Tod an der dritten Sperre

Eine neue Studie widmet sich den Opfern des DDR-Grenzregimes – und zeigt dessen Perfidie.

DDR-Grenzsoldaten 1984 in der Nähe der Ostsee. Foto: Jürgen Ritter (Getty)

DDR-Grenzsoldaten 1984 in der Nähe der Ostsee. Foto: Jürgen Ritter (Getty)

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Grenzübergang Marienborn in Sachsen-Anhalt, 1973, ein Aprilmorgen. Ein Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) fertigt Fotos an zuhanden der Akten. Das eine Foto zeigt nah der Grenzbaracke einen auf dem Dach liegenden Kleinlastwagen. Die drei Männer, die im Lastwagen sassen, sind längst weggeschafft; zwei liegen verletzt im Spital, der dritte ist tot.

Fred Woitke heisst der Mann, der in der Nacht mit Freunden die Flucht versucht hat. Die drei durchbrechen in rasender Fahrt zwei Schlagbäume. An der letzten Sperre scheitern sie, das Fahrzeug überschlägt sich. Fünf Grenzer feuern total 100 Kugeln auf sie ab. Woitke, 23-jährig, wird neun Mal getroffen, die eine Kugel zerfetzt eine Schlagader in der Brust, er stirbt.

Im Totenschein ist die Rede von einer «Schädelfraktur».

Statistiken liessen kalt, das Einzelschicksal mache betroffen, heisst es. Auf die eben in Berlin vorgestellte Studie von Forschern der Freien Universität Berlin passt der Satz nur bedingt. «Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949–1989» dokumentiert biografisch die Tode, darunter den von Fred Woitke. Jeder einzelne Fall tut weh. Doch bereiten auch die abstrakten Zahlen Schmerz samt den Kategorien, denen sie zufallen.

Der Bauer verblutet im Minenfeld

327 Menschen fielen gemäss Studie dem DDR-Grenzregime zum Opfer (die Toten der Berliner Mauer sind nicht mitgerechnet). Die Vorkommnisse variieren: Einige Menschen sterben in Minenfeldern oder ertrinken, andere werden erschossen, wieder andere begehen, nachdem man sie gestellt hat, Selbstmord. Es gibt Grenzer, die andere Grenzer für Flüchtlinge halten und feuern; Grenzer, die selber fliehen und getötet werden; einen Zivilisten, der durch einen betrunkenen Grenzer erschossen wird. Auffallend, dass 80 Prozent der Umgekommenen unter 35 Jahre alt sind, Jugend und Todesmut bedingen sich wohl gegenseitig. Das jüngste Opfer ist ein sechs Monate alter Säugling, der im Hochsommer 1977 im Kofferraum eines Fluchtfahrzeuges erstickt. Und das älteste ein 81-jähriger Bauer, der 1967 irrtümlich in eine Minenfeld gerät. Sein Todeskampf dauert drei Stunden, er verblutet vor den Augen eines DDR-Regimentsarztes, der sich nicht in den verminten Streifen wagt.

Apropos Minenfeld: Die Perfidie des MfS zeigt sich in allerlei Täuschungen. Zum Beispiel bringt man in nicht verminten Abschnitten der 1400-Kilometer-Grenze Munition zur Explosion, lässt dann ein Sanitätsfahrzeug kommen und simuliert so mit Aufwand einen Todesfall. Dies mit dem Ziel, den Leuten in den nahen Ortschaften zu suggerieren, dass auch ihr Grenzabschnitt vermint und also lebensgefährlich sei.

Ein «Arbeitsunfall»

Fred Woitkes zwei Freunde zahlen für den Fluchtversuch mit langen Gefängnisaufenthalten; nach der Entlassung können sie ausreisen. Woitkes Angehörige erhalten nach der Nacht, in der er umgekommen ist, die Auskunft, er sei bei einem Autounfall gestorben. Im Totenschein schreibt der Arzt: «Fraktur des Schädels und sonstiger Knochen.» Woitkes Frau darf darüber hinaus niemandem Angaben über den Tod ihres Mannes machen.

An der Bestattung nehmen nur Familienangehörige und wenige Freunde teil. Das MfS ist mit Spitzeln zugegen; es hat sich zuvor das Manuskript des Grabredners vorlegen lassen. Zwei der beteiligten fünf Grenzsoldaten erhalten Medaillen, die anderen Geldprämien.

Nach der Wende wird auch dieser Fall strafrechtlich untersucht. Die fünf Grenzsoldaten machen Erinnerungslücken geltend, schieben sich gegenseitig die Schuld zu. 1996 wird das Verfahren eingestellt, da nicht klar war, wer die tödlichen Schüsse abgegeben hatte. Der eine Soldat gibt in der Untersuchung an, «dass mir nach Öffnung der Mauer . . . der Wahnsinn dieser Grenzsicherungen besonders deutlich geworden ist, deren Teil ich einmal war, selbstverständlich nicht freiwillig». Und: «Ich bedaure, dass es an der Grenze Opfer gab, die ja eigentlich nichts anderes wollten, als die Möglichkeiten wahrzunehmen, die mir jetzt gegeben sind, nämlich von einem Ort zum anderen zu gehen.»

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Erstellt: 13.06.2017, 21:22 Uhr

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