Tod eines Millionärs

Jeffrey Epstein ist in Untersuchungshaft gestorben. Jetzt blühen Zweifel und Verschwörungstheorien

In diesem Hochsicherheitsgefängnis fand man Epsteins Leiche. Foto: David Dee Delgado (AFP)

In diesem Hochsicherheitsgefängnis fand man Epsteins Leiche. Foto: David Dee Delgado (AFP)

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Die Rettungssanitäter kamen zu spät. Als sie am frühen Samstagmorgen im Metropolitan Correctional Center in New York eintrafen, einem Hochsicherheitsgefängnis in Manhattan, war der Mann in der Zelle schon tot – nach offiziellen Angaben durch Suizid. Jeffrey Epstein, so die Behörden, habe sich in der Untersuchungshaft erhängt.

Normalerweise wäre das öffentliche Interesse an einem toten Gefängnisinsassen begrenzt. Doch Jeffrey Epstein war kein gewöhnlicher Gefangener. Der 66-Jährige war Amerikas prominentester Häftling. Sein Fall hatte eine politische Dimension, es ging um Geld und Macht und um den weitgehend straflosen sexuellen Missbrauch junger Mädchen, den dieses Geld und diese Macht Epstein ermöglicht hatten. Und es ging um die Frage, wer von seinen vielen prominenten, reichen und mächtigen Freunden von dem Missbrauch gewusst oder sogar dabei mitgemacht hat.

Vor einigen Monaten gehörte Jeffrey Epstein noch zum globalen Jetset. Er besass luxuriöse Häuser in New York, Palm Beach und Paris, eine Ranch in New Mexico, sowie die Insel Little Saint James, die zu den Jungferninseln gehört und die er «Little St. Jeff» nannte. Ausserdem hatte er ein Flugzeug, mit dem er zwischen seinen Anwesen pendelte. Das Vermögen des früheren Investmentbankers wurde auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag geschätzt, wobei aber nicht ganz klar war, wie er es eigentlich verdient hatte. Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis zählte Epstein praktisch die gesamte globale Gesellschafts-, Politik- und Finanzelite. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton war ein guter Freund von ihm. Auch der heutige Präsident Donald Trump war mit ihm zumindest bekannt.

Schon vor elf Jahren hatte Epstein mit der Justiz zu tun

Zugleich war Epstein ein Krimineller. Den Ermittlungen zufolge hat er über die Jahre Dutzende minderjährige Mädchen sexuell missbraucht. Das Muster war immer gleich: Er liess sich Mädchen zuführen, die zwischen 14 und 17 Jahren alt waren und ihn gegen Geld massieren sollten. Dabei kam es dann zu den Übergriffen. Epstein bevorzuge Frauen, «die ein wenig auf der jüngeren Seite sind», hat Trump einmal in einem Interview gesagt. Eine junge Frau, deren Aussagen am vergangenen Freitag bekannt wurden, warf Epstein vor, sie auch zum Sex mit anderen Männern gezwungen zu haben, darunter einige hochrangige frühere US-Politiker sowie ein Prinz aus dem Hause Windsor.

Vor elf Jahren hatten die Justizbehörden in Florida Epstein schon einmal ins Visier genommen. Damals kam er mit einer auffallend milden Strafe davon: Seine Anwälte handelten mit dem zuständigen Staatsanwalt einen Deal aus, wonach Epstein sich als Sexualstraftäter registrieren lassen und für 13 Monate in ein Provinzgefängnis musste. Tagsüber durfte er als Freigänger in seinem Büro arbeiten. Nach der Strafe setzte der Multimillionär sein gesellschaftliches Leben ebenso wie den massenhaften Missbrauch offenbar einfach fort.

Vor einigen Wochen wurde Epstein dann wieder verhaftet, und zwar in New York. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Menschenhandel vor, weil er einige seiner Opfer in seinem Flugzeug mitgenommen hatte. Und dieses Mal sah es nicht so aus, als sei die Justiz milde gestimmt. Ein Richter verweigerte die Freilassung gegen Kaution, die Staatsanwälte bereiteten eine Anklage vor, die Epstein bei einem Schuldspruch für 45 Jahre hinter Gitter bringen konnte – de facto also lebenslang. Suizid aus Verzweiflung ist daher keine völlig abwegige Erklärung für Epsteins Tod.

Drei Untersuchungen werden losgetreten

Allerdings gibt es starke Zweifel an der offiziellen Darstellung der Vorgänge. Angeblich soll Epstein vor zwei Wochen schon einmal einen Suizidversuch unternommen haben, man fand ihn mit Hämatomen am Hals. Danach wurde er im Gefängnis unter besondere Beobachtung gestellt, um einen Suizid zu verhindern. Dieser Status galt am vergangenen Wochenende aber plötzlich nicht mehr. Weshalb? Zudem sollen Berichten zufolge die Gefängniswachen in der Todesnacht einige ihrer vorgeschriebenen halbstündigen Rundgänge nicht gemacht haben. Warum?

Ob das alles nur Schlamperei war oder ob mehr hinter diesen Versäumnissen steckt – womöglich sogar ein organisierter Mordanschlag? Das sollen nun gleich drei Untersuchungen klären: Zum Tod von Epstein ermitteln das FBI, das Justizministerium und die New Yorker Staatsanwaltschaft. Justizexperten zufolge müsste die Zelle des Millionärs rund um die Uhr per Kamera überwacht worden sein. Sofern das zutrifft, sollte sich also herausfinden lassen, was in der Todesnacht passiert ist.

In rechten Kreisen in Amerika ist der Fall allerdings längst klar: Epstein, so die vorherrschende Ansicht dort, wurde von seinen Freunden aus «der Elite» ermordet, um ihn am Reden zu hindern. Nach dieser Theorie ist Epstein nur der Kopf eines globalen Netzwerks von reichen und mächtigen Männern, die gemeinsam Mädchen missbraucht haben. Um nicht enttarnt zu werden, hätten diese Männer Epstein töten lassen. Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird: Bill Clinton, der Epstein-Freund und aktenkundige Frauenbegrapscher.

Das mögen wilde Verschwörungstheorien sein. Aber sie werden fleissig umhergereicht. Der konservative Schauspieler Terrence Williams verschickte am Samstagnachmittag einen Tweet, in dem er den Altpräsidenten in Verbindung mit Epsteins Tod brachte: «#JefferyEpstein hatte Infos über Bill Clinton & jetzt ist er tot.» Bis Sonntagmorgen wurde der Tweet fast 60'000 Mal geteilt – unter anderen von Präsident Trump persönlich.

Erstellt: 11.08.2019, 22:44 Uhr

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