Triumph auf Zeit

Silvio Berlusconi feiert seinen Freispruch im Fall «Ruby» wie einen Sieg über seine politischen Gegner. Doch noch sind nicht alle Probleme ausgestanden.

«Haltet euch bereit, ich bin zurück. Der Felsbrocken ist weg.»: Italiens Ex-Premierminister Silvio Berlusconi.

«Haltet euch bereit, ich bin zurück. Der Felsbrocken ist weg.»: Italiens Ex-Premierminister Silvio Berlusconi. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Wiedergeburt – noch eine. Silvio Berlusconi feiert seinen definitiven Freispruch im international beachteten und oft auch mitleidig belächelten Fall «Ruby» wie eine Rehabilitierung, wie eine Revanche. Als er davon erfuhr, so berichten es die italienischen Zeitungen erstaunlich gut informiert, sass er zu Hause in seiner Villa San Martino in ­Arcore bei Mailand, umgeben von den Nächsten, den beiden Kindern aus erster Ehe und seiner jungen Verlobten, und weinte zunächst Tränen der Erleichterung. «Der Felsbrocken ist weg», soll er jedem gesagt haben, der anrief, «der Albtraum ist vorbei.» Und jenen, die noch Zweifel gehabt haben könnten an seiner Entschlossenheit, richtete er aus: «Haltet euch bereit, ich bin zurück.» Gemeint war: politisch auferstanden.

Das ist zwar eine kühne Deutung der Situation, doch den zwischenzeitlichen Triumph nimmt ihm keiner weg. Der ­Römer Kassationshof, Italiens oberstes Gericht, kam nun also zum Schluss, dass es nicht genügend Beweise gibt, um das Verfahren gegen Berlusconi neu aufzulegen. Ihm war vorgeworfen worden, er habe gewusst, dass die Nachtclubtänzerin Karima El Mahroug alias «Ruby Herzensdiebin» zum Zeitpunkt ihrer ersten, mutmasslich sexuellen Begegnung minderjährig war. Und er war ausserdem bezichtigt worden, seine Amtsmacht als Premier missbraucht zu haben, um die junge Frau nach ihrer Verhaftung aus der Obhut der Polizei zu befreien.

Zahnpflegerin suchte Frauen aus

Alles weggewischt und archiviert. Wären die Kassationsrichter hingegen zur Meinung gelangt, der Fall verdiene einen neuen Prozess, dann wäre Berlusconis politische Karriere wohl nachhaltig kompromittiert gewesen. Er ist jetzt 78 Jahre alt. Die Marokkanerin Karima El Mahroug war 17, als man sie mit anderen jungen Damen zu Partys in Berlusconis Villa einlud. Der Gastgeber sprach im Prozess von «eleganten Abend­essen». Die italienische Presse schrieb von «Porno-Festen». Der Begriff «Bunga-Bunga» wurde weltberühmt, ohne dass je im Detail geklärt worden wäre, was darunter genau zu verstehen sei. Berlusconis Entourage, so geht es aus abgehörten Telefongesprächen hervor, kannte «Rubys» Alter. Vielleicht kannte es Berlusconi selbst auch. Nur klare Beweise gab es dafür nicht.

Zentral in diesem Prozess waren auch die barocken Vorkommnisse vom 27. Mai 2010. Berlusconi war an jenem Tag auf Staatsbesuch in Paris, als man ihm kurz vor Mitternacht mitteilte, dass die Mailänder Polizei «Ruby» festgenommen habe. Sie war von einer Prostituierten angezeigt worden, wegen Diebstahls. Berlusconi rief persönlich auf der Zentrale an und erzählte dem Kabinettsleiter des Polizeichefs, der Dienst hatte, es gebe da ein Problem: Die junge Dame sei «die Nichte des ägyptischen Präsidenten Mubarak», sagte Berlusconi. Um einen diplomatischen Casus zu vermeiden, werde die Lokalpolitikerin Nicole Minetti vorbeikommen. Man möge ihr die junge Dame anvertrauen und von einer Überweisung an ein Heim absehen. ­Offenbar befürchtete Berlusconi, sie könnte plaudern.

Der Kabinettsleiter brauchte nur sieben Minuten, um «Rubys» wahre Identität herauszufinden. Doch als die Emissärin Berlusconis vorstellig wurde, entliess er die Marokkanerin ohne weitere Fragen. Wie aktiv und direkt wurde er vom Premier dazu genötigt? Für die Richter gibt es keine Beweise, die den Zwang belegen würden. Minetti, so stellte sich heraus, war Berlusconis Zahnpflegerin und in einer Nebenrolle zuständig für die Organisation der Partys. Sie war es also, die die schönen Frauen aussuchte und nach Arcore einlud. Man versprach ihnen nicht nur Geld für ihre Teilnahme, sondern auch Karrieren als Showgirls auf Berlusconis privaten Fernsehsendern. Die Justiz nennt es Prostitution.

Ganz ausgestanden ist der Fall «Ruby» jedoch nicht. Mailänder Untersuchungsrichter haben mittlerweile den dringenden Verdacht, dass Berlusconi zwei Dutzend seiner Partygängerinnen mit viel Geld und Gratiswohnungen bestochen hat, damit sie ihn im Prozess nicht belasteten. Zweien stellte er Villen mietfrei zur Verfügung, andere erhielten regelmässig 5000 oder 7000 Euro in 500er-Scheinen. «Ruby» selbst soll bis vor kurzem monatlich 15'000 Euro Schweigegeld von Berlusconi erhalten haben. Die Ermittler liessen Wohnungen durchsuchen, Handys und Computer konfiszieren. Gut möglich, dass dieses Material bald in einem neuen Prozess verhandelt wird. Und wieder trüge das Verfahren den Namen der «Herzensdiebin».

Sozialdienst abgebüsst

Über solche Eventualitäten mochten seine politischen Freunde am Tag nach dem Freispruch lieber nicht reden. Einige fragten stattdessen, wer Berlusconi nun entschädige für das erlittene Unrecht. Andere Weggefährten wähnen Italiens Demokratie geschädigt wegen der «Prozessfarce», wie sie es nannten, gegen den Parteichef von Forza Italia. Es vermischen sich wieder politische und private Angelegenheiten. Gebremst wird Berlusconis Elan aber weiterhin wegen eines anderen Falls, in dem er wegen Steuerbetrugs verurteilt worden war. Seinen Sozialdienst im Altersheim büsste er ab. Doch als Folge jener Ver­urteilung darf er bis 2019 keine Wahlen bestreiten – nicht persönlich. Da fehlt noch viel für die Wiedergeburt.

Erstellt: 11.03.2015, 20:17 Uhr

Artikel zum Thema

Berlusconi freigesprochen

Der ehemalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi ist im «Bunga-Bunga»-Prozess freigesprochen worden. Das oberste Gericht in Italien bestätigte das Urteil in letzter Instanz. Mehr...

Berlusconis Sozialdienst endet, ein neuer Prozess beginnt

Einmal in der Woche hat Silvio Berlusconi in den vergangenen Monaten in einem Altersheim gearbeitet. Nun endet sein Sozialdienst, doch neuer Ärger ist bereits in Sicht. Mehr...

15'000 Euro in bar für Ruby

Silvio Berlusconi soll hohe Summen für die junge marokkanische Prostituierte bezahlt haben. Auch heute bekommen Frauen noch regelmässig Geld von Berlusconi, glauben die Staatsanwälte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Sea Happy – abtauchen und Marken sammeln

Füllen Sie beim täglichen Einkauf Ihre Sea Happy Sammelkarte und freuen Sie sich über Geschenke mit Unterwasser-Flair.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...