka auf bessere Zeiten. Foto: Antonio Bronic (Reuters)

Auf der Galeb verbrachte Tito insgesamt 549 Tage und besuchte dabei 33 Länder: Die 117 Meter lange Jacht wartet im Hafen von Rijeka auf bessere Zeiten. Foto: Antonio Bronic (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Schiff darf man nicht betreten, «aus Sicherheitsgründen», wie es heisst. Es ist keine behördliche Ausrede, das wird beim Anblick des Kahns schnell klar. Asbest-Platten bröckeln, die Aussenhaut ist fast mehr Rost als Lack. Das Einzige, was frische Farbe trägt, sind die Schilder, die das Betreten verbieten, sowie eines, das auf die Fördergelder verweist, die Brüssel für die Umgestaltung dieses Wracks zum Museum bewilligt hat. Doch die Renovierung stockt.

Es sind Jahrzehnte an Weltgeschichte, die im Hafen von Rijeka vor sich hinrosten. Die Galeb, zu Deutsch Möwe, 117 Meter lang, war die Staatsjacht des jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito – und damit das zentrale Vehikel der weltweiten Blockfreien-Bewegung. Dass das Schiff derart heruntergekommen in einem kroatischen Hafen dümpelt, hat auch damit zu tun, dass es im Land sehr unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie diese Weltgeschichte zu bewerten ist.

Freiheitsheld und Despot

Eigentlich sollte das Schiff komplett renoviert und als Hotel und Museum in neuem Glanz erstrahlen, wenn Rijeka 2020 Europas Kulturhauptstadt wird. Doch ist ein Schiff, das dem kommunistischen Herrscher Tito als schwimmende Residenz diente, dafür das richtige Symbol? Darüber ist ein heftiger Streit entbrannt. Konservative Politiker wollen dem alten Diktator kein weiteres Denkmal setzen und dafür auch noch Millionenschulden aufnehmen. Sie sehen – anders als die Linke – in Tito nicht den Befreiungshelden. Für die Rechte war der Marschall ein Despot, der politische Gegner einsperren, foltern und töten liess.

Die Geschichte, die das Land bis heute spaltet, begann im April 1938. Eigentlich sollte das Schiff von den Häfen am Roten Meer Früchte aus den Kolonien ins Mutterland Italien bringen. Doch dazu kam es nie. Im Zweiten Weltkrieg übernahm Mussolinis Marine das Schiff in seine Flotte, baute es zum Hilfskreuzer um und rüstete es mit einem Wasserbombenwerfer und einer Fliegerabwehrkanone auf. Im Hafen von Benghazi in Libyen traf ein britischer Torpedo die Galeb, schwer beschädigt wurde sie nach Sizilien geschleppt.

Zu Besuch in London

Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 beschlagnahmt die deutsche Kriegsmarine das Schiff, nennt es Kiebitz und baut es zum Minenleger um, mehr als 5000 Minen werden damit in der nördlichen Adria versenkt – bis die Kiebitz am 5. November 1944 im Hafen von Rijeka versenkt wird.

Josip Broz Tito, Diktator des sozialistischen Jugoslawiens. Foto: PD

Drei Jahre liegt sie auf dem Grund des Hafens, bis im November 1947 die jugoslawische Regierung eine einheimische Werft mit der Bergung beauftragt. Die Ingenieure kleiden die Hohlräume mit Zylindern aus, in die sie Luft pumpen – so kommt das 4500 Tonnen schwere Schiff im März 1948 wieder an die Oberfläche. Es wird zerlegt und neu zusammengebaut. Im Juli 1952 wird es, unter dem Namen Galeb, zum Schulschiff der jugoslawischen Marine. Kurz darauf kommt der Präsident zu Besuch an Bord, Josip Broz Tito. Die Galeb gefällt ihm so gut, dass er anordnet, sie für seine Zwecke umbauen zu lassen. Bis zu seinem Tod 1980 wird Tito insgesamt 549 Tage an Bord verbringen und 33 Länder anfahren. Es heisst, er habe unter Flugangst gelitten.

Die erste diplomatische Reise ist zugleich die weltpolitisch spektakulärste: Nachdem er, der frühere Partisanenführer gegen die deutschen Besatzer, sich 1948 mit dem Sowjetdiktator Stalin überworfen hat, sucht er einen liberaleren, «humaneren» Sonderweg im Sozialismus – und den Dialog mit der westlichen Welt. Im März 1953 fährt Tito an Bord der Galeb in die neblige Themse-Mündung ein, steigt um auf ein Boot der Royal Navy, das ihn ins Zentrum von London bringt. Dort trifft er als erstes Oberhaupt eines kommunistischen Staates seit dem Zweiten Weltkrieg den britischen Premierminister Winston Churchill. In den folgenden Jahren wird die Galeb zur schwimmenden Bühne der Blockfreien-Bewegung, der von Tito mitgegründeten Vereinigung jener Staaten, die sich keinem der beiden Machtblöcke des Kalten Krieges anschliessen wollen.

Tito, der weiter seinen Partisanen-Titel «Marschall» trägt, bricht mit der Galeb, dem «Friedensschiff», zu monatelangen Reisen nach Afrika und Asien auf. An Bord empfängt er Staats- und Regierungschefs wie Gamal Abdel Nasser, Haile Selassie, Leonid Breschnew, Moammar al-Ghadhafi und Indira Gandhi. Mit dabei ist jeweils ein Aufgebot an Köchen, Musikern und Schneidern. Titos Ehefrau Jovanka Broz ist bekannt dafür, dass sie bei jedem Landgang ein anderes Kleid trägt. Auf seiner letzten Fahrt mit der Galeb, 1979, steuert Tito Kubas Hauptstadt Havanna an, wo er Fidel Castro dessen Pläne ausredet, die Blockfreien enger an Moskau heranzuführen.

Nationales Kulturerbe

1980 stirbt Tito, und die Galeb wird wieder zum Schulschiff der Marine. Während Jugoslawien im Laufe der 1990er-Jahre im Krieg zerfällt, beginnt auch der Verfall der Galeb, die in einer montenegrinischen Bucht vertäut liegt. Im Jahr 2000 kauft der griechische Geschäftsmann John Paul Papanicolaou der Regierung Montenegros die Galeb für 750000 US-Dollar ab, lässt sie zu einer kroatischen Werft nahe Rijeka überführen, wo er sie zu seiner Privatjacht umbauen lassen will. Doch dann geht ihm das Geld aus. Die kroatische Regierung erklärt die Galeb 2006 zum nationalen Kulturerbe, dann kauft die Stadt Rijeka das Schiff, um es zum Museum auszubauen.

Im Jahr 2020 wird Rijeka den Titel Kulturhauptstadt Europas tragen, und rechtzeitig zum erwarteten Besucheransturm sollte die Galeb frisch herausgeputzt sein – als Museum und Hotel. Doch daraus wird vorerst nichts. Denn im Stadtrat gibt es Streit um die Finanzierung.

Umgerechnet 4,9 Millionen Franken hatte die Stadt für die Renovierung veranschlagt und Fördergelder aus Brüssel bewilligt bekommen. Dann allerdings ging bei der öffentlichen Ausschreibung für den Renovierungsauftrag nur ein einziges Angebot ein, in Höhe von 8,8 Millionen Franken, fast doppelt so viel wie von der Stadt veranschlagt. Der sozialdemokratische Bürgermeister will nun umgerechnet 6 Millionen Franken Schulden aufnehmen, für die Renovierung der Galeb und für andere Projekte, das will allerdings eine Mehrheit im Stadtrat nicht.

Schulen wichtiger als Tito

«Wir lehnen es nicht prinzipiell ab, aus der Galeb ein Museum zu machen», sagt Bojan Kureli?, Generalsekretär der liberalen Oppositionspartei Jugend-Aktion. «Das Schiff ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte, unabhängig davon, wie man zu Tito steht. Wir sind aber dagegen, dass die Stadt dafür zusätzliche Schulden macht.» Die Schulen seien in erbärmlichen Zustand, es fehle an Kindergartenplätzen. «Warum können sich nicht Privatpersonen an der Finanzierung beteiligen?» Und was sei mit der Blockfreien-Bewegung, zu der immer noch 120 Staaten gehören? «Es ist ja auch ihr Schiff.»

Die Kulturbehörde der Stadt erklärt, sie hoffe, dass trotz aller Schwierigkeiten die Renovierung bis spätestens Dezember 2020 abgeschlossen sei. Dann wäre immer noch ein wenig Prestigejahr übrig, denn der Titel Kulturhauptstadt Europas läuft offiziell erst Ende Februar 2021 aus. Der Anblick der gewaltigen Rostflecken auf der Aussenhaut der Galeb macht aber deutlich, wie ambitioniert dieser Zeitplan ist.

Erstellt: 15.08.2019, 17:44 Uhr

Artikel zum Thema

Despot mit Stil

Eine opulente Biografie beleuchtet den jugoslawischen Führer Josip Broz Tito – als Revolutionär, Partisan, Lieblingsdiktator und Schürzenjäger. Mehr...

«Wir haben kein Jugo-, sondern ein Integrationsproblem»

SonntagsZeitung Eine neue Untersuchung zeigt: Jugendliche aus Ex-Jugoslawien sind nicht gewalttätiger als andere. Trotzdem geraten Migrantenkinder häufiger auf die schiefe Bahn. Mehr...

Jedes Jahr ein Vertröstungsgipfel ist zu wenig

Kommentar Wer die Grenzen in Ex-Jugoslawien infrage stellt, riskiert neue Gewalt. Der heutige Balkangipfel sollte stattdessen eine glaubhafte Perspektive auf einen EU-Beitritt bieten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Sea Happy – abtauchen und Marken sammeln

Füllen Sie beim täglichen Einkauf Ihre Sea Happy Sammelkarte und freuen Sie sich über Geschenke mit Unterwasser-Flair.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...