Macrons tour de guerre

Der französische Präsident gedenkt dem Ersten Weltkrieg – und will beweisen, dass er auch Gefühle hat, nicht nur Visionen.

Der französische Präsident Emmanuel Macron bei einer Gedenkfeier auf dem Nationalfriedhof von Notre-Dame de Lorette, der als grösster Militärfriedhof der Welt gilt. Foto: Philippe Huguen (AFP)

Der französische Präsident Emmanuel Macron bei einer Gedenkfeier auf dem Nationalfriedhof von Notre-Dame de Lorette, der als grösster Militärfriedhof der Welt gilt. Foto: Philippe Huguen (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Emile, Auguste, Oscar. Die Namen auf den Kreuzen in Verdun klingen vertraut. Es sind genau die Namen, die heute auf den Spielplätzen in Paris gerufen werden, wenn die Eltern ihre Kinder in der Sandkiste suchen. Die Eltern in Berlin rufen dasselbe: Emil, August, Oscar. An Schaukeln und Wippen herrscht heute deutsch-französische Einigkeit, dass das Vergangene schön ist. Als aber vor hundert Jahren die jungen Oscars beider Länder alt genug waren, ein Gewehr zu halten, schossen sie aufeinander. Vor dem Beinhaus von Verdun haben 16'000 der Getöteten ein eigenes Kreuz bekommen, sie ruhen in Reih und Glied.

Jenseits der Sandkisten ist die Wiederkehr der Zeit der Gross- und Urgrossväter schmerzhaft. «Wir erleben einen Moment, der der Zeit zwischen den Kriegen ähnelt.» Die Analyse, die Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seiner Reise auf den Spuren des Ersten Weltkriegs vorausschickte, teilen viele, die morgens eine Zeitung lesen und abends bei einer historischen Doku hängen bleiben. Politiker, die ihre Länder als Opfer fremder Aggressionen inszenieren. Bürger, die auf der Suche nach einfachen Antworten genau diese Politiker wählen.

Eine wirtschaftliche Unsicherheit, die den Jungen die Hoffnung raubt und den Alten die Gewissheit. Es braucht nicht viel Fantasie, um in der Gegenwart die 20er- und 30er-Jahre wiederzuerkennen. Um aber in sich selbst den Hoffnungsträger dieser Gegenwart zu sehen, braucht es die selbstbewusstere Schwester der Fantasie, es braucht die Vision.

Der Vergangenheit widerstehen

«Man muss die Vergangenheit im Kopf haben, um zu wissen, wie man ihr widersteht.» In einem Interview mit einer Gruppe Lokalzeitungen hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Anfang der Woche so den Sinn seiner Gedenktournee zusammengefasst. Schaut man ihm ein paar Tage lang dabei zu, wie er mit aufrechtem Rücken und ernstem Blick Frankreichs frühere Schlachtfelder abschreitet, dann sieht man nicht nur einen, der die alten Helden ehrt. Dann lernt man einen kennen, der seinen Platz als Held in der Geschichte einfordert.

Morhange in Lothringen. Der Nebel ist an diesem Novembermorgen so dicht, dass die Strommasten nur ihre Füsse zeigen. Im August 1914 tötete das Feuer der deutschen Artillerie hier 40'000 französische Soldaten. Allein am 22. August, es war ein Samstag, starben 27'000 junge Männer. «Glorreich gefallen» steht auf dem Mahnmal am Rand des Dorfes, das an eine der ersten Schlachten dieses kaum glorreichen Krieges erinnert. Die Bäume leuchten gelb, die Uniformen des Militärs sind golden bestickt, und die geladenen Gäste stellen das Flüstern ein, als der Renault des Präsidenten vorfährt.

Macron steigt aus und läuft schweigend die Reihen der salutierenden Soldaten ab. Seit Stunden liegt ein Blumenkranz bereit, blau eingefärbte Dahlien, weisse Rosen, rote Gerbera. Als Macron ihn vor das Mahnmal legt, wird ein grosses Stück Stoff zur Seite gezogen und gibt den Blick auf die neue Inschrift frei: «5. November 2018. Monsieur Emmanuel Macron, Präsident der Republik, hat hier die französischen Soldaten geehrt, die in den blutigen Kämpfen des August 1914 getötet wurden. Hundert Jahre später verpflichtet ihr Opfer uns dazu, den Frieden zu verteidigen.» Die Toten von Morhange bleiben namenlos, der neue Friedensheld ist ein Mann von 40 Jahren, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt. An seinen dunklen Wollmantel hat er eine Kornblume aus Stoff geheftet, seit mehr als hundert Jahren Frankreichs Gruss an seine Veteranen.

Macron hat sich auf die Gedenkfeiern gestürzt wie auf ein lang ersehntes Geschenk.

Sieben Tage lang reist der Präsident den früheren Frontverlauf des Ersten Weltkriegs entlang. Die Tour ist der Höhepunkt eines bombastischen Gedenkprogramms, das 2014 unter Macrons Vorgänger François Hollande seinen Anfang nahm. «La Grande Guerre» nennen sie den Ersten Weltkrieg, den grossen Krieg. Fast jede französische Familie hat vor hundert Jahren einen Vater verloren, einen Sohn, einen Onkel, doch der Sieg über die Deutschen gab ihrem Martyrium einen Sinn. Seit Jahrhunderten sind die Franzosen daran gewöhnt, die Geschichte ihres Landes als eine Serie von Erfolgen zu lesen, die von Mut und Freiheitsliebe erzählt. Im Zweiten Weltkrieg gerät diese Erzählung ins Stocken, vier Jahre lang kontrolliert Hitler mit französischer Unterstützung das Land. Umso wichtiger ist es, dass die Erinnerung an La Grande Guerre ohne Makel bleibt.

Nationale oder Progressisten

Das 100-Jahr-Jubiläum des kurzen Friedens von 1918 soll für Macron die Bühne werden, auf der er den Franzosen beweisen will, dass er nicht nur Visionen hat, sondern auch Gefühle. Noch sechs Monate sind es bis zur Europawahl. Frankreichs Opposition hat sie zur Grundsatzabstimmung über die Innenpolitik erklärt, und Macron hat sich darauf eingelassen. Es gibt nun nur noch Gut oder Böse beziehungsweise Nationale oder Progressisten, wie er es nennt. Be­hauptete Macron als Präsidentschaftskandidat noch, ideologische Lager überwinden zu wollen, hat er sich nun einfach neue Kategorien ausgedacht.

Der Präsident hat sich auf die Gedenkfeiern gestürzt wie auf ein lang ersehntes Geschenk. Allein die Termine vom 4. bis zum 11. November füllen ein kleines Buch. Dauerhaft von Kameras begleitet, zeigt sich Macron als Weltenlenker, Bürgerfreund, Wirtschaftsfachmann, Literaturkenner und Friedensfürst. Er traf am vergangenen Sonntag den deutschen Bundespräsidenten, am Dienstag den Präsidenten von Mali, am Freitag die britische Premierministerin, heute die deutsche Kanzlerin, und am Sonntag versammelt er am Triumph­bogen Staats- und Regierungschefs aus mehr als siebzig Ländern, darunterDonald Trump, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan. Zwischendrin besucht er vierzehn Gemeinden, trifft Lokalpolitiker, Bürgermeister, geht mit Schülern in die Kantine essen. Keiner soll ihm vorwerfen können, er stehe nicht in Kontakt mit der Bevölkerung.

Video – Trump nennt Macrons Idee «beleidigend»

Bei seinem Besuch in Frankreich hat US-Präsident Donald Trump die Forderungen des französischen Staatschefs nach der Gründung einer europäischen Armee scharf verurteilt. (Video: Reuters)

Doch am Ende fehlt auf dieser Reise das Entscheidende: Momente, in denen Macron auf Begeisterung stösst. Es sei denn, man zählt seine Begegnung mit drei 16-jährigen Schülerinnen dazu, die sich mit ihm fotografieren lassen und danach kurz in Ekstase geraten: «Er riecht so gut!»

Während sich die Speicherkarten der Franzosen mit Macron-Selfies füllen, meldet das Meinungsforschungsinstitut Elabe am vergangenen Donnerstag ein neues Beliebtheitstief des Präsidenten. Nur 27 Prozent der Franzosen glauben, dass ihr Präsident «den Problemen des Landes effizient entgegentreten» kann. Die Gründe für den Unmut hört man auch auf dieser Reise. Die Franzosen schreien sie über die Absperrungen hinweg. Zum Beispiel vor dem Rathaus in Pont-à-Mousson an der Mosel, als Macron winkend auf dem ausgestorbenen Marktplatz steht. «Buuuh», schreit Elise Le Gluher. Sie sei extra gekommen, «um zu meckern», sagt die Sozialarbeiterin. «Diejenigen, die sich anstrengen sollen, sind immer die Mittelschicht und die Armen. Ich sehe um mich herum, wie Menschen arbeiten und trotzdem immer prekärer leben», sagt sie. Die Kaufkraft sinkt, die Abneigung gegen Macron steigt.

Macrons fehlendes Gespür

Gut möglich, dass Macron die Wahrheit sagt, wenn er betont, wie egal ihm die Umfragen sind. Weil er daran glaubt, dass seine Politik richtig ist. Manchmal macht ihn diese Sturheit stark. Zum Beispiel, als er die Bahnreform trotz Streik durchsetzt, weil er seinem Wahlprogramm treu bleiben will.

In anderen Momenten wirkt es, als fehle ihm jedes Gespür. Am Mittwoch erklärt er vor laufenden Kameras, dass es «legitim» sei, Philippe Pétain im Rahmen einer militärischen Zeremonie im In­validendom zu ehren. Pétain, der als Oberbefehlshaber der Armee in Verdun als Held des Ersten Weltkriegs gilt, aber 1940 zum französischen Unterstützer Nazideutschlands wurde. Heute bestreitet niemand mehr, dass er den Tod von mehr als 7000 französischen Juden mitverantwortet. Doch vielen Franzosen gelingt es, sich Pétain als zweigeteilten Menschen vorzustellen. Der frühe, gute Pétain und der späte, schlechte. Solche Gleichzeitigkeiten gefallen Macron. «Das politische Leben, so wie die Natur des Menschen, ist manchmal komplexer, als man glauben möchte», führt er seine Überlegungen zu Pétain aus. Es klingt, als würde jeder, der sich gegen eine militärische Ehrung Pétains ausspricht, unterkomplex denken.

Erst am Abend kommt die Klarstellung, dass für Pétain kein Kranz niedergelegt wird.

Als sich dann eine Empörungswelle aufbaut und die jüdische Gemeinde von einem «Schock» spricht, reagiert der Elysée-Palast beleidigt. Macron werde verkürzt wiedergegeben. Erst am Abend kommt die Klarstellung, dass für Pétain kein Kranz niedergelegt wird.

Es wäre grosser Quatsch, Macron einen Revanchisten zu nennen. Anders als seine Vorgänger würdigt er Leistungen und Leid der Force Noire, der Soldaten aus den Kolonien. Noch nie hat Frankreich mit so wenig militärischem Pomp des Kriegsendes gedacht. Unbeirrt vom Gezeter der Konservativen verzichtet Macron am 11. November auf die traditionelle Parade auf den Champs-Elysées. Stattdessen lädt er Merkel, Trump und alle anderen Staats- und Regierungschefs, die am Wochenende in Paris erwartet werden, zu einer Friedenskonferenz ein. Wenn sein unan­gemessenes Sinnieren über Pétain für etwas steht, dann dafür, dass Macron ein Kind des europäischen Friedens ist. Ihn binden keine Tabus mehr, sein Geist ist frei. Krieg ist in Westeuropa nur noch eine Erinnerung der Grosseltern, der Konsens, wie mit diesem Gedenken umzugehen ist, löst sich auf.

Erstellt: 10.11.2018, 11:41 Uhr

Artikel zum Thema

Macron nennt Reformkritiker «widerspenstige Gallier»

Video Franzosen lachen im Internet über eine Aussage ihres Präsidenten. Doch nicht alle finden dessen Verhalten lustig. Mehr...

Mann zeigt bei Foto mit Macron den Stinkefinger

Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen ist empört: Ein junger Mann streckt auf einem Foto mit Präsident Emmanuel Macron den Mittelfinger in die Kamera. Mehr...

Rechtsextreme planten möglicherweise Anschlag auf Macron

Französische Antiterror-Einheiten haben sechs Verdächtige aus der rechtsextremen Szene festgenommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Sea Happy – abtauchen und Marken sammeln

Füllen Sie beim täglichen Einkauf Ihre Sea Happy Sammelkarte und freuen Sie sich über Geschenke mit Unterwasser-Flair.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...